Es tut gut, Helge Meves zuzu­hören. Der Union-Fan steht mit seinen Unter­lagen am Pult und zer­pflückt unauf­ge­regt und doch ein­drück­lich den gesamten Popu­lismus, der die Debatte um Sicher­heit im Fuß­ball­sta­dion in den letzten Wochen und Monaten geprägt hat. Seine Stimme rauscht durch die Laut­spre­cher und die etwa 250 Fans, Fan­ver­treter, Ver­eins­ver­treter und Funk­tio­näre, die zum Fan-Gipfel an die Alte Förs­terei gekommen sind, hören auf­merksam zu. Meves erstickt die Auf­ge­regt­heit mit jeder seiner Power­point-Folien, er legt die Dinge klar zu Tage: Anstieg der Gewalt? Sta­tis­tisch nicht belegbar. Gesichts­scanner? Unwirksam und nicht rech­tens. Fuß­fes­seln? Öffent­lich­keits­wirk­samer Quatsch. Zustim­mendes Nicken im Zelt am Sta­dion, nach seinem Vor­trag wird Meves mit einem warmen Applaus belohnt. End­lich sagt mal einer, was alle denken. Meves selber tritt vom Podium zurück und wirkt, als habe er ledig­lich gewis­sen­haft seine Pflicht getan. Der nächste Spre­cher tritt ans Mikrofon.

Wie kommt es, dass wir alle hier sitzen?

“ Fuß­ballfan in Deutsch­land zu sein, hatte in den letzten Monaten in gewisser Weise einen schi­zoiden Cha­rakter. Beob­ach­tete man die Bericht­erstat­tung in Teilen der Medien und hörte State­ments von dem ein oder anderen Poli­tiker, war man ver­sucht zu denken, dass in und um Fuß­ball­sta­dien bür­ger­kriegs­ähn­liche Zustände herr­schen, in denen ganze Klein­fa­mi­lien von pyro­manen Jugend­banden ange­zündet oder zumin­dest gna­denlos ver­prü­gelt werden. Traute man sich dann doch zum Spiel, erlebte man eine ange­nehme, stim­mungs­volle Atmo­sphäre in den nach­weis­lich sichersten Sta­dien Europas. Im Inter­essen- und Kom­mu­ni­ka­tions-Wirr­warr zwi­schen den ver­schie­denen Par­teien, die sich im Fuß­ball­kon­text tum­meln, schien irgend­etwas gründ­lich schief­ge­laufen zu sein. Oder, wie es Chris­tian Arbeit, Spre­cher von Union Berlin und Mode­rator des Abends for­mu­liert: Wie kommt es, dass wir jetzt alle hier sitzen?“ Eine gute Frage!

Denn ein Sta­di­on­be­such in Deutsch­land ist im Grunde eine sichere Sache. Den­noch sah sich die DFL, getrieben von der Politik, vor Kurzem bemü­ßigt, ein Kon­zept mit dem Titel Sicheres Sta­di­on­er­lebnis“ aus­zu­ar­beiten und den Ver­einen vor­zu­legen. Es hat nicht lange gedauert, und das Kon­zept wurde dem Ver­band um die Ohren gehauen. Nicht nur die Fans waren empört, auch die Mehr­heit der Ver­eine sprach sich gegen das Kon­zept oder zumin­dest gegen weite Teile davon aus. Neben der Frage nach der Not­wen­dig­keit und den inhalt­lich frag­wür­digen Abschnitten ist es vor allem das Über­gehen der Fans in der Aus­ar­bei­tung des Kon­zepts, das für Unver­ständnis sorgt. Ein Sicher­heits­kon­zept, dass die Fans mit­ge­stalten könnten, hätte eine viel höhere Akzep­tanz in der Fan­szene“, sagt ein Ver­treter des Fan­rats von 1860 Mün­chen. Seine Kol­legin vom Fan­pro­jekt 1860 Mün­chen, Steffi Dilba, pflichtet ihm bei: Es geht nur, wenn alle kon­struktiv und inhalt­lich zusam­men­ar­beiten.“ Hört man den beiden zu, merkt man schnell, dass sie sich intensiv mit der Materie aus­ein­an­der­ge­setzt haben und dass ihnen ein ernst­hafter Dialog sehr am Herzen liegt. Aber auch, dass die Fronten noch ver­härtet sind. Denn: Eigent­lich wollte ich ja nicht mit der Presse reden…“

In der Mit­tags­pause wird im Sta­di­onim­biss Gulasch­suppe aus­ge­teilt. Der Platz­wart wer­kelt am Rande des Spiel­felds, es regnet, es ist kalt und zugig, Lärm weht von einer Bau­stelle ins Sta­dion. Ein Traum für Fuß­ball­ro­man­tiker. Fans der unter­schied­lichsten Ver­eine stehen gemeinsam in der Schlange und dis­ku­tieren, quat­schen, lachen. Schalker und Ham­burger, Frank­furter und Hei­den­heimer, ein ange­grauter Mann in Hof­fen­heim-Sweater macht Witze über sich und seinen Verein. Ver­treter von 49 Ver­einen aus den ersten vier Ligen sind der Ein­la­dung von Union Berlin gefolgt. Die Stim­mung ist fried­lich, man begegnet sich mit Respekt und tut das, was so oft gefor­dert wird: Man dis­ku­tiert sach­lich und auf Augen­höhe. Dass die Fans bei der Kon­zep­tion von Sicheres Sta­di­on­er­lebnis“ derart umgangen wurden, war sicher­lich ein dicker Bock der DFL.

