Der Text erschien erst­mals in Aus­gabe #219. Das Heft ist im Shop erhält­lich.

Wehrlos stand Kevin S. im Döner­laden, als der Atten­täter schoss. Das Leben des 20-Jäh­rigen endete auf dem Boden eines Imbisses in Halle. Er war Fan des Hal­le­schen FC und er ist das zweite Opfer an diesem Tag. Sichtbar sind die Spuren des Anschlags bis heute. Direkt neben der Ein­gangstür des Döner­la­dens ist die Scheibe von einem Pro­jektil zer­schossen worden und noch immer nicht repa­riert, durch das feine Loch lässt sich auf die Kasse bli­cken.

Am anderen Ende des Raumes haben Trau­ernde einen Altar zum Gedenken an die Ermor­deten errichtet. Dort hängen Schals des Hal­le­schen FC, HFC-Sti­cker und Wimpel. Auf einem Shirt des HFC stehen Unter­schriften: Vin­cent, Flo, Swantje – und etwa 50 wei­tere. Da liegt ein Herz aus Holz, Ich liebe dich“ ein­gra­viert. Ein Trikot mit den Namen der zwei Ver­stor­benen, Rücken­nummer: unend­lich. Ein zur Blume gefal­teter 20-Euro-Schein liegt zwi­schen den Kerzen. Es ist eine gro­teske Sze­nerie. Vor dem Altar macht ein Gast gerade ein Foto von seinem Fleisch­teller. Er sitzt ziem­lich genau dort, wo Kevin S. gestorben ist. Dieser Ort ist keine Trau­er­halle. Aber hier ist der Mord geschehen, also wollen die Men­schen einem Gefühl Aus­druck ver­leihen für eine Tat, die uner­klär­lich ist. Die Hin­ter­gründe des Atten­tats von Halle kennen viele, die jüdi­sche Gemeinde bittet mitt­ler­weile um Ruhe. Doch was ist seitdem geschehen? Denn die Tat ist in der Stadt, am Imbiss, noch immer prä­sent. Der letzte Ein­trag im Kon­do­lenz­buch ist nur zwei Tage alt. Jemand hat geschrieben: Ein Döner auf euch.“

Halle 200113 110705252 Anschlag Halle HFC 11 Freunde 0105 RGB

Der Imbiss ist zur Trau­er­halle geworden.

Chris­tian A. Werner

Einen Döner will Kevin S. am 9. Oktober 2019 auch haben. Der Maler und Lackierer macht gerade Mit­tags­pause, das wird ihm zum Ver­hängnis. Gegen 12 Uhr hat der Atten­täter Ste­phan Bal­liet ver­sucht, die Syn­agoge in Halle anzu­greifen. Er will Juden töten, aber er schei­tert bereits an der Ein­gangstür beim Ver­such, die Syn­agoge zu stürmen, in der sich 51 Per­sonen befinden. Min­des­tens elf Schüsse gibt er ab, aber die Tür hält. Auch hier sind die Löcher noch immer sichtbar. Wahllos erschießt der Atten­täter des­halb die Pas­santin Jana L., ehe er mit seinem Wagen die Straße hin­unter zum Kiez Döner“ fährt und dort auf Kevin S. trifft. Ihn erschießt. Nach einem Schuss­wechsel mit der Polizei flüchtet Bal­liet.

Nur 250 Meter vom Tatort ent­fernt

Zu diesem Zeit­punkt steht Ter­rence Boyd nur 250 Meter vom Tatort ent­fernt eng an eine Wand gepresst in einem modernen Café, das The Shabby“ heißt. Der Besitzer hatte die Schüsse gehört. Wer aus dem Café tritt und den Hügel hoch­blickt, kann ganz oben den Döner-Imbiss erkennen. Boyd ist Stürmer des Hal­le­schen FC, er hatte sich für ein Inter­view ver­ab­redet, er mag hier das Rührei mit Sucuk. Wir saßen am Fenster und sahen ein Poli­zei­auto vor­bei­fahren, die Sirene war ein­ge­schaltet. Es war aber nur eins – und das pas­siert ja jeden Tag irgendwo“, erin­nert sich Boyd. Auf einmal kommt der Besitzer hoch und ruft: Alle weg vom Fenster!‘ Und alle so: Häh?‘“

Die Gäste stehen mög­lichst weit weg von den Fens­tern, suchen im Internet nach Updates. Aber die Situa­tion ist unklar. Sind es meh­rere Täter? Wohin fährt der Mann, der geschossen hat und jetzt flüchtet? Boyd schreibt mit seiner Frau, die hoch­schwanger in Leipzig auf ihn wartet. Wir wohnen direkt an einer Auto­bahn­aus­fahrt“, sagt er als Erklä­rung, warum er um seine Familie fürchtet. An einem Tag, an dem zwei Deut­sche sterben, weil ein Anti­semit auf der Straße wahllos Men­schen erschießt, wirkt das plötz­lich bedroh­lich: wohnen an einer Auto­bahn­aus­fahrt. Boyds Frau holt das zweite Kind aus der Tages­stätte. Als die Polizei nach einer halben Stunde die Straße für sicher erklärt, sprintet Boyd von der Bar zu seinem Auto. Den Kopf immer unten, auch noch, als er am Steuer sitzt und zurück zum Gelände des HFC fährt. Wir hatten ja Trai­ning.“

