Bei diesen Wo warst Du, als…?“-Stammtischrunden schneide ich bis­lang ganz gut ab. Der Putz brö­ckelt offenbar noch nicht. Ich weiß relativ genau, was ich tat, als die Mauer fiel, als die Zwil­lings­türme in New York wankten oder die Mel­dung kam, dass John Lennon erschossen wurde. An dieser Stelle nach­zu­er­zählen, wie Fig­ge­meiers Stimme dröhnte, als Uer­din­gens Abwehr­recke Wolf­gang Funkel zum zweiten Mal gegen Dynamo Dresden traf, fiele mir relativ leicht. Ich saß vorm Fern­seher, als Felix Magath den Ball im offenbar Licht­jahre ent­fernten Athen über Dino Zoff in die Maschen zir­kelte und Johan Cruyff den Lau­te­rern beschei­nigte, sie seien für seinen FC Bar­ce­lona ein guter Gegner gewesen.
 
Diese Euro­pa­cup­spiele gehören zu meiner Initia­tion als Fuß­ballfan. Unver­gess­liche Ereig­nisse mit hohem Sucht­faktor. Nur hat es das Schicksal so gewollt, dass ich diese Par­tien alle­samt im Fern­sehen gesehen habe und meine Sym­pa­thien dabei jeweils dem west­deut­schen Klub galten. Mein Puls­schlag bei jedem Match war hoch, meine Gefühls­lage wech­sel­haft und als der Schieds­richter abpfiff, war klar, dass ich etwas Außer­ge­wöhn­li­chem bei­gewohnt hatte – ganz unab­hängig vom Aus­gang. Doch so ver­schlungen der Spiel­ver­lauf auch war, das kühle Ergebnis nahm der Partie im Nach­hinein ein Stück seiner Magie. Ich hatte etwas Unglaub­li­ches erlebt, aber das Resultat bana­li­sierte diese Stern­stunde irgendwie. Das jewei­lige Spiel war für mich wie ein voll­endeter Zau­ber­würfel. Das Geheimnis des Aus­gangs war mit dem Abpfiff ent­schlüs­selt.

Auf nach Mal­lorca – an Bord: flei­schige Party-Tou­risten
 
Des­halb fällt mir bei der Frage nach dem außer­ge­wöhn­lichsten Euro­pacup-Spiel eine Partie ein, die ich nicht gesehen habe: das Cham­pions-League-Finale 1999 zwi­schen Man­chester United und dem FC Bayern. Der Zufall wollte es, dass ich bei Spiel­be­ginn im Düs­sel­dorfer Flug­hafen am Check-In stand. Neben mir schoben Fuß­ball­ver­eine in Plas­tik­folie ver­schweißte Bier­pa­letten auf die Gepäck­bänder. Als Mario Basler zum 1:0 traf, hob die Maschine nach Palma de Mal­lorca ab. Ich saß, dem Dia­lekt nach zu urteilen, zwi­schen einem Dut­zend Ama­teur­fuß­baller aus dem Ber­gi­schen Land. Die flei­schigen Kicker befanden sich auf dem Weg in eine feucht-fröh­liche Som­mer­fri­sche zum Sai­son­aus­klang. Alle trugen umge­drehte Base­ball­kappen, flache, schwarze Son­nen­brillen und das Trikot ihres Pro­vinz­ver­eins, auf dessen Rücken jeweils nur ein Name geflockt war: Hotte“.

Und noch etwas einte die Party-Tou­risten: Ihre Vor­liebe zum zotigen Witz gegen­über Ste­war­dessen, ein großer Durst und – last but not least – ein abgrund­tiefer Hass gegen­über dem FC Bayern und seinen Spie­lern. Als der Pilot, gewahr der Tat­sache eine Horde unge­ho­belter Fuß­ball­fans zu trans­por­tieren, freund­lichst die 1:0‑Führung für die Münchner über die Bord­laut­spre­cher flö­tete, ging seine Durch­sage in der Holz­kasse im Pro­test­ge­schrei unter wie die Bekannt­gabe von Stel­len­strei­chungen auf einer Gewerk­schafts­kund­ge­bung.

In den Puff nach Bar­ce­lona?
 
Ehr­lich gesagt, auch ich hatte bis dato stets eine Abnei­gung gegen den FC Bayern ver­spürt. Sie rührte noch aus Zeiten von Breit­nigge“, als die Münchner als Bullen“ fir­mierten und in Leder­hosen zu Aus­wärts­spielen reisten. Da ich mich nun bereits in der­selben Buchungs­klasse mit all diesen Bayern-Has­sern befand, die zu allem Über­fluss überm Mit­tel­meer anfingen, gröh­lend die Heide brennen zu lassen und im Puff nach Bar­ce­lona zu fahren, erschien mir plötz­lich der Gedanke, ihnen auch fuß­ballideo­lo­gisch nahe­zu­stehen, nahezu abgründig.

