Wolfs­burg, Volks­wagen-Arena, am ver­gan­genen Samstag: Wäh­rend der HSV-Anhang in der Gäste-Ecke den Aus­wärts­sieg seiner Elf und das letzte Fünk­chen Hoff­nung auf den Klas­sen­er­halt beju­belt, springen auf der Heim­seite die Ersten über die Geländer der Nord­kurve. Nur eine Ord­ner­kette hin­dert einige VfL-Fans daran, auf den Platz zu stürmen. Statt­dessen schimpfen die Anhänger aus der Ent­fer­nung über die wieder einmal kata­stro­phale Leis­tung des Teams. Drei Spieler trauen sich letzt­lich vor den Fan­block, der Rest trottet mit hän­genden Schul­tern in den Kabi­nen­trakt.

Rück­blick: Braun­schweig, vor gut elf Monaten. Nach zwei Siegen in der Rele­ga­tion gegen die Ein­tracht aus der Nach­bar­stadt feiern Fans und Spieler des VfL Wolfs­burg gemeinsam die Ret­tung in letzter Sekunde. Trotz sport­li­cher Tal­fahrt sind Verein und Anhän­ger­schaft in den letzten Wochen der Saison eng zusam­men­ge­rückt. Die nicht gerade für über­bor­dende Unter­stüt­zung bekannten Wölfe-Fans stehen unge­achtet der vielen Nie­der­lagen hinter der Mann­schaft und sorgen immer wieder für neue Moti­va­tion. Der Nicht-Abstieg sei am Ende auch ihr Ver­dienst, betonen Ver­eins­of­fi­zi­elle.

Arbeit, Fuß­ball, Lei­den­schaft?!

Es sieht so aus, als könnte in Wolfs­burg, das sonst für unin­spi­rierte Mil­lio­nen­trans­fers und ver­mes­senes Anspruchs­denken steht, doch einmal eine Ein­heit zusam­men­wachsen. Die Siege über den unge­liebten Rivalen aus dem nur eine halbe Auto­stunde ent­fernten Braun­schweig heben die Stim­mung. Als Claim der neuen Saison wählt der VfL das von den Fans eta­blierte Motto Arbeit, Fuß­ball, Lei­den­schaft“. Und im Unter­schied zu den Vor­jahren fallen die sport­li­chen Ziel­vor­gaben in diesem Jahr ver­gleichs­weise bescheiden aus: Kon­so­li­die­rung und ein­stel­liger Tabel­len­platz.

Doch mit der Ruhe und Genüg­sam­keit ist es schnell vorbei. Nach nur vier Spiel­tagen der neuen Saison wird Trainer Andries Jonker ent­lassen. Ein erster Bruch des neuen Ver­trau­ens­ver­hältnis. Der Nie­der­länder war bei den Fans beliebt, der Raus­wurf trifft auf Miss­fallen. Der Umbruch im Sommer und die Chance auf wach­sende Struk­turen – all das scheint einmal mehr über Bord geworfen.

Feh­lende Iden­ti­fi­ka­tion

Die Saison ver­läuft schlep­pend, der VfL bewegt sich fast aus­schließ­lich im unteren Tabel­len­drittel. Mit den Ergeb­nissen kann das Publikum den­noch leben, eher stößt der oft lustlos wir­kende Auf­tritt der Mann­schaft auf. Zudem fehlt es an Iden­ti­fi­ka­ti­ons­fi­guren: Im Sommer hat mit dem lang­jäh­rigen Stamm-Keeper Diego Benaglio der letzte Profi aus der Meis­terelf von 2009 den Kader ver­lassen. Im Winter flieht auch Mario Gomez über­stürzt aus der Auto­stadt, der den Anhän­gern  durch Fan­nähe und klare Worte ans Herz gewachsen war.

Was bleibt, ist eine Ansamm­lung durch­schnitt­li­cher und mehr­heit­lich pro­fil­loser Bun­des­liga-Kicker, denen man kaum abnimmt, dass sie etwas anderes als der schnöde Mammon nach Wolfs­burg treibt. Die sport­liche Füh­rung ver­passt es, Publi­kums­lieb­ling Maxi Arnold zum Kapitän und Leit­wolf zu machen. Einzig der Umstand, dass auf­grund der anhal­tenden Ver­let­zungs­mi­sere viele Eigen­ge­wächse zu ihren Profi-Debüts kommen, ist ein Licht­blick für die Fans.