Aber natür­lich ist an diesem 9. Oktober an Trai­ning nicht zu denken. Die Mann­schaft ver­sucht es, steht auf dem kleinen Platz am Rande des Sta­dions, aber immer wieder kreist ein Hub­schrauber am Himmel. Dann heißt es fälsch­li­cher­weise, ein wei­terer Atten­täter stehe im angren­zenden Super­markt. Sie gehen vom Platz und ver­folgen im Trai­nings­ge­bäude die Nach­richten. Nachdem der Atten­täter auf der Flucht in einer Werk­statt außer­halb der Stadt ein anderes Auto gestohlen und dabei zwei Men­schen schwer ver­letzt hat, wird er auf einer Bun­des­straße gestellt und fest­ge­nommen. Kurz darauf kommen hun­derte Hal­lenser zu den Türen des Döner­la­dens, ver­sam­meln sich in der nahen Pau­lus­kirche und draußen auf der angren­zenden Treppe, um zu trauern. Kanz­lerin Angela Merkel reist noch am Abend an, Bun­des­prä­si­dent Frank-Walter Stein­meier folgt am nächsten Tag. Die Stadt an der Saale gerät in den Fokus von Poli­ti­kern, Jour­na­listen und ver­meint­li­chen Experten, die erklären sollen, wie das geschehen konnte und was nun geschehen muss.

Das Café The Shabby“ ist in den dar­auf­fol­genden Tagen gut besucht. Jour­na­listen aus aller Welt errichten einen mobilen News­desk in dem drei­stö­ckigen Lokal. Arkadi Oganan ist der Besitzer, der seine Gäste gewarnt hat, als er die Schüsse hörte. Er zeigt auf die gemüt­li­chen, braunen Sessel, die an kleinen Tischen neben den gemus­terten Tapeten stehen. Oganan erkannte die inter­na­tio­nale Presse an den Logos auf ihren Mikro­fonen: Times, Washington Post, Al Jazeera – die haben hier alle gear­beitet.“ Sie sollen berichten über einen Vor­fall, von dem sie nicht Zeuge waren. Es werden Fragen gestellt. Die Zeit“ schreibt über die immer wie­der­keh­rende Gewalt in Ost­deutsch­land. Ros­tock-Lich­ten­hagen, NSU, der Mord an Daniel H. Nun kommt der Terror nach Halle. Ein Fan stirbt. Darauf kann sich nie­mand vor­be­reiten, wie gehen die Stadt und ihr Verein damit um?

Halle 200113 102920290 Anschlag Halle HFC 11 Freunde 0254 RGB

Arkadi Oganan warnte die Gäste im The Shabby“, als er die Schüsse hörte.

Chris­tian A. Werner

Arkadi Oganan hat das Gefühl, dass er etwas klar­stellen muss: Wir haben unsere Papp­nasen, aber Halle ist keine Nazi­stadt.“ Er ist hier auf­ge­wachsen, erst kürz­lich haben er und sein Team eine Bene­fiz­ver­an­stal­tung orga­ni­siert mit Karamba Diaby, einem Bun­des­tags­ab­ge­ord­neten der SPD aus Halle. Hier leben 250 000 Men­schen, die Stadt hat trotzdem einen dörf­li­chen Cha­rakter: Jeden kennt hier jeden. Der Täter war den Hal­len­sern unbe­kannt, er kam nicht von hier, son­dern aus dem 40 Kilo­meter ent­fernten Ort Ben­n­dorf. Für sie fühlt es sich an wie ein Angriff von außen. Die Opfer gehören zu ihnen. Als Oganan am Tag nach dem Anschlag zu einer Bau­stelle geht, wo eine Zweig­stelle des Cafés ent­stehen soll, trifft er auf geschockte Hand­werker. Kevin S., Maler und Lackierer, hat hier oft gear­beitet.

Dieser Schock hat sich breit­ge­macht in den Men­schen von Halle. Wenn sie Worte für das Gesche­hene finden wollen, dann über­legen sie lange und sagen dann: Uner­klär­lich.“ Das haben Mary Scholz und Nata­scha Bosch oft erlebt. Sie arbeiten für das Fan­pro­jekt des Hal­le­schen FC. Sie haben in den Tagen nach dem Anschlag viel Zeit im Pau­lus­viertel ver­bracht. Wir haben ver­sucht, ein­fach da zu sein“, sagt Scholz. In den Räum­lich­keiten des Fan­pro­jekts richten sie einen pro­vi­so­ri­schen Gedenk­raum ein. An den Wänden hängen die Fotos von Kevin S. und Jana L., Grab­kerzen stehen neben einer Play­sta­tion und auf den Fens­ter­bänken. Auf dem grünen Leder­sofa saßen in den Tagen danach häu­figer Freun­dinnen von Kevin. Scholz und Bosch fühlten sich öfters über­for­dert. Aber die beiden küm­mern sich darum, dass Jugend­liche zur Trau­er­feier in Kevins Hei­matort fahren können, sie arbeiten mit der Opfer­hilfe zusammen. Sie waren ein­fach da.