Dass die Fans aber nicht nur zah­lende Kunden sind, die es zu melken gilt, son­dern durchaus eine Stimme haben, zeigt das Medi­en­auf­kommen im Zelt. Auch, dass man sie ernst nehmen muss. Das weiß auch Andreas Rettig. Der desi­gnierte DFL-Geschäfts­führer ist vor Ort und bereits weit vor seinem Amts­an­tritt sicht­lich um den Dialog bemüht. Fuß vom Gas“, raunt er in eine Runde Mikro­fone, und meint damit wohl alle Betei­ligten, die der Debatte um Sta­di­on­si­cher­heit eine unnö­tige Schärfe ver­liehen haben. Rettig wirkt ange­nehm nahbar, ohne anbie­dernd zu sein. Er nimmt die Fans in die Pflicht, emp­fiehlt aber auch der Politik, verbal abzu­rüsten“. Auch an Selbst­kritik man­gelt es nicht: Es wurden Fehler gemacht, man hätte die Fans ein­binden müssen. Wir wollen jetzt unseren Bei­trag leisten und die Fans mit­nehmen“, sagt er. Er wird sich an sol­chen Worten messen lassen müssen, wenn er tat­säch­lich in Amt und Würden steht.

Viel­leicht sind die Fan­ver­treter ein bes­serer Ver­band, als der Ver­band selbst

Der Regen trom­melt sonor auf das Zelt­dach, dicke gelbe Schläuche füllen den Raum mit warmer Luft, junge Damen in Union-Outfit ver­teilen Kuchen an die Gäste. Sven Brux vom FC. St. Pauli spricht char­mant über die Selbst­re­fle­xion der Fans. Man glaubt ihm, was er sagt, er ist ein Mann der Praxis und das merkt man. Der Unioner Thomas Mat­scheroth bear­beitet das undank­bare, dröge Thema der Ver­ant­wort­lich­keiten im deut­schen Ver­eins­fuß­ball. In der Kaf­fee­pause bitten Fans Andreas Rettig um ein Foto, wäh­rend die Ver­an­stalter auf ver­schie­den­far­bigen Kärt­chen Denk­an­stöße und Vor­schläge zur The­matik sam­meln. Schließ­lich ergreift Mode­rator Chris­tian Arbeit wieder das Wort. Wie so etwas wie Basis­de­mo­kratie im Fuß­ball tat­säch­lich funk­tio­nieren kann, zeigt die abschlie­ßende Zusam­men­fas­sung der Ergeb­nisse und vor allem deren Bear­bei­tung. Unter gemein­schaft­li­cher Dis­kus­sion werden die sechs Punkte, in die die Dis­kus­si­ons­er­geb­nisse unter­teilt sind, so bear­beitet, dass alle Fans und Fan­ver­treter zumin­dest im Großen und Ganzen ein­ver­standen sind. Unbü­ro­kra­tisch und prag­ma­tisch mode­riert sich Arbeit durch die Punkte, Ver­bes­se­rungs­vor­schläge werden gehört, auf Gegen­stimmen wird ein­ge­gangen. Fast scheint es, die Fan­ver­treter könnten ein viel bes­serer Ver­band sein als es der Ver­band selbst ist.

Die Reihen lichten sich nach und nach, die Mehr­heit der Anwe­senden macht einen zufrie­denen Ein­druck, ein kon­struk­tiver Tag neigt sich dem Ende. Erste Online-Schlag­zeilen resü­mieren den Fan-Gipfel, noch wäh­rend auf den Tischen im Zelt der Kaffee dampft. Arbeit fragt ins Publikum, ob Inter­esse daran besteht, den Dialog auf­recht­zu­er­halten und sich erneut in einem ähn­li­chen Rahmen zu treffen. Viele der Anwe­senden bejahen das. Es ist klar, dass dieses Treffen nur der Auf­takt zu einigen wei­teren Treffen gewesen sein kann. Aber immerhin könnte der Fan-Gipfel tat­säch­lich einen ernst­haften Dialog zwi­schen Fans und Ver­band in Gang gebracht haben. Ein sach­li­cher Dialog, unauf­ge­regt und fernab der Hys­terie, die das Thema Sta­di­on­si­cher­heit so oft beherrscht. Denn letzt­lich“, mur­melt ein müde aus­se­hender Fan in sein Stück Kuchen, sitzen doch alle im selben Boot!“