Es geschah am 1. Februar gegen 9.30 Uhr. Die Spieler vom SC Corin­thians berei­teten sich auf die letzte Trai­nings­ein­heit vor dem Aus­wärts­spiel gegen AA Ponte Preta vor. Ein wich­tige Partie, denn schon seit Sai­son­be­ginn befindet sich der Tra­di­ti­ons­klub in der Krise. So mise­rabel hatte die Mann­schaft bis­lang gespielt, dass der stolze Klub zum Gespött des Landes geworden war. Geg­ne­ri­sche Fans erzählten sich schon Witze über die jäm­mer­li­chen Auf­tritte der Corin­thians. Hohn und Spott, den der harte Kern des Anhangs nicht länger ertragen wollte.

Liebe oder Terror?

Unter dem Motto Spielt aus Liebe oder unter Terror“ (joga por amor ou joga por terror) stürmten rund 200 Mit­glieder der bekann­testen und größten Fan­grup­pie­rung Gaviões da Fiel“ (zu deutsch: Die Treuen Falken“) das Trai­nings­ge­lände. Teil­weise ver­mummt, bewaffnet mit Mes­sern, Schlag­stö­cken und Schuss­waffen ging die Masse auf die Fuß­baller los. Beson­ders im Fokus des Mobs: Das seit Wochen glück­lose Sturmduo Alex­andre Pato und Emerson Sheik.

Auf der Suche nach den Kickern hin­ter­ließ der Anhang eine Schneise der Gewalt. Glas­türen gingen zu Bruch, Autos wurden zer­beult, Kaf­fee­au­to­maten zer­stört. Einige Idioten gingen gar auf zwei Rezep­tio­nis­tinnen los und würgten sie am Hals. Im Kraft­raum wurden Funk­tio­näre bedroht und beklaut. Mann­schafts­arzt Joa­quim Grava wurden von den Schlä­gern so sehr über­rascht, dass er vor lauter Schreck ohn­mächtig wurde. Später erklärte er: Das waren Van­dalen! Viele waren kom­plett besoffen und unter Drogen. Diese Typen haben das Leben vieler Men­schen aufs Spiel gesetzt. In der phy­sio­the­ra­peu­ti­schen Abtei­lung haben sie sämt­liche Geräte mut­willig zer­stört.“ Zwei Mit­ar­beiter im Rent­ne­ralter wurden ohne Rück­sicht auf Ver­luste auf dem Boden gestoßen. Einige Spieler ver­bar­ri­ka­dierten sich mit Schränken in der Kabine und blieben dort bis 15 Uhr ein­ge­sperrt.

Schläge für Guer­rero

Doch nicht alle Spieler schafften es in die Kabine. Unter ihnen der ehe­ma­lige HSV-Profi Paolo Guer­rero. Drei Fans kreisten den Stürmer ein, beschimpften ihn und schlugen Guer­rero ins Gesicht. Noch 2012 war der Peruaner das Idol der Kurve gewesen – sein Treffer im Finale der Klub-WM gegen den FC Chelsea hatte Corin­thians damals den Titel beschert. Es ist nicht zu fassen. Der Schütze des wich­tigsten Tref­fers der Ver­eins­ge­schichte wird bepö­belt und geschlagen. Eine Kata­strophe für unseren Verein“, so die Reak­tion des fas­sungs­losen Prä­si­denten Mário Gobbi.

Beson­ders dreist: Nachdem der Pöbel das halbe Klub­heim zer­legt hatte, gönnten sich einige Fans ein paar Runden im Schwimmbad, bedienten sich an der Zap­fen­lage und schliefen ihren Rausch in der Sonne aus. Ein Anhänger soll gar in See­len­ruhe eine Tasse Kaffee in der Ver­eins­kan­tine bestellt haben. Erst nach einer Stunde traf die Polizei ein. Nur um fried­lich Spa­lier für die Ran­da­lierer zu stehen. Fest­nahmen? Fehl­an­zeige. Erst als die Presse in den Tagen nach dem Vor­fall den Druck auf die Behörden erhöhte, prä­sen­tierte die Polizei drei Fest­nahmen: Gabriel Mon­teiro de Campos, Tar­cisio Baselli Diniz und Tiago Aurélio dos Santos Fer­reira wurden vor­läufig in Unter­su­chungs­haft genommen. Gerade Dos Santos Fer­reira ist kein Unbe­kannter in der süd­ame­ri­ka­ni­schen Fan­szene: Er gehörte zu den zwölf corin­thianos“, die 2013 den Tod des 14-jäh­rigen boli­via­ni­schen Fans Kevin Espada zu ver­ant­worten hatten. Eine wäh­rend des Copa-Libertadores-Spiels zwi­schen Corin­thians und San José Oruro abge­brannte See­not­fa­ckel hatte den Teen­ager im Gesicht getroffen. Espada erlag später seinen Ver­let­zungen. Dos Santos Fer­reira saß fünf Monate in boli­via­ni­scher U‑Haft, ehe er aus Mangel an Beweisen frei­ge­lassen wurde.

Am Montag hat Richter Gil­berto Aze­vedo Morais Costa sein Urteil gefällt. Dos Santos Fer­reira und seine Mit­streiter wurden frei­ge­spro­chen. Die Begrün­dung des Rich­ters ist ein Skandal. Letzt­lich“, so der Richter, war das ein Akt des Auf­stands von Fans, die ihrem Klub treu ergeben sind.“ Mit dem Über­griff auf Fuß­baller, Mit­ar­beiter und Funk­tio­näre habe man ledig­lich darauf auf­merksam machen wollen, dass die teuer bezahlten Profis dem so geliebten Klub die ihm zuste­hende Ehre zu erweisen hätten. Außerdem sei die Klub­füh­rung in der Ver­gan­gen­heit nicht müde geworden, die Treue seiner Anhänger zu loben. Nun habe ein Teil des Anhangs eben auf rus­ti­kale Art und Weise jene Treue bewiesen. Dem­zu­folge lehne ich die Anklage ab und ver­lange die Frei­las­sung aus dem Gefängnis“, so der Richter. Ein ver­hin­derter Schuld­spruch aus zu viel Liebe für den Verein. Urteils­sprüche wie diese sind ein Nacken­schlag für jede Recht­spre­chung.

235 Tote in 16 Jahren
 
Vor allem zeigt dieser Vor­fall, wie es um den bra­si­lia­ni­schen Fuß­ball steht. Mord und Tot­schlag sind in den Kurven der Klubs keine Sel­ten­heit, sie sind die Regel. Allein in den ver­gan­genen 16 Jahren sind nach­weis­lich 235 Men­schen im Zuge von gewaltsam aus­ge­tra­genen Fan-Fehden ums Leben gekommen. Erst vor knapp zwei Wochen prü­gelten Anhänger vom FC Sao Paulo einen Santos-Fan an einer Bus­hal­te­stelle zu Tode.

Joa­quim Grava, der Mann­schafts­arzt von Corin­thians, for­derte die Politik auf, wirk­same Maß­nahmen zu treffen: Prä­si­dentin Dilma Rousseff muss end­lich ein Gesetz ver­ab­schieden, das diese orga­ni­sierten Fuß­ball-Kri­mi­nellen ver­bietet.“ Von den betrof­fenen Spie­lern hat sich bis heute nie­mand offi­ziell zu dem Vor­fall geäu­ßert. Zu groß ist die Angst vor wei­teren Über­griffen. Alex­andre Pato ver­ließ den Klub flucht­artig und spielt nun für den Rivalen vom FC Sao Paulo. Gegen AA Ponte Preta, einen Tag nach dem Über­fall, wei­gerte sich die Mann­schaft zunächst aus Angst vor den Fans, den Rasen zu betreten und konnte in letzter Sekunde doch noch dazu über­redet werden.

Wie sinn­voll die vom Richter unter­stützten Maß­nahmen“ der Fans waren, zeigte sich dann übri­gens auf dem Platz. Die völlig ver­un­si­cherte Mann­schaft verlor das Spiel mit 1:2.