33 Men­schen hat Juri C. ver­letzt, manche von ihnen werden nie wieder richtig hören können. Beim Dritt­liga-Derby VfL Osna­brück gegen Preußen Münster warf der Ultra eine Bombe, die in der Osna­brü­cker Kurve deto­nierte. Heute hat ihn das Land­ge­richt Osna­brück dafür zu fünf Jahren Haft und 47 000 Euro Schmer­zens­geld ver­ur­teilt.
Wer mit diesem fast lie­be­vollen Gesichts­aus­druck Ciao Jungs“ sagt, der geht als stolzer Ultra in den Knast. In Hand­schellen ver­ließ der 24-jäh­rige Ita­liener Juri C. den Gerichts­saal, in dem er gerade als psy­chisch labiler Mensch“ bezeichnet wurde; als Außen­seiter, der für die Aner­ken­nung der Gruppe einen Anschlag aus­ge­führt hat, den seine Ultra-Familie schon lange vorher geplant hatte. 

Zwölf Mit­glieder der inzwi­schen auf­ge­lösten Curva Monas­teria“ saßen auch heute wieder in der letzten Reihe des Osna­brü­cker Schwur­ge­richts­saals. Sie haben den gesamten Pro­zess ver­folgt – und durch ihr Ver­halten im Gericht dazu bei­getragen, dass Juri C. nun für fünf Jahre in den Knast muss. Am Ende des ersten Ver­hand­lungs­tages traten die Ultras an den Tisch, an dem ihr ange­klagter Bruder saß, und begrüßten ihn auf Ita­lie­nisch mit Wan­gen­küss­chen links und rechts. Männer unter­ein­ander begrüßen sich aller­dings auch in Ita­lien per Hand­schlag; wenn sie nicht in einem ganz beson­deren Ver­hältnis zuein­ander stehen. 

Fünf Jahre für eine gefähr­liche Kör­per­ver­let­zung
Noch im Gerichts­saal hat der Ange­klagte die Ver­brü­de­rung mit den Ultras demons­triert“, sagte der Vor­sit­zende Richter heute in seiner Urteils­be­grün­dung. Es gab keine Anzei­chen dafür, dass er sich von der Ultra­szene distan­ziert hat.“ 
Fünf Jahre Haft auch des­halb, weil das Gericht Juri C. seine reu­mü­tige Hal­tung im Pro­zess nicht abge­kauft hat. Fünf Jahre Haft aber vor allem, weil er eine gefähr­liche Kör­per­ver­let­zung begangen hat. 

Am 10. Sep­tember 2011, beim Derby VfL Osna­brück gegen Preußen Münster, warf Juri C. einen Spreng­körper auf den ehe­ma­ligen Spie­ler­tunnel der Osnatel-Arena. Die Bombe rollte in die Fan­kurve und fiel dort einer Men­schen­gruppe vor die Füße. 33 Poli­zisten, Erwach­sene und Kinder ver­letzten sich teil­weise schwer. Ein Poli­zist erlitt eine Ein­schuss­wunde in der Bauch­decke und musste mehr­fach ope­riert werden. Einem Neun­jäh­rigen flog ein Splitter in die Seite, er trug eine große Fleisch­wunde und ein schweres Knall­trauma davon. Einige Poli­zisten sind stark trau­ma­ti­siert und noch immer dienst­un­fähig. Viele Opfer behalten von der Explo­sion ver­mut­lich lebens­lang einen Tin­nitus.

Nach Aus­wer­tung der Über­wa­chungs-Bilder wurde Juri C. schnell als Täter aus­ge­macht. Er gab die Tat zu, beteu­erte aber, er habe nie­manden ver­letzen wollen. Die Explo­sion sollte nur eine Art Weckruf für seine Mann­schaft sein.

In der zweiten Pro­zess­hälfte stellte sich heraus, dass es sich bei diesen Dar­stel­lungen um das han­delte, was die Juristen Schutz­be­haup­tung“ nennen. Juri C. wusste, was er tat. Er nahm in Kauf, dass er Men­schen ver­letzen würde, viel­leicht wollte er das sogar. Ein Poli­zist, der mit einem der Bombe ähn­li­chen Gegen­stand Pro­be­würfe im leeren Sta­dion gemacht hatte, sagte vor Gericht aus, dass er einige Ver­suche gebraucht habe, bis er den still­ge­legten Spie­ler­tunnel getroffen habe. Dass die Bombe eben nicht als Weckruf auf einem Plas­tik­dach deto­nieren, son­dern in die Osna­brü­cker Kurve fliegen würde, war mehr als wahr­schein­lich. 

Der Bom­ben­wurf war eine geplante Aktion der Ultras
Nach genauem Stu­dium der Über­wa­chungs­auf­nahmen kam die Polizei außerdem zu dem Ergebnis, dass der Bom­ben­wurf ein geplanter und von den Müns­te­raner Ultras gedeckter Anschlag gewesen sein musste. Als die Spieler den Platz betraten, deto­nierte eine Rauch­bombe in der Nähe der Ultras. Dann warf Juri C. die Bombe, und seine Brüder hielten schwarze T‑Shirts hoch, um die Aktion und den Werfer vor den Kameras zu ver­de­cken. Was miss­lang. Das war eine per­fekte Insze­nie­rung mit gelun­gener Cho­reo­grafie“, sagte der Vor­sit­zende Richter. 

