Seite 2: Auf Grav ist die Hölle los

Jetzt biegt er in den Habichts­fang ein und hält vor dem Wohn­wagen mit der Nummer 39. Jemand zu Hause?“, ruft er über die Buchs­baum­hecke. Dahinter liegt Ralf, ein Schalker, in einem BVB-Plansch­be­cken, das Alfons, ein Wer­de­raner, für seine Neffen auf­ge­blasen hat. Alles fit?“, fragt Seibt. Alles fit, Herr Direktor!“, sagen Alfons und Ralf, die ein­ander im Sta­dion wohl das Schlimmste wün­schen würden, sich hier aber das Plansch­be­cken teilen. Es ist, als würde auf Grav, in der infer­na­li­schen Hitze der Som­mer­pause, die große Amnesie ein­setzen. Als würde alles, was war, ver­ziehen, die Nie­der­lagen, die Häme, der Spott, die Unbill der mensch­li­chen Exis­tenz über­haupt. Als würde alles mit­ein­ander ver­schmelzen zu einem großen Verein, dem FC Deutsch­land, der geschlossen ins Plansch­be­cken steigt. Alles eins, wie Frank Seibt sagt. Alle haben sich lieb.

Mee­ensch, habt ihr kein Zuhause, oder wat?“

Und wie: Die Kubiks sind seit 45 Jahren ver­hei­ratet, etwa genauso lange sind sie Dau­er­camper auf der Insel Grav, wohn­haft am Pro­me­na­den­hang 21. Krieg ich eigent­lich ma ne Urkunde?“, fragt Herr Kubik. Kommt!“, sagt Frank Seibt. Mach ich dir fed­dich.“ Die Kubiks haben sich auf der Arbeit ken­nen­ge­lernt, in einem Ober­hau­sener Möbel­haus Ende der sech­ziger Jahre. Dass sie für Dort­mund war und er für Schalke, sprach nicht gegen die bal­dige Hoch­zeit. Heute wehen die Fahnen beider Klubs über ihrer Par­zelle, an einem gemein­samen Mast. Gibt es auch bei den Ehe­leuten Kubik nie­mals Streit? Ab und zu ver­natzen wir uns schon mal“, sagt Frau Kubik. Ja, ich per­sön­lich bin ja froh, dass ich die Fratze von dem Klopp nicht mehr sehen muss“, sagt ihr Mann. Hörst du jetzt auf!“, ruft sie und tut so, als würde sie ein Hand­tuch nach ihm werfen. Naja, am Anfang mochte ich den Kloppo auch nicht“, sagt sie schließ­lich. Ganz Unrecht hat mein Mann da nicht.“ Er wirft ihr ein Küss­chen zu. Dann kühlt er sich unter seiner Cam­ping­du­sche ab, das Ther­mo­meter zeigt jetzt 38 Grad Cel­sius. Sie hält ihm das Hand­tuch, Kur­di­rektor Seibt schmun­zelt. Die Urkunde kannze dir im Büro abholen“, ruft er noch, als er seinen Trans­porter wieder anlässt. 45 Jahre, sachse? Mee­ensch, habt ihr kein Zuhause, oder wat?“

Es ist das erste Wochen­ende im Juli, die Sonne schreit die Insel an wie ein Bauer seinen lahmen Esel, und auf Grav ist die Hölle los. Autos knir­schen im Schritt­tempo über den Kies, Kenn­zei­chen BOT für Bot­trop, DU für Duis­burg, E für Essen. Die Motor­hauben glühen, rot­ge­sich­tige Kinder teilen sich die Rück­bänke mit bereits auf­ge­bla­senen Badedel­finen. Männer auf Klapp­rä­dern ver­bergen ihre Brüste gar nicht, die hin­ter­drein radelnden Frauen die ihren nur noch sehr dürftig. Am Restau­rant hinter dem Rhein­deich wirft die rie­sige Pom­mestüte aus Gips jetzt keinen Schatten mehr. Auf der Ter­rasse sagt ein Vater zu seinem Sohn: Wenn du dat Würstken auf­isst, gibbet noch’n Eis. Und getz mach Aaaaah, du Räuber!“ Der Sohn sagt: Immer muss ich wat Gesundes essen!“ Ab und an durch­schneidet ein Jamba-Klin­gelton die flir­rende Luft.

Sechzig Qua­drat­meter Wohn­fläche für hun­dert­sechzig Euro warm

Grav ist das Mal­lorca der­je­nigen, die nicht in die Ferne schweifen wollen. Hier, keine Auto­stunde von den Metro­polen des Ruhr­potts ent­fernt, legt man kein Hand­tuch auf den Platz, um ihn für sich zu reser­vieren, man stellt gleich einen ganzen Wohn­wagen darauf. Viele ver­bringen ihren Jah­res­ur­laub auf der Rhein­insel, som­mers wie win­ters, einige wohnen sogar dau­er­haft hier. So wie Dennis, ein 30-jäh­riger Schalke-Fan mit 140 Kilo­gramm Lebend­ge­wicht. Dat is’n ganz Bekloppter“, sagt Frank Seibt, der ihn hat auf­wachsen sehen. Dennis wurde an einem Sonntag geboren, am Freitag darauf war er erst­mals auf Grav. Seit zehn Jahren wohnt er nun fest hier. Mel­de­adresse: Insel 1. Sechzig Qua­drat­meter Wohn­fläche für hun­dert­sechzig Euro warm. Seine Par­zelle gleicht einem pri­vaten Tempel, die Wände sind mit S04-Pos­tern tape­ziert, die Aschen­be­cher, die Vor­hänge, sogar die Schrau­ben­zieher sind königs­blau. An hohen Fei­er­tagen besprüht er seine Hecke in der Ver­eins­farbe, und wenn er mal not­ge­drungen aus­wärts über­nachten musste, wegen einer Fami­li­en­feier, eines Urlaubs mit der Freundin, eines Kran­ken­haus­auf­ent­halts, was einen eben so abhält vom Campen, stellt er bei seiner Rück­kehr einen CD-Player in den Garten, dreht die Schalke-Hymne ganz laut auf und hisst die Fahne. In null­vier Zügen“, wie er betont. Er möchte nir­gends anders leben als auf der Insel Grav. Hier“, sagt Dennis, darf ich so sein, wie ich bin.“