Seite 3: Wäre Guardiola ein guter Camper?

Seit das Gelände ein­ge­deicht wurde, genießen Dennis und die anderen Insu­laner den Kom­fort, nicht mehr drei Mal im Jahr vom Rhein über­flutet zu werden. Sie nennen ihre pro­vi­so­ri­schen Behau­sungen mobile Heime“, auch wenn die meisten seit Jahren nicht vom Fleck bewegt, son­dern zu wahren Wohn­höhlen aus­ge­baut wurden. Gel­sen­kir­chener Barock­schlöss­chen, flan­kiert von Bar­be­cue­schreinen und Well­ness­hütt­chen, bewacht von Ter­ra­cot­ta­di­no­sau­riern und Plas­ti­k­el­e­fanten. Hier haben die Dau­er­ur­lauber alles, was sie zu brau­chen meinen. Es ist wie daheim, nur eben mit einem Rest von Illu­sion, dass sie irgendwie unter­wegs wären, schließ­lich hat ihr Haus ja Räder. Wie in einem rie­sigen Stau auf der Sehn­suchts­straße Route 66. Vom Fee­ling her ein gutes Gefühl.

Hey, Baby!

Die Fuß­ball­fans unter den mobilen Heim­be­woh­nern gucken die Sky-Kon­fe­renz in mit Kunst­rasen aus­ge­klei­deten Vor­zelten, Schalker, Dort­munder, Bayern, Glad­ba­cher, Kölner – die ganze Bun­des­liga auf einer Par­zelle. Wenn es zu voll wird, wei­chen sie in die Par­ty­scheune aus, direkt über dem Restau­rant am Deich. 3000 Camper lagen sich hier in den Armen, als Deutsch­land im Juli letzten Jahres Welt­meister wurde. Hin­terher trat Klaus, der Eisen­bieger, als DJ-Ötzi-Double auf. Mit weißer Strick­mütze auf dem Kopf war er vom Ori­ginal kaum noch zu unter­scheiden. Er macht das mitt­ler­weile pro­fes­sio­nell. Auf seiner Visi­ten­karte sind seine Kern­kom­pe­tenzen auf­ge­führt: Betriebs­feiern, Hoch­zeiten, Strip­tease. Alles kann, nichts muss auf der Insel Grav. Hey, Baby.

Andere Urlauber eilen an die Enden der Welt, um sich dort mög­lichst einsam und indi­vi­dua­lis­tisch zu fühlen, und finden sich doch nur in Rei­se­gruppen wieder, in denen alle die glei­chen atmungs­ak­tiven Jacken tragen. Der Reiz des Cam­pens besteht hin­gegen von vorn­herein in der beinah voll­kom­menen Ega­lität: So sehr man seinen Wohn­wagen auch her­aus­putzt, auf­motzt und ver­schö­nert, er bleibt doch immer ein Wohn­wagen. Auf Grav gibt es weder Villen noch Sozi­al­bauten, keine bes­seren und keine schlech­teren Viertel. Eitel­keit und Res­sen­ti­ment werden mit der zivilen Klei­dung abge­streift. Und halb­nackt sind alle gleich: gleich son­nen­ver­brannt, gleich schlecht täto­wiert, gleich weit ent­fernt von den Pho­to­shop­men­schen aus den Hoch­glanz­ma­ga­zinen. Man zeigt, was man hat, und macht sich nichts weiter draus.

Auf einem Kiesweg begegnen sich an diesem frühen Nach­mittag Anfang Juli zwei Herren mitt­leren Alters, der eine zieht einen Bol­ler­wagen voller Bier­kästen hinter sich her. Na, na, na! Du willst doch wohl nich dat Saufen anfangen!“, mahnt der eine. Wieso?“, ent­gegnet der andere. Dat ist der Vorrat für drei Monate!“ Wer von ihnen in der Welt jen­seits von Grav gesell­schaft­lich höher­ge­stellt sein mag, ist beim besten Willen nicht zu erkennen: Beide tragen eine Drei­vier­tel­hose und kein Hemd.

Frank Seibt steuert jetzt den Norden der Insel an. Da gibt es noch einen Bayern-Fan“, sagt er, als führe man tief hinein in den Dschungel zu einem ganz exo­ti­schen Völk­chen. Dabei ist es nur Herr Rudolf, ein Rentner mit lieben Ige­laugen, der noch ein paar Mal die Woche einen Schulbus fährt. Seine Frau tut ihm manchmal leid, beson­ders im ver­gan­genen Jahr: Sie ist Anhän­gerin des BVB. Als der Götze von uns weg­ge­gangen ist, da war ich traurig“, sagt sie, und Herr Rudolf seufzt, als würde er ihr den Götze gern zurück­geben, wenn er nur die Mittel dazu hätte. Einmal waren sie gemeinsam im Sta­dion, als die Bayern in Duis­burg gas­tierten, aber da haben wir gar nichts gesehen, und eine Zeit­lupe gab ett au nich.“ Sie gucken Fuß­ball viel lieber auf dem Flach­bild­fern­seher, gemüt­lich im Wohn­wagen. Oft mit ihrem Nach­barn, der ist zwar Schalke-Fan, aber das macht ja nichts. Tschüsken“, rufen die Rudolfs zum Abschied. Kommt bald wieder!“

Alles eins, alle haben sich lieb: Die Hitze mag ein Grund sein für die gera­dezu para­die­si­sche Kon­flikt­lo­sig­keit der Graver Cam­per­ge­sell­schaft. Sie lässt das letzte biss­chen Fana­tismus zusam­men­schmelzen auf ein schlaffes Abwinken und ein müdes Lächeln. Auch die höchst beengte Wohn­raum­si­tua­tion, die alle dazu zwingt, so gut es geht mit­ein­ander aus­zu­kommen. Nicht zuletzt aber ist es eine gewisse Ahnungs­lo­sig­keit, die wirk­lich fach­liche und des­halb womög­lich ver­bis­sene Aus­ein­an­der­set­zungen gar nicht erst ent­stehen lässt. Die Fans hier glauben alle an den­selben Fuß­ball­gott, mit den Namen der Pro­pheten haben sie es aber nicht so. Klaus etwa, der mus­ku­löse Schalker, nennt den neuen Trainer Brei­ten­reitner“, manchmal sogar Wel­len­reiter“, und weiß nicht viel mehr über ihn, als dass er ein ganz boden­stän­diger Typ zu sein scheint. Einer, den man sich wohl auch in einem Wohn­wagen vor­stellen könnte. So son­dieren sie alle instinktiv das Bun­des­li­ga­per­sonal auf poten­ti­elle Camper: Der Skripnik ist einer, der Guar­diola auf keinen Fall, der schläft lieber in der Suite. Kloppo ja, aber Tuchel? Der muss sich erst noch am Grill beweisen.