Seite 3: Eine unerwartete Wendung

Die unschul­dige Liebe zum Spiel wurde Maaß zum Ver­hängnis. Er wurde exma­tri­ku­liert und musste alle Pläne für sein Leben über Bord werfen, weil er ein Fuß­ball­match ver­folgt hatte. Mit einem Schlauch­boot gelang ihm wenige Monate später eine aben­teu­er­liche Flucht über die Ostsee, doch der erste Frachter in inter­na­tio­nalen Gewässer fuhr unter ost-deut­scher Flagge.

Maaß kam hinter Gitter, eine uner­war­tete Amnestie noch im selben Jahr, von Erich Hon­ecker erlassen, befreite ihn zwar aus dem Gefängnis, aber nicht aus der DDR. Erst 1974 wurde er frei­ge­kauft und kam nach West­berlin. Maaß machte Kar­riere in der Politik und wurde, Ironie der Geschichte, 1990 gemeinsam mit Thomas de Mai­zière als Berater für den Minis­terrat der DDR-Über­gangs­re­gie­rung ein­ge­setzt. Im Zuge des Abbaus des Pro­pa­gan­da­ap­pa­rates setzte er höchst­per­sön­lich eine neue stell­ver­tre­tende Regie­rungs­spre­cherin ins Amt: Angela Merkel.

Sche­rers Tri­kot­schmugel

Auch Helmut Klopf­leisch war 1971 in War­schau. Der Ost­ber­liner, Jahr­gang 1948, wurde mit Geschick, Glück und guten Kon­takten in der west­deut­schen Fuß­ball­szene schnell bekannt. Beim Län­der­spiel in Polen über­reichte er Bun­des­trainer Helmut Schön einen Ber­liner Bären aus Stoff, 1982 stellte Natio­nal­spieler Pierre Litt­barski ver­blüfft fest: Egal wo wir im Ost­block antraten: Klopf­leisch war schon da!“

Ein Jahr zuvor hatte Klopf­leisch sogar Besuch von Bayern-Prä­si­dent Fritz Scherer bekommen, der ein altes Ver­spre­chen ein­lösen wollte. Er hat sich noch im Flur ent­blät­tert“, erin­nert sich Klopf­leisch. Scherer hatte unter seinem Anzug ein Trikot von Karl-Heinz Rum­me­nigge für den beson­deren Fan ver­steckt und über die Grenze geschmug­gelt.

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Robert Eikel­poth

In dieser Zeit begannen auch für Klopf­leisch die Repres­sa­lien durch die Stasi. Wann immer Mann­schaften aus dem Westen im Ost­block spielten, wurde der Ber­liner ver­haftet, die Beamten zogen seinen Pass ein. 1986 stellte Klopf­leisch seinen ersten Aus­rei­se­an­trag, der ihm am 29. Juni 1989 bewil­ligt wurde. Die Behörden hatten solange gewartet, bis Klopf­leischs Mutter im Sterben lag. Als sie vier Tage nach der Aus­reise ihres Sohnes beer­digt wurde, durfte er nicht kommen.

Wer gegen die DDR ist, der klat­sche in die Hand

Wolf­gang Groß­mann hat all die Demü­ti­gungen und Drang­salen noch vor sich, als er sich 1981 gemeinsam mit 15 Mit­strei­tern die Dres­dener Löwen“ gründet, einen Fan­klub für die Bun­des­liga – tief im Osten! Schalker, Dort­munder, Bremer, Bayern, Essener und Kölner finden sich bei den Löwen. Gemeinsam fährt die Gruppe zum Fuß­ball und zeigt dem Staat den Mit­tel­finger.

Auf einer Damp­fer­fahrt bestechen die Fans, alle­samt in Tri­kots der Lieb­lings­ver­eine aus dem Westen, die Kellner und leeren so viele Rade­berger, bis die ersten Fla­schen in die Elbe fliegen. Dazu singt die Gruppe aus vollem Hals: Wer gegen die DDR ist, der klat­sche in die Hand!“ An Land wartet auch schon das Roll­kom­mando der Stasi. Nach einem Jahr werden die Löwen“ zer­schlagen. Wie sich später her­aus­stellen wird, haben der ver­meint­liche Bayern- und der Bremen-Fan als Spitzel der Staats­si­cher­heit gear­beitet und ihre Freunde ver­raten. Zwei Tage bleibt Wolle diesmal im Gefängnis.