Seite 3: Eine Spaltung ist spürbar

Der Hal­le­sche FC“, sagt Oganan, ist gerade das, wohin die Men­schen noch gehen können.“ Tat­säch­lich wird der Lieb­lings­verein von Kevin S. zu einem Ret­tungs­ring für viele Trau­ernde. Kevin und sein Vater waren inner­halb der Szene bekannt, fuhren oft gemeinsam zu Aus­wärts­spielen. Viele Fans haben sich geär­gert, dass die Trau­er­feier um Kevin von Poli­ti­kern genutzt wurde“, wie sie sagen, um Wahl­kampf zu machen. Was hat Politik bei einer Trau­er­feier zu suchen? Das hat für mich da nicht hin­ge­hört“, sagt ein Fan aus der Szene. Es ist auf­fällig, dass in öffent­li­chen Bekannt­ma­chungen wie bei der Libertà Crew Chemie Halle“ Begriffe wie Anti­se­mi­tismus“ oder Ras­sismus“ fehlen. Es wird von einem feigen Mord“ geschrieben und darauf hin­ge­wiesen, dass es am Tag der Trau­er­feier nur um Kevin geht, poli­ti­sche Dis­kus­sionen können gern später und an anderen Orten geführt werden!“ Nach der Andacht fährt der Lei­chen­wagen vor das Mara­thontor des Sta­dions, die Blu­men­kränze sind in Rot und Weiß gehalten. Die Fans zünden ben­ga­li­sche Feuer.

Als der Hal­le­sche FC beim ersten Heim­spiel nach dem Anschlag in schwarzen Son­der­tri­kots mit der Auf­schrift Zusammen gegen Gewalt, Ras­sismus und Anti­se­mi­tismus“ auf­läuft, stehen Mary Scholz und Nata­scha Bosch auf dem Platz und bringen mit vielen anderen ein Plakat mit der­selben Auf­schrift zum Mit­tel­kreis. Die Fans in der Kurve halten schwarze Zettel hoch, eine ein­same Pyro­fa­ckel brennt. Der Umgang mit dem Gesche­henen wirkt vor­bild­lich. Aber es ist auch eine Spal­tung spürbar. Auf der einen Seite der Verein, der zusammen mit anderen Sport­ver­einen der Stadt offensiv mit dem Thema umgeht. Ras­sismus und Anti­se­mi­tismus benennt. Und dann sind da die Fans. Auch sie zeigen große Anteil­nahme, aber im Fokus steht hier der Kummer. Aber ist das falsch?

Wer glaubt, dass der Grund für das eigene Ver­sagen die Aus­länder sind, ist für mich ein Ver­lierer“

Terrence Boyd

Ter­rence Boyd sitzt im Café The Shabby“, so wie vor drei Monaten, und über­legt. Eigent­lich sollte er gar nicht hier sein, das Inter­view sollte in einem anderen Restau­rant statt­finden, aber Boyd schlug das Café vor. Er ist im New Yorker Stadt­teil Queens und in Bremen auf­ge­wachsen. Er hat in Deutsch­land, Kanada und den USA Fuß­ball gespielt, ist Kos­mo­polit. Im Sommer wech­selte er zum Hal­le­schen FC und sagt: Wenn ich früher an den Osten gedacht habe, dann immer: Fuck, nur Nazis‘. Aber das stimmt nicht. Halle ist eine offene Stadt.“ Dass das nach innen und außen dringt, dafür haben er und der Hal­le­sche FC gesorgt. In einer Stress­si­tua­tion haben sie vieles richtig gemacht. Sie waren da. Sie haben die Zei­chen gesetzt, nach denen viele Außen­ste­hende ver­langt haben. Boyd sagt: Ich enga­giere mich nicht poli­tisch. Aber wer glaubt, dass der Grund für das eigene Ver­sagen die Aus­länder sind, ist für mich ein Ver­lierer.“

Anschlag Halle HFC 11 Freunde 0052

Rührei und Sucuk: Ter­rence Boyd kommt immer noch ins The Shabby“.

Chris­tian A. Werner

Auch die Gemein­schaft in Halle hat sich ver­än­dert. Das Pau­lus­viertel ist tra­di­tio­nell nicht sehr eng mit dem HFC ver­bunden, doch nach dem Anschlag kamen viele Fans hierher. Mary Scholz vom Fan­pro­jekt glaubt, dass das Attentat die Hal­lenser zusam­men­ge­bracht hat: Die Men­schen haben mit­be­kommen, dass die blöden Kli­schees über die Fans vom HFC ein­fach nicht stimmen. Weil sie sich begegnet sind.“