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Also los. Mag­de­burg, Her­mann-Gie­seler-Halle. 6. März, kurz nach eins, Abfahrt nach Ost­west­falen, Spit­zen­spiel. Etwa 60 treue FCM-Seelen treffen sich hier. Die meisten sind um die 50 Jahre alt, Lkw-Fahrer, Zer­spaner, Maschi­nen­führer. Arbei­ter­typen, ver­wachsen mit ihren Ziga­retten und Bier­knollen. Sie heißen Bock­wurst, Hütte, Königin oder Koile. Einige von ihnen waren immer da. In Ost­rava, Pokal­sieger-Cup 1979. In Bor­deaux, Uefa-Cup 1990. In Neu­stadt an der Dosse, Ober­liga Nordost 1995.

Sie haben Spiele und Kämpfe gewonnen, sie haben Zähne und Haare ver­loren. Jetzt röhren sie mit ihren Lemmy-Kil­mister-Stimmen ein FCM-Schlacht­ge­sänge-Best-of über den Asphalt, dass bald die ganze A2 Bescheid weiß: Die Mag­de­burger kommen. Erst auf einem Rast­platz wird es ruhiger. Denn nun ist Brot­zeit. Selbst­ge­machte Mach­te­burjer Leber­wurst, selbst­er­lebte Mach­te­burjer Fuß­ball­ge­schichten.

Zaungott Olli

Nach der Wende war echt scheiße. Bun­des­liga ver­passt, zweite Liga ver­passt, und auf einmal steckten wir in der Ober­liga Nordost. Da fuhren oft nur fünf Leute aus­wärts. Spiele auf Sport­plätzen in Ober­havel Velten oder bei Lok Alt­mark Stendal.“

Sagt Koile, der eigent­lich Oliver Koil heißt und einer der bekann­testen Fans der Kurve ist. Gib mal bei Google ein: Olli und FCM“, sagt Bock­wurst. Erster Ein­trag: Olli, der Zaungott von Mag­de­burg“, ein Bericht von 2002 aus der Volks­stimme“. Wo der Zaungott erscheint, ist: Fuß­ball, Spaß, Gewalt und Alkohol“, steht da. Es ist ein wilder Ritt durch ein Leben voller Exzesse, Prü­ge­leien, Gefängnis, Bier und natür­lich viel 1. FC Mag­de­burg.

Klein im Rück­spiegel, groß im Herzen

Ja, ja“, sagt Koile und lächelt. Mitt­ler­weile ist er 41, Zaungott a. D. und ein eher seriöser Typ. Wind­breaker, Rah­men­brille, Erzähl­stimme, Typ Erd­kun­de­lehrer. Ich war einer der ersten Capos in Deutsch­land“, sagt er. Ange­fangen hat er Mitte der Neun­ziger. Nach einem Sieg fiel Koile, ordent­lich einen im Tee, über die Stufen des Steh­blocks bis an den Zaun.

Wenn du schon mal da bist, kannste ja auch weiter, dachte er, und erklomm die Absper­rung wie ein Berg­steiger. Oben stimmte er Gesänge an, und weil die Fans so laut­stark mit­machten, klet­terte er danach jedes Wochen­ende auf den Zaun. War ne irre Zeit“, sagt er. Irgend­wann konnte ich kaum noch in die Stadt, ich musste ständig Auto­gramme geben.“

Weiter geht’s, immer die A2 ent­lang. Mag­de­burg klein im Rück­spiegel, Mag­de­burg groß im Herzen. Im Januar reisten viele von ihnen nach Eng­land. Sie besuchten mit meh­reren hun­dert Fans ein Spiel des Fan­ver­eins FC United of Man­chester und reisten zum wali­si­schen Klub Wrexham FC, gegen den der FCM 1979 im Euro­pa­pokal gespielt hatte. Und dann war da noch das Test­spiel bei den Bolton Wan­de­rers. 1550 Zuschauer im Macron Sta­dium, 1500 aus Mag­de­burg. Sie waren viel­leicht nicht die Größten der Welt, aber in diesem Moment zumin­dest im Nord­westen von Eng­land.