Ich ent­schied mich also, wäh­rend wir gen Palma düsten, dem Bun­des­li­gisten aus dem Süden beim Gelingen seiner Königs­klassen-Bemü­hungen aus­nahms­weise die Daumen zu drü­cken. Am meisten aber wollte ich, dass diese Hotte“-Typen auf dem heißen Boden von Mal­lorca schon mit schlechter Laune auf­setzten, damit sie sich anschlie­ßend als lär­mende Epi­gonen des Bier­kö­nigs end­gültig um den kargen Ver­stand brachten.

Doch der FC Bayern konnte bekannt­lich meine erwachte Sym­pa­thie nicht nutzen. Die Sitz­gurte waren für den Lan­de­an­flug bereits geschlossen, die Rück­lehnen gerade, da schal­tete sich noch einmal der Pilot mit einer Durch­sage ins Geschehen ein. Er würde sich freuen, uns pünkt­lich in Palma abzu­lie­fern, wo eine warme Som­mer­nacht auf uns warten würde. Aller­dings müsse er uns mit­teilen, dass der FC Bayern in der Nach­spiel­zeit – in den letzten zwei Minuten“, wie er sich aus­drückte – dem Team von Man­chester United unter­legen gewesen sei. Die letzten Worten gingen im kol­lek­tiven Jubel von gefühlt zwan­zig­tau­send Hottes“ unter.

Zweeeeii Mii­i­nuten, zweiiiei­ieiiieii Minuten“

Bis dahin hatte ich dieser ber­gi­schen Spe­zies nicht den Hauch eines eigenen Gedan­kens zuge­traut, nun aber legten sie durchaus Krea­ti­vität an den Tag: Zweeeeii Mii­i­nuten, zweiiiei­ieiiieii Minuten“ schallte es beim Land­an­flug durch die Kabine. Kra­kee­lendes Lachen. Bier­dosen rollten über den Tep­pich­boden. Zwei Hottes“ rülpsten das Alphabet. Ein Hotte“ spie rechts hinter mir dem neben ihm sit­zenden Hotte“ übers Hotte“-Jersey. Der Mann gluckste, schüt­telte sich und stimmte wieder ein: Zweeeeii Mii­i­nuten, zweiiiei­ieiiieii Minuten“.
 
Ohne den genauen Spiel­ver­lauf zu kennen, taten mir die Spieler des FC Bayern in diesem Moment ein­fach nur leid. Ein Cham­pions League Finale in der Schluss­phase aus der Hand zu geben, ist sehr traurig. Oliver Kahn sagte später einmal, er habe ein Jahr gebraucht, sich von diesem Schock zu erholen. Er kann sich glück­lich schätzen, dass er nicht mit­er­leben musste, wie ihn eine Kohorte Bier­monster namens Hotte“ in einer LTU-Maschine von Düs­sel­dorf nach Palma ver­höhnte. Viele Men­schen, mit denen ich später über diese Nie­der­lage sprach, sagten, sie hätten ihre Abnei­gung gegen den FC Bayern in dieser Nacht abge­legt, weil ihnen erst beim Betrachten der wei­nenden Spieler auf dem Rasen von Nou Camp“ bewusst geworden sei, dass auch dieser mit­unter zur Arro­ganz nei­gende Klub ver­wundbar ist.

Was war aus Linekers These geworden?
 
Als ich am Abend in einer Bar einen Cuba Libre“ trank, hatte auch ich auf­ge­hört, den FC Bayern zu ver­ab­scheuen. Einer­seits, weil ich keine logi­sche Erfklä­rung finden konnte, wie ein Spiel in 109 Sekunden gedreht werden kann. Die Dra­ma­turgie des Spiels wollte sich mir ein­fach nicht erschließen. Gary Lineker hatte schließ­lich immer ganz anders argu­men­tiert.

Und über­haupt: Was war aus dem guten, alten Bayern-Dusel geworden? Ande­rer­seits lernte ich in diesem Moment die Bayern mögen, weil sie mir trotz ihrer Sie­ges­ge­wiss­heit, die ich schon so viele Jahre ertragen hatte, wesent­lich lieber waren, als ein Rudel Rhein­länder auf Ballermann“-Mission. So wie sich die Bayern She­ringham und Solks­jaer hatten geschlagen geben müssen, konnte ich in dieser Nacht gegen eine Über­macht Hottes“ nichts aus­richten. Im Fern­sehen lief die Zusam­men­fas­sung des Spiels. Es kam mir, als seien es Bilder aus einer längst ver­gan­genen Zeit. Und ich wusste genau, wo ich war, als es pas­sierte…?