Der Hal­le­sche FC“, sagt Oganan, ist gerade das, wohin die Men­schen noch gehen können.“ Tat­säch­lich wird der Lieb­lings­verein von Kevin S. zu einem Ret­tungs­ring für viele Trau­ernde. Kevin und sein Vater waren inner­halb der Szene bekannt, fuhren oft gemeinsam zu Aus­wärts­spielen. Viele Fans haben sich geär­gert, dass die Trau­er­feier um Kevin von Poli­ti­kern genutzt wurde“, wie sie sagen, um Wahl­kampf zu machen. Was hat Politik bei einer Trau­er­feier zu suchen? Das hat für mich da nicht hin­ge­hört“, sagt ein Fan aus der Szene. Es ist auf­fällig, dass in öffent­li­chen Bekannt­ma­chungen wie bei der Libertà Crew Chemie Halle“ Begriffe wie Anti­se­mi­tismus“ oder Ras­sismus“ fehlen. Es wird von einem feigen Mord“ geschrieben und darauf hin­ge­wiesen, dass es am Tag der Trau­er­feier nur um Kevin geht, poli­ti­sche Dis­kus­sionen können gern später und an anderen Orten geführt werden!“ Nach der Andacht fährt der Lei­chen­wagen vor das Mara­thontor des Sta­dions, die Blu­men­kränze sind in Rot und Weiß gehalten. Die Fans zünden ben­ga­li­sche Feuer.

Als der Hal­le­sche FC beim ersten Heim­spiel nach dem Anschlag in schwarzen Son­der­tri­kots mit der Auf­schrift Zusammen gegen Gewalt, Ras­sismus und Anti­se­mi­tismus“ auf­läuft, stehen Mary Scholz und Nata­scha Bosch auf dem Platz und bringen mit vielen anderen ein Plakat mit der­selben Auf­schrift zum Mit­tel­kreis. Die Fans in der Kurve halten schwarze Zettel hoch, eine ein­same Pyro­fa­ckel brennt. Der Umgang mit dem Gesche­henen wirkt vor­bild­lich. Aber es ist auch eine Spal­tung spürbar. Auf der einen Seite der Verein, der zusammen mit anderen Sport­ver­einen der Stadt offensiv mit dem Thema umgeht. Ras­sismus und Anti­se­mi­tismus benennt. Und dann sind da die Fans. Auch sie zeigen große Anteil­nahme, aber im Fokus steht hier der Kummer. Aber ist das falsch?

Wer glaubt, dass der Grund für das eigene Ver­sagen die Aus­länder sind, ist für mich ein Ver­lierer“

Terrence Boyd

Ter­rence Boyd sitzt im Café The Shabby“, so wie vor drei Monaten, und über­legt. Eigent­lich sollte er gar nicht hier sein, das Inter­view sollte in einem anderen Restau­rant statt­finden, aber Boyd schlug das Café vor. Er ist im New Yorker Stadt­teil Queens und in Bremen auf­ge­wachsen. Er hat in Deutsch­land, Kanada und den USA Fuß­ball gespielt, ist Kos­mo­polit. Im Sommer wech­selte er zum Hal­le­schen FC und sagt: Wenn ich früher an den Osten gedacht habe, dann immer: Fuck, nur Nazis‘. Aber das stimmt nicht. Halle ist eine offene Stadt.“ Dass das nach innen und außen dringt, dafür haben er und der Hal­le­sche FC gesorgt. In einer Stress­si­tua­tion haben sie vieles richtig gemacht. Sie waren da. Sie haben die Zei­chen gesetzt, nach denen viele Außen­ste­hende ver­langt haben. Boyd sagt: Ich enga­giere mich nicht poli­tisch. Aber wer glaubt, dass der Grund für das eigene Ver­sagen die Aus­länder sind, ist für mich ein Ver­lierer.“

Anschlag Halle HFC 11 Freunde 0052

Rührei und Sucuk: Ter­rence Boyd kommt immer noch ins The Shabby“.

Chris­tian A. Werner

Auch die Gemein­schaft in Halle hat sich ver­än­dert. Das Pau­lus­viertel ist tra­di­tio­nell nicht sehr eng mit dem HFC ver­bunden, doch nach dem Anschlag kamen viele Fans hierher. Mary Scholz vom Fan­pro­jekt glaubt, dass das Attentat die Hal­lenser zusam­men­ge­bracht hat: Die Men­schen haben mit­be­kommen, dass die blöden Kli­schees über die Fans vom HFC ein­fach nicht stimmen. Weil sie sich begegnet sind.“