Seite 4: Nicht klein zu kriegen

Längst ver­sucht er, die DDR ver­lassen zu können. Den Unrechts­staat, der sich nicht zu schade ist, selbst mit den per­fi­desten und per­ver­sesten Methoden zum Ziel zu gelangen. Einmal drohten sie meiner Frau mit dem Gefängnis und der Zwangs­ad­op­tion meines Sohnes“, erin­nert sich Wolle.

Ein anderes Mal muss er einen ganzen Tag lang in einem Flut­bunker in der Dres­dener Sta­si­zen­trale aus­harren: Ich hockte in einem Raum aus Beton, von außen hörte man das Wasser der Elbe, oben schwappte es über die Wand. Da dachte ich das erste Mal: Ob du hier jemals wieder raus kommst?“ Bereits 1976 hatte er den ersten Aus­rei­se­an­trag gestellt. Alle zwei Wochen wie­der­holt er diesen Akt, jedes Mal ohne Erfolg.

Also geht Wolle weiter zum Fuß­ball. Auch dann, als es seinen Bun­des­liga-Fan­klub nicht mehr gibt. Auch dann, als er ein Sta­di­on­verbot bei Dynamo kas­siert. 1981 ist er beim Spiel von Dynamo in Jena. Vor einer Kneipe ste­hend, wie immer in seinem Glad­ba­cher Erdgas-Trikot der Borussia, stürzt plötz­lich ein Jenenser auf ihn zu. Ich ging in Angriffs­stel­lung. Da sprang mir der Kerl in den Arm und rief: ›Ein Glad­bach-Fan!‹“ Aus Steffen Andritzke und Wolf­gang Groß­mann werden die besten Freunde.

Kar­ten­spiel mit Lothar Mat­thäus

Andritzke hat eine ähn­liche Bio­grafie. Dank der Sport­schau“ ver­guckt sich der Junge aus Jena in die Borussia, geht fortan mit selbst gebas­telter Glad­bach-Kutte zu den DDR-Ober­liga-Spielen, gerät regel­mäßig mit der Stasi anein­ander und schließt sich der gewalt­be­reiten Fan­szene an. Steffen und Wolle gründen den Borussia Fan­club in ewiger Treue Dresden-Weimar“.

Im Westen weiß man von den Ver­rückten aus der Zone, die sich für die Liebe zu den Fohlen von der Geheim­po­lizei drang­sa­lieren lassen. Auch weil sie gemeinsam mit anderen Gleich­ge­sinnten für unver­gess­liche Storys sorgen. Wie 1981 beim UEFA-Cup-Spiel der Glad­ba­cher in Mag­de­burg, als es Wolle gelingt, im Team­hotel der West­deut­schen die Stasi-Wachen aus­zu­tricksen und in eines der Zimmer zu schlüpfen: Da saßen Armin Veh und Lothar Mat­thäus und spielten Back­gammon.“

Eine Drei­vier­tel­stunde unter­hält sich Wolle mit seinen Helden und bekommt zum Abschied ein Kar­ten­spiel geschenkt. 1983 schafft es der Fan­klub gar, eine extra für Glad­bachs Jung­star Lothar Mat­thäus ange­fer­tigte Por­zellan-Bal­le­rina in den Westen schmug­geln zu lassen. Vor dem ersten Spiel der Saison 1983/84 wird Mat­thäus die Tro­phäe auf dem Rasen im Bökel­berg-Sta­dion über­reicht, er schickt den Ost­deut­schen einen Dan­kes­brief.

Drei Tickets nach Frank­furt

Für Wolle und Steffen sind das unver­gess­liche Momente. Aber sie sind noch immer Gefan­gene in ihrem eigenen Land. Ende 1984 geht es bei Wolle dann plötz­lich ganz schnell. Er bekommt Post von den Behörden und muss Unter­lagen ein­rei­chen, die beweisen, dass er der DDR im Falle einer Aus­wei­sung kei­nerlei Schulden hin­ter­lässt.

Im Januar 1985, den Tag hat Wolle kurio­ser­weise ver­gessen, wird er gemeinsam mit seiner dama­ligen Frau und dem Sohn um sieben Uhr mor­gens in die Sta­si­zen­trale bestellt. Und erhält die erste und letzte akzep­table Anwei­sung der Geheim­po­lizei: Sie haben 24 Stunden Zeit, die DDR zu ver­lassen.“ Am Bahnhof kauft er sich drei Tickets erster Klasse nach Frank­furt am Main, steigt mit seiner Familie, zwei Kof­fern und einem Schuh­beutel ein und beendet das Kapitel DDR, als wäre das hier nur die nächste Aus­wärts­fahrt nach Zwi­ckau oder Mag­de­burg.