Es dürfte längst kein Zufall mehr sein, dass der Adler auf dem Wappen von Lazio Rom so grimmig drein­schaut. Auch er hat ver­mut­lich langsam genug davon, was sich beim Haupt­stadt-Klub so abspielt. Einst waren es die rechts­ra­di­kalen Ultras der Irri­du­ci­bili“, die regel­mäßig für Nega­tiv­schlag­zeilen sorgten. Zwar sind die Unbeug­samen“, so der deut­sche Name der Fan­grup­pie­rung, noch heute für den ein oder anderen Eklat gut, auf den Titel­seiten der ita­lie­ni­schen Gazzetten wurden sie aber schon lange von ihrem Klub­prä­si­denten abge­löst.

Ich über­nahm diesen Klub bei seiner Beer­di­gung“

Täg­lich berichtet Jacopo Simo­nelli von den Gescheh­nissen um Lazio und Lotito, er ist Haupt­stadt-Kor­re­spon­dent für den ita­lie­ni­schen Trans­fer­ex­perten Gian­luca Di Marzio von Sky Italia“. Die Ära von Vor­gänger Sergio Crag­notti setzte den Fans schwer zu“, erzählt der Jour­na­list. Sie hatten nach der Jahr­tau­send­wende Angst um das Fort­be­stehen ihres wirt­schaft­lich maroden Klubs und sehnten sich nach einem Füh­rungs­wechsel.“

Im Jahr 2004 wurde Claudio Lotito, ein erfolg­rei­cher Rei­ni­gungs­un­ter­nehmer, neuer Eigen­tümer von Lazio. Der 59-Jäh­rige kaufte den hoch­ver­schul­deten Verein mit dem Ziel, ihn zu sanieren und wieder wett­be­werbs­fähig zu machen. Ich über­nahm diesen Klub bei seiner Beer­di­gung und führte ihn zurück ins irrever­sible Koma. Ich hoffe, ihn bald auf­we­cken zu können“, sagte Lotito bei seinem Amts­an­tritt. Er hatte nicht zu viel ver­spro­chen, der strikte Spar­kurs zeigt Erfolg. Seit Jahren schreibt Lazio schwarze Zahlen und gehört inner­halb Ita­liens mitt­ler­weile zu den Ver­einen, die am gesün­desten wirt­schaften.

Der gute Geschäfts­mann

Finan­ziell hat Lotito einen fan­tas­ti­schen Job gemacht“, sagt Simo­nelli und fügt hinzu: Trotz aller Ein­spa­rungen hatte Lazio stets eine Mann­schaft, die gut genug war, um national eine ordent­liche Rolle zu spielen.“ Bei Lotito gebe es für Spieler keine Fabel­ge­hälter und wenn er welche ver­kauft, dann meist über deren Markt­wert. Der gebür­tige Römer sei ein knall­harter Geschäfts­mann, der es schafft, bei Ver­hand­lungen so gut wie immer am län­geren Hebel zu sitzen.

Was Lotito aber auch ist: Einer dieser unkon­ven­tio­nellen, auto­ri­tären Patri­ar­chen, die im ita­lie­ni­schen Fuß­ball seit jeher ihr Unwesen treiben und ver­su­chen, Macht und Ein­fluss zu maxi­mieren. Wenn den Calcio mal wieder ein Skandal heim­sucht, dann ist er mit hoher Wahr­schein­lich­keit mit­be­tei­ligt. So auch beim Betrugs­skandal Cal­cio­poli im Jahre 2006, in dessen Zuge Lotito bereits eine vier­mo­na­tige Berufs­sperre ver­büßt hat. Eine Haft­strafe blieb ihm wohl nur wegen Ver­jäh­rung erspart.

Ver­wick­lungen in Skan­dale

Lotito ist außerdem bei der letzten Ver­gabe der Serie A‑Fernsehrechte in Kon­flikt mit dem ita­lie­ni­schen Kar­tellamt gekommen. Die Pakete wurden nicht an den Höchst­bie­tenden ver­kauft, der Lazio-Prä­si­dent ließ seine Kon­takte spielen, stra­te­gi­sches und macht­ori­en­tiertes Kalkül steckten dahinter. Sein Name fiel ver­gan­genes Jahr auch im Zusam­men­hang mit dem Mani­pu­la­ti­ons­skandal im Ama­teur­fuß­ball.

Längst gilt Lotito als viel­leicht ein­fluss­reichste Person im ita­lie­ni­schen Fuß­ball. Er ist der ent­schei­dende Mann hinter Ver­bands­prä­si­dent Carlo Tavec­chio und beein­flusste dessen Wahl­er­folg hinter den Kulissen maß­geb­lich. Der Groß­teil der Lazio-Fans sehe Lotito als kor­rupten Kri­mi­nellen“, sagt Simo­nelli, doch auch viele Jour­na­listen und Prä­si­denten anderer Klubs seien die Ellen­bogen-Men­ta­lität des Lazio-Prä­si­denten leid.

Lotito gibt sich in der Öffent­lich­keit selten klein­laut, Beschei­den­heit ist keine seiner Tugenden. So bezeich­nete er die beiden letzt­jäh­rigen Serie A‑Aufsteiger Fro­si­none und Carpi als das Ende der Serie A“, da der Liga durch solch unat­trak­tive Mann­schaften Ein­nahmen aus den TV-Rechten ent­gehen würden. Carpi nannte Lotito in einem auf­ge­zeich­neten Tele­fonat gar einen Drecks­verein“.

Seit Jahren unter Poli­zei­schutz

All das wäre für die Lazio-Fans noch zu ertragen, wenn wenigs­tens der eigene Klub von der­ar­tigen Eska­paden ver­schont bliebe. Seit Jahren liegen Lotito und die Anhänger im Clinch. Vor seiner prunk­vollen Villa San Sebas­tiano, eine his­to­ri­sche Resi­denz in der römi­schen Han­dels­straße, ziehen in aller Regel­mä­ßig­keit Fan­scharen auf, um gegen den eigenen Prä­si­denten zu pro­tes­tieren. Er lebt dort seit Jahren unter Poli­zei­schutz“, erzählt Simo­nelli. Auf der Straße kommt es immer wieder zu Aus­ein­an­der­set­zungen mit den Lazio-Ultras, was das Ver­hältnis zwi­schen Lotito und den Fans zuneh­mend erschüt­tert.“

Zuletzt geschah das Mitte Juli, als sich Mar­celo Bielsa wei­gerte, die Stelle als Lazio-Trainer anzu­treten. Sämt­liche For­ma­li­täten waren geklärt, der Ver­trag bereits unter­zeichnet – den­noch fehlte der Argen­ti­nier, als schließ­lich sein Flieger am Römer Flug­hafen lan­dete. Ihm waren zum Amts­an­tritt meh­rere Spieler ver­spro­chen worden, die letzt­lich aber nie kamen. Lotito will von einer der­ar­tigen Ver­ein­ba­rung nichts gewusst haben und kün­digte in typi­scher Manier an, Bielsa auf 50 Mil­lionen Euro ver­klagen zu wollen.

Die Fans fühlen sich betrogen“

Es folgte eine ver­bale Schlamm­schlacht zwi­schen Lazio, Lotito und Bielsa, die offen über ita­lie­ni­sche und süd­ame­ri­ka­ni­sche Medien aus­ge­tragen wurde. Auf Unter­stüt­zung der Fans kann der Prä­si­dent in sol­chen Ange­le­gen­heiten schon lange nicht mehr zählen. Sie fühlten sich einmal mehr betrogen und ver­trauten voll und ganz den Aus­sagen von Bielsa“, erzählt Simo­nelli. Seit dieser Sache steht Lotito end­gültig alleine da.“ Den Trai­ner­posten hat mitt­ler­weile wieder Simone Inz­aghi über­nommen, der im Laufe der letzten Spiel­zeit Ste­fano Pioli ersetzte, dann aller­dings vieles schuldig blieb.

Der­ar­tige Wider­sprüche gehören mitt­ler­weile so sehr zu Lazio, wie der grimmig drein­schau­ende Adler, der das Wappen bewacht. Auch Publi­kums­lieb­ling Miroslav Klose erfuhr das am eigenen Leib. Er ging als Held der Tifosi, aller­dings im Clinch mit Sport­di­rektor Igli Tare. Dieser beteu­erte mehr­fach gegen­über den Medien, dass er dem Deut­schen zweimal einen Zwei­jah­res­ver­trag plus der Mög­lich­keit, anschlie­ßend in das Manage­ment der Haupt­städter zu wech­seln, unter­breitet habe. Weder mir noch meinem Berater lag ein münd­li­ches oder ein schrift­li­ches Angebot zu irgend­einem Zeit­punkt vor“, teilte Klose wenig später der Deut­schen Presse-Agentur“ mit.

Die Trans­fer­po­litik des Ver­eins ist das haupt­säch­liche Streit­thema zwi­schen dem Prä­si­denten und den Anhän­gern. Sie for­dern nach Jahren des Spar­kurses eine weniger prag­ma­ti­sche Aus­rich­tung. Vor allem der Ver­kauf von Leis­tungs­trä­gern stößt den Fans immer wieder negativ auf. Als Lotito im Januar 2014 Mit­tel­feld­spieler Her­nanes an Inter Mai­land ver­kaufte, gab es nicht nur wieder Pro­teste vor seiner Villa San Sebas­tiano, son­dern nach eigenen Angaben auch 50 bis 80 Mord­dro­hungen gegen ihn. Auch diesen Sommer ließ der 59-Jäh­rige einen Füh­rungs­spieler ziehen.

Elf ver­kaufte Dau­er­karten

Antonio Candreva, 29, wech­selte für etwa 23 Mil­lionen Euro, wieder war Inter der Abnehmer. Zwar schafft es der Unter­nehmer immer, das Maximum an Trans­fer­erlösen her­aus­zu­holen, den Lazio-Fans ist das aber trotzdem ein Dorn im Auge. Die Laziali sehen sich als die Erst­ge­bo­renen der Stadt“, erzählt Simo­nelli und fügt hinzu: Zu sehen, dass der ver­hasste Stadt­ri­vale seit Jahren erfolg­rei­cher spielt, tut ihnen weh.“

Am ersten Ver­kaufstag erwarben nur elf Per­sonen eine Dau­er­karte für die neue Saison, der Pro­test ist schon lange beim Durch­schnittsfan ange­kommen. Als Reak­tion besuchte Lotito mit einigen Spie­lern jene elf Anhänger und über­raschte sie mit einem nagel­neuen Trikot. Die Fotos wurden über Lazios soziale Netz­werke ver­öf­fent­licht, der Prä­si­dent lobte die letzten treuen Anhänger später öffent­lich: Vielen Dank für den unbe­dingten Glauben, den ihr bewiesen habt.“

Ein neuer Nega­tiv­re­kord

Doch der Glaube an ein Lazio ohne Dramen und Que­relen, er schwindet mehr und mehr. Die Anhänger sind all die Pein­lich­keiten und Wider­sprüche leid. Ins­ge­samt ver­kaufte Lazio nur 4000 Abos, das ist neuer Nega­tiv­re­kord in der Klub­ge­schichte. Zum ersten Heim­spiel der Saison, es war gleich das Spit­zen­spiel gegen Juventus, fanden ledig­lich 35.000 Men­schen den Weg ins Stadio Olim­pico, es war nicht einmal zur Hälfte gefüllt.

Lazio-Experte Simo­nelli glaubt nicht daran, dass sich das so schnell ändert, die Gräben zwi­schen Prä­si­dent und Fans seien bereits viel zu tief. Der Jour­na­list geht sogar noch einen Schritt weiter: Ich glaube Lotito ist der meist­ge­hasste Prä­si­dent im euro­päi­schen Fuß­ball.“ Warum jemand unter Pro­testen, Mord­dro­hungen und Poli­zei­schutz unbe­dingt einen Fuß­ball­klub leiten will, das weiß Simo­nelli indes ganz genau. Es gehe Lotito eben um Macht und Ein­fluss­nahme im Calcio, der andau­ernde Kon­flikt mit den Fans sei nicht viel mehr als ein Kol­la­te­ral­schaden, ein not­wen­diges Übel, das in Kauf zu nehmen ist.