Wer an den Bil­dern Zwei­feln hatte, musste sich schließ­lich von den schrift­li­chen und münd­li­chen Beweisen über­zeugen lassen. Auf dem Handy von Juri C. fand die Polizei eine SMS von einem bekannten Müns­te­raner Ultra, der in ganz Deutsch­land Sta­di­on­verbot hat. 

Bitte Osna töten“, lau­tete die SMS. 

Alles klar, ich will nicht ver­lieren. Alle töten, töten, töten“, war die Ant­wort von Juri C. 

Eine Zeugin sagte außerdem, schon Wochen vor dem Spiel habe es in der Müns­te­raner Ultra­Szene geheißen, dass im Derby gegen den VfL Osna­brück ein ganz großes Ding hoch­gehen“ würde. 

Wenn eine Gruppe ihr Banner ver­liert, löst sie sich auf“
Auch der mög­liche Anlass für den Anschlag kam im Gericht zur Sprache. Auf der Rück­reise von einem Spiel in Mainz hatten die Ultras der Curva Monas­teria“ ihr Banner im Zug ver­loren. Angeb­lich sollen dann Mainzer Fans die Fahne gefunden und den mit ihnen befreunden Osna­brü­cker Ultras über­geben haben. Ein Poli­zist, der sich in der Ultra-Szene gut aus­kennt, sagte vor Gericht aus, mit dem Ver­lust des Ban­ners habe eine Ultra-Grup­pie­rung ihre Daseins­be­rech­ti­gung ver­loren. Sie müssen sich dann eigent­lich auf­lösen.“ Dass das Banner aus­ge­rechnet in die Hände der Erz­feinde aus Osna­brück geraten sein sollte, hat die Curva Monas­teria“ nach Ansicht des Gerichts derart pro­vo­ziert, dass sie den Anschlag für das Derby planten. Der Spreng­körper, den Juri C. schließ­lich warf, war kein Böller, son­dern laut Gericht ein kriegs­waf­fen­ähn­li­cher Spreng­körper“. Die Explo­sion im Osna­brü­cker Zuschau­er­block war lauter als ein star­tender Düsenjet.

Das Ver­hältnis zwi­schen den Anhän­gern des VfL Osna­brück und SC Preußen Münster ist mit ver­feindet“ nicht mehr aus­rei­chend umschrieben. Wer mit offenen Augen durch Osna­brück geht, sieht an jeder Ecke Auf­kleber mit der Auf­schrift Scheiss Preußen“. In diese Szene, die den Fuß­ball nur noch zum Anlass nimmt, um sich selbst und den Hass auf andere zu insze­nieren, geriet Juri C. fast wie selbst­ver­ständ­lich. Vor zwei Jahren war er aus Ita­lien nach Münster gezogen. Bereits in seiner Heimat war er Mit­glied einer Ultra-Grup­pie­rung des SSC Neapel, auch dort hat er im Sta­dion Straf­taten begangen. 

99 Pro­zent der Ultras lehnen gefähr­liche Spreng­körper ab

Sein Anwalt im Osna­brü­cker Pro­zess stützte die Ver­tei­di­gung unter anderem auf dem Argu­ment, Juri C. sei in der süd­ita­lie­ni­schen Fan­kultur sozia­li­siert worden und habe dort einen fast selbst­ver­ständ­li­chen Umgang mit Pyro­technik und Spreng­kör­pern ken­nen­ge­lernt.

Um diese Aus­sage zu prüfen, lud das Gericht den Fan­for­scher Pro­fessor Gunter Pilz. Der sagte, dass Pyro­technik in Ita­lien tat­säch­lich viel ver­brei­teter sei als in Deutsch­land; 99 Pro­zent der Ultras beider Länder aber würden gefähr­liche Spreng­körper grund­sätz­lich ablehnen. 

Juri C. hatte schließ­lich auch keinen Erfolg mit der Stra­tegie, zu seiner Ent­las­tung von einem fast unglaub­li­chen Dro­gen­konsum am Tag der Tat zu berichten. Zwei Fla­schen Wodka, fünf bis sechs Joints und eine Menge Speed habe er zwi­schen 7 und 14 Uhr kon­su­miert – behaup­tete Juri C. jeden­falls vor Gericht. In der ersten Poli­zei­be­fra­gung war dagegen noch von einer Fla­sche Wodka die Rede gewesen. Ein Ultra, der gemeinsam mit Juri C. getrunken hatte, bestä­tigte das schließ­lich.

Ein Teil der Ultra-Szene radi­ka­li­siert sich immer mehr
Auch wenn das Osna­brü­cker Land­ge­richt heute nur Juri C. zu einer fünf­jäh­rigen Haft­strafe ver­ur­teilt hat – mora­lisch gerichtet wurde vor allem über den Teil der deut­schen Ultra-Szene, der sich immer weiter radi­ka­li­siert. Das viel­leicht ein­drucks­vollste Bei­spiel dafür lie­ferte der Pro­zess, als es um den Beschaffer des hoch­ge­fähr­li­chen Spreng­kör­pers ging. Es war ein 16-Jäh­riger, der die Bombe besorgt und dann an Juri C. wei­ter­ge­geben hatte. Als die Polizei bei ihm auf­tauchte und ihn und seine völlig ver­dat­terte Mutter mit dem Vor­wurf kon­fron­tierte, wählte der Teen­ager sofort die in seinem Handy ein­ge­spei­cherte Nummer seines Anwalts. 

Ohne den, so der junge Ultra, würde er über­haupt nichts sagen.