Ges­tern ließ Mesut Özil es knallen. Die Men­schen in Deutsch­land hatten darauf gewartet, Özils Kri­tiker genauso wie seine Fans, Du genauso wie ich, und Özil lie­ferte in einer Form, die wir so nicht unbe­dingt von ihm – einem in der Öffent­lich­keit sonst sehr zurück­hal­tenden und wort­kargen Fuß­ball­profi – erwartet hatten: aus­führ­lich, gedank­lich gut sor­tiert und extrem angriffs­lustig.

In drei über den Tag ver­teilt ver­öf­fent­lichten Texten äußerte er sich zunächst und erst­mals zu seinem Treffen mit dem tür­ki­schen Prä­si­denten Erdogan, kri­ti­sierte dann, ohne Namen zu nennen, deut­sche Medien und DFB-Spon­soren, um abschlie­ßend seinen Rück­tritt aus der deut­schen Natio­nal­mann­schaft zu erklären. Unter anderem mit der Begrün­dung, DFB-Prä­si­dent Rein­hard Grindel habe sich ras­sis­tisch und dilet­tan­tisch ver­halten.

In den Kom­men­tar­spalten: Chaos

Drei Texte, über die wir treff­lich dis­ku­tieren könnten. Texte, in denen Özil Dinge zur Sprache bringt, die nicht nur uns – Medien, Experten, Fans – in unserer Fuß­ball­blase etwas angehen. Son­dern die dieses auf­ge­heizte Land in Gänze angehen. Was ist eigent­lich deutsch? Leben Men­schen mit deut­schem Pass und tür­ki­schen Wur­zeln hier noch immer auf Bewäh­rung? Was bedeutet Iden­ti­fi­ka­tion? Und lässt sich ein poli­ti­sches Amt von der das Amt aus­fül­lenden Person tat­säch­lich so beden­kenlos trennen, wie Özil es im Fall von Erdogan behauptet? Auf all diese Fragen gibt es keine ein­fa­chen Ant­worten. Doch trotzdem wurden – jeweils knapp neun Sekunden nach Ver­öf­fent­li­chung der Texte – gleich tau­sende ein­fache Ant­worten gegeben.

Will man ein Gefühl dafür bekommen, was in der Debatte um den Ex-Natio­nal­spieler und in so vielen anderen Debatten dieser Zeit so ekla­tant schief läuft, muss man sich nur die Ant­worten auf Özils erstes State­ment genauer anschauen. Unter der Über­schrift I/III Mee­ting Pre­si­dent Erdogan“ ver­öf­fent­lichte Özil ges­tern gegen 13:00 Uhr einen Text in eng­li­scher Sprache, in dem er erst­mals selber Stel­lung bezog zu seinem Treffen und dem ent­stan­denen Foto mit Recep Tayyip Erdogan.

Özil schreibt darin unter anderem: Ich sehe ein, dass das schwer zu ver­stehen ist, da die poli­ti­schen Führer in den meisten Kul­turen nicht von der Person getrennt gedacht werden können. Aber in diesem Fall ist das anders. Was auch immer das Ergebnis in dieser letzten Wahl gewesen wäre, oder in der Wahl davor, ich hätte das Foto immer noch gemacht.“ Um 13:12 Uhr ver­öf­fent­licht der Nach­rich­ten­dienst SID“ fol­gende Top­mel­dung“: Özil: Würde das Erdogan-Foto ›wieder machen‹.“ Wei­tere zehn Minuten später macht genau dieser Satz, den Özil gar nicht auf­ge­schrieben hat, im Internet die Runde. In den Kom­men­tar­spalten dar­unter: Chaos.

Es gibt kein Dazwi­schen

Auf­flam­mende Wut von Men­schen, die sich ent­weder gar nicht erst die Mühe machten, den Ori­gi­nal­text über­haupt zu lesen oder schlicht nicht dazu in der Lage waren. Erwart­bare Hetze von Trollen, die den Über­set­zungs­fehler gar nicht benö­tigt hätten, um ihre Ansichten los­zu­werden. Was auf der anderen Seite dazu führte, dass sich als Reak­tion darauf sofort das #Team­Özil for­mierte. Ein Dazwi­schen? Kaum zu erkennen.

Dabei muss man den Über­set­zungs­fehler einer großen deut­schen Nach­rich­ten­agentur natür­lich kri­ti­sieren. Und sich vor allem fragen, warum andere Redak­tionen diesen ein­fach so über­nahmen. Und muss das erste State­ment, dass Özil ges­tern gegen 13:00 Uhr ins Internet feu­erte, trotzdem kri­ti­sieren. Darf es einem 29-jäh­rigen Mann, der in Gel­sen­kir­chen geboren und zur Schule gegangen ist, wirk­lich egal sein, ob er sich mit Frank-Walter Stein­meier trifft oder mit einem Prä­si­denten wie Erdogan, der Jour­na­listen, Lehrer, Richter und Stu­denten zu Aber­tau­senden und ohne Ver­fahren ein­sperren lässt? Kann ein 29-jäh­riger Mann, der Ver­träge über zig Mil­lionen Euro unter­zeichnet, wirk­lich so naiv sein? Darf sich ein Fuß­baller von allem Poli­ti­schen frei­spre­chen, weil er mit einem Prä­si­denten im Wahl­kampf nur über Fuß­ball spricht? Nein. Absolut nicht.