Seite 2: Wie gehen Stadt und Verein mit dem Anschlag um?

Aber natür­lich ist an diesem 9. Oktober an Trai­ning nicht zu denken. Die Mann­schaft ver­sucht es, steht auf dem kleinen Platz am Rande des Sta­dions, aber immer wieder kreist ein Hub­schrauber am Himmel. Dann heißt es fälsch­li­cher­weise, ein wei­terer Atten­täter stehe im angren­zenden Super­markt. Sie gehen vom Platz und ver­folgen im Trai­nings­ge­bäude die Nach­richten. Nachdem der Atten­täter auf der Flucht in einer Werk­statt außer­halb der Stadt ein anderes Auto gestohlen und dabei zwei Men­schen schwer ver­letzt hat, wird er auf einer Bun­des­straße gestellt und fest­ge­nommen. Kurz darauf kommen hun­derte Hal­lenser zu den Türen des Döner­la­dens, ver­sam­meln sich in der nahen Pau­lus­kirche und draußen auf der angren­zenden Treppe, um zu trauern. Kanz­lerin Angela Merkel reist noch am Abend an, Bun­des­prä­si­dent Frank-Walter Stein­meier folgt am nächsten Tag. Die Stadt an der Saale gerät in den Fokus von Poli­ti­kern, Jour­na­listen und ver­meint­li­chen Experten, die erklären sollen, wie das geschehen konnte und was nun geschehen muss.

Das Café The Shabby“ ist in den dar­auf­fol­genden Tagen gut besucht. Jour­na­listen aus aller Welt errichten einen mobilen News­desk in dem drei­stö­ckigen Lokal. Arkadi Oganan ist der Besitzer, der seine Gäste gewarnt hat, als er die Schüsse hörte. Er zeigt auf die gemüt­li­chen, braunen Sessel, die an kleinen Tischen neben den gemus­terten Tapeten stehen. Oganan erkannte die inter­na­tio­nale Presse an den Logos auf ihren Mikro­fonen: Times, Washington Post, Al Jazeera – die haben hier alle gear­beitet.“ Sie sollen berichten über einen Vor­fall, von dem sie nicht Zeuge waren. Es werden Fragen gestellt. Die Zeit“ schreibt über die immer wie­der­keh­rende Gewalt in Ost­deutsch­land. Ros­tock-Lich­ten­hagen, NSU, der Mord an Daniel H. Nun kommt der Terror nach Halle. Ein Fan stirbt. Darauf kann sich nie­mand vor­be­reiten, wie gehen die Stadt und ihr Verein damit um?

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Arkadi Oganan warnte die Gäste im The Shabby“, als er die Schüsse hörte.

Chris­tian A. Werner

Arkadi Oganan hat das Gefühl, dass er etwas klar­stellen muss: Wir haben unsere Papp­nasen, aber Halle ist keine Nazi­stadt.“ Er ist hier auf­ge­wachsen, erst kürz­lich haben er und sein Team eine Bene­fiz­ver­an­stal­tung orga­ni­siert mit Karamba Diaby, einem Bun­des­tags­ab­ge­ord­neten der SPD aus Halle. Hier leben 250 000 Men­schen, die Stadt hat trotzdem einen dörf­li­chen Cha­rakter: Jeden kennt hier jeden. Der Täter war den Hal­len­sern unbe­kannt, er kam nicht von hier, son­dern aus dem 40 Kilo­meter ent­fernten Ort Ben­n­dorf. Für sie fühlt es sich an wie ein Angriff von außen. Die Opfer gehören zu ihnen. Als Oganan am Tag nach dem Anschlag zu einer Bau­stelle geht, wo eine Zweig­stelle des Cafés ent­stehen soll, trifft er auf geschockte Hand­werker. Kevin S., Maler und Lackierer, hat hier oft gear­beitet.

Dieser Schock hat sich breit­ge­macht in den Men­schen von Halle. Wenn sie Worte für das Gesche­hene finden wollen, dann über­legen sie lange und sagen dann: Uner­klär­lich.“ Das haben Mary Scholz und Nata­scha Bosch oft erlebt. Sie arbeiten für das Fan­pro­jekt des Hal­le­schen FC. Sie haben in den Tagen nach dem Anschlag viel Zeit im Pau­lus­viertel ver­bracht. Wir haben ver­sucht, ein­fach da zu sein“, sagt Scholz. In den Räum­lich­keiten des Fan­pro­jekts richten sie einen pro­vi­so­ri­schen Gedenk­raum ein. An den Wänden hängen die Fotos von Kevin S. und Jana L., Grab­kerzen stehen neben einer Play­sta­tion und auf den Fens­ter­bänken. Auf dem grünen Leder­sofa saßen in den Tagen danach häu­figer Freun­dinnen von Kevin. Scholz und Bosch fühlten sich öfters über­for­dert. Aber die beiden küm­mern sich darum, dass Jugend­liche zur Trau­er­feier in Kevins Hei­matort fahren können, sie arbeiten mit der Opfer­hilfe zusammen. Sie waren ein­fach da.