Seite 2: Entweder man war für ihn oder gegen ihn

Und trotzdem stürzten sich die aller­meisten auf dieses eine, fal­sche Zitat. Was die Dis­kus­sion ver­gif­tete, bevor sie über­haupt inhalt­lich werden konnte. Was wie­derum Özil und seine Fans, von denen nicht wenige einen ähn­li­chen fami­liären Back­ground haben wie der Fuß­ball­star selber, nur tiefer in die Wagen­burg hin­ein­treiben dürfte. Eine fatale Ent­wick­lung.

Zumal es für Özil und die­je­nigen, die es bedin­gungslos mit ihm halten, durchaus Gründe gibt, sich in der Wagen­burg zu ver­krie­chen. Was Özil in seinem zweiten und dritten State­ment ein­drück­lich und tref­fend beschreibt. Denn natür­lich kippte die Stim­mung ihm Gegen­über und natür­lich ist es – anders als die BILD“ das behauptet – unfassbar ras­sis­tisch, wenn ein SPD(!)-Politiker wie Bernd Holz­hauer Mesut Özil und Ilkay Gün­dogan als zwei Zie­gen­fi­cker“ bezeichnet.

Und natür­lich hat der DFB und dessen Prä­si­dent es ver­passt, sich deut­lich gegen die ras­sis­ti­sche Stim­mung zu posi­tio­nieren. Im Gegen­teil: Wer kurz nach dem WM-Aus gleich zwei auto­ri­sierte, also gegen­ge­le­sene, Inter­views gibt – so wie Oliver Bier­hoff und Grindel es taten – in denen Mesut Özil als der Haupt­schul­dige für das bla­mable sport­li­cher Abschneiden dar­ge­stellt wird, der schüttet Wasser auf die Mühlen der­je­nigen, die Özil längst aus frem­den­feind­li­chen Motiven heraus wie eine Sau durchs Dorf trieben. Die ihren Hass unzu­läs­si­ger­weise mit Sport­li­chem ver­mengten und die nur darauf war­teten, einem wie Özil end­lich mal ans Bein pin­keln zu können.

Ent­weder man war für ihn oder gegen ihn

Obwohl Özil, rein sport­lich gesehen, seit bald zehn Jahren kon­stant einer der fünf besten deut­schen Fuß­baller ist. Er spielt effektiv, bereitet Tore vor, kre­iert Chancen und trifft regel­mäßig selber. Er macht seine Mit­spieler besser, mit Arsenal gewann er dreimal den FA-Cup, mit Deutsch­land wurde er Welt­meister. Und trotzdem pola­ri­siert er selbst als Fuß­baller schon seit Jahren.

Die einen lieben ihn für seine genialen Pässe und die Leich­tig­keit, die er auch im engsten Getümmel des geg­ne­ri­schen Straf­raums aus­strahlt, die anderen werfen ihm vor, er würde in wich­tigen Spielen stets abtau­chen und zu schnell die Schul­tern hängen lassen. Jemand, dem Özil kom­plett egal ist? Gab es auch vor dem Erdogan-Foto, eigent­lich sogar in seiner gesamten Kar­riere, kaum. Jeder hatte stets eine Mei­nung zu ihm, vom Ali­bi­fuß­baller“ bis zum Genie“ war alles dabei, Komiker“ wie Oliver Pocher machten sich über sein Äußeres lustig, eng­li­sche Fans hul­digten ihn mit eigenen Songs. Ent­weder man war für ihn. Oder gegen ihn.

Jetzt wie­der­holt sich diese Sicht­weise. Dafür oder dagegen, seine Seite oder die andere, gut oder schlecht. Doch dum­mer­weise gibt es bei diesem Thema keine gute Seite. Son­dern auf allen Seiten nur eines: Ver­lierer. Özil, weil er ohne einen Funken Selbst­kritik auf sein eigenes Ver­halten schaut. Grindel und Bier­hoff, weil sie auf einen am Boden lie­genden Spieler ein­traten, um die eigene Haut zu retten. Der deut­sche Fuß­ball, weil ihm der viel­leicht talen­tier­teste Spieler einer gesamten Genera­tion nicht mehr helfen will und wird. Und all die Kra­keeler, die auf kom­plett ver­mintem Gebiet lieber blind­lings nach vorne pre­schen, statt die Spreng­fallen mit Bedacht zu umgehen. Was extrem ärger­lich ist. Schließ­lich könnte Bedacht der bisher so ver­hunzten Dis­kus­sion tat­säch­lich helfen.