Es sind schwere Zeiten für Fuß­ball­ro­man­tiker, die zwi­schen Cham­pions League-Reform und New­castle-Über­nahme uner­müd­lich nach Geschichten fürs Herz suchen. Einen Funken Hoff­nung hätte der Bra­si­lianer Raf­fael aus­senden können. Er hätte sich nur mit seinem ersten Klub in Europa, dem Schweizer Dritt­li­gisten FC Chi­asso, auf eine Rück­kehr einigen müssen – in lockeren Gesprä­chen war man schon. Abseits der großen Bühne, dort, wo es für ihn im Jahr 2003 so richtig los­ge­gangen war, wäre Raf­fael nun auch seine letzten Schritte im Fuß­ball gegangen. Schönes Bild, runde Sache. Doch fand man offenbar keinen gemeinsam Nenner – und Raf­fael damit auch nicht zurück ins Tessin. Statt­dessen kickt der 36-Jäh­rige künftig in Žiar nad Hronom, einem 18.000-Einwohner-Ort in der Slo­wakei.

Welche Rolle Lucien Favre spielte

Raf­fael hat 290 Bun­des­li­ga­spiele auf dem Buckel, in denen er 82 Tore erzielt hat. Hinzu kommen 46 Ein­sätze in Cham­pions und Europa League. Eigent­lich eine Kar­riere, die nicht zwangs­läufig nach Fort­set­zung schreit. Da muss die Frage erlaubt sein: Was will Raf­fael jetzt noch beim Tabel­len­letzten der slo­wa­ki­schen Liga? Auf der Home­page seines neuen Klubs FK Pohronie sagt er dazu ganz offi­ziell: Ich möchte wei­terhin Spaß am Fuß­ball haben, zu meinem Ver­gnügen und dem der Zuschauer spielen.“ Außerdem möchte er natür­lich: helfen. Und zwar mit meiner Erfah­rung“.

Keine Frage, Hilfe hat Pohronie am Tabel­len­ende bitter nötig. Doch wird Raf­fael kaum nach in Not gera­tenen Fuß­ball­klubs gesucht und sich dann aus­ge­rechnet für einen 2012 gegrün­deten Verein aus der slo­wa­ki­schen Pro­vinz ent­schieden haben. Auf­schluss­rei­cher erscheint da schon, was der lang­jäh­rige Glad­bach-Spiel­ma­cher in der Ver­eins­mit­tei­lung noch so erzählt. So sei Loic Favre, Sohn des ehe­ma­ligen Borussia-Trai­ners Lucien Favre sowie Sport­di­rektor und Mit­ei­gen­tümer bei Pohronie, an ihn her­an­ge­treten und habe sich nach seinen Plänen erkun­digt. Dazu muss man wissen: Favre senior galt stets als großer Fan Raf­faels, holte ihn in jungen Jahren nach Zürich, nahm ihn dann mit zur Ber­liner Hertha und lotste den Bra­si­lianer später nach Glad­bach. Auch nach Favres Abschied von der Borussia riss der Kon­takt nicht ab. In einem Inter­view mit Spox“ sagte Raf­fael einst, dass er sich im Pri­vaten regel­mäßig mit seinem ehe­ma­ligen Trainer aus­tau­sche. Favre junior nutzte diese Ver­bin­dung nun offenbar, um ein Enga­ge­ment bis Jah­res­ende ein­zu­fä­deln. Es scheint also, als greife Raf­fael weniger dem FK Pohronie als viel­mehr einem guten Bekannten unter die Arme.

Es fehlt mir ein biss­chen, auf dem Feld zu stehen“

Dagegen ist natür­lich nichts ein­zu­wenden. Aller­dings müsste Raf­fael aus etli­chen Jahren im Pro­fi­fuß­ball so einige Bekannte haben, die Unter­stüt­zung ganz grund­sätz­lich gebrau­chen könnten – zumal auch Schalke unter seinen Ex-Klubs zu finden ist. Also: Warum Pohronie? Der Klub kämpfte seit dem Erst­li­ga­auf­stieg im Jahr 2019 stets um den Klas­sen­er­halt und hat auch in der lau­fenden Saison erst einen Dreier ein­ge­fahren. Wir wissen, dass wir die Qua­lität des Per­so­nals erhöhen müssen. Jeder Spieler der aktu­ellen Mann­schaft muss im Trai­ning und im Spiel mehr abrufen, sonst werden wir keinen Erfolg haben“, sagte Loic Favre vor wenigen Tagen gegen­über sport​.sk“. Die Idee hinter der Ver­pflich­tung könnte dem­nach wie folgt aus­sehen: In maximal neun Spielen bis Jah­res­ende soll Raf­fael seine Erfah­rung ein­bringen, der äußerst jungen Pohronie-Mann­schaft so die Rich­tung weisen – und selbst wieder im Tages­ge­schäft des Pro­fi­fuß­balls ankommen. Die Rhei­ni­sche Post“ ver­mutet, dass der seit Sommer 2020 kalt­ge­stellte Offen­siv­mann ab Januar anderswo wei­ter­ma­chen möchte.

Viel­leicht ist die Lösung aber auch ganz ein­fach – und hat doch noch einen Hauch Romantik zu bieten. Als Raf­fael kürz­lich Besuch von einem Sat.1“-Fernsehteam erhielt, sagte er: Ich habe eine lange Pause gemacht – und es fehlt mir ein biss­chen, auf dem Feld zu stehen.“ Womög­lich ist es ja doch so gewesen, dass sich über einen guten Bekannten ein­fach die schnelle Mög­lich­keit bot, wieder das zu tun, was Raf­fael nun mal sein ganzes Leben getan hat: Fuß­ball spielen.