Uwe Rein­ders, welche Erin­ne­rungen ver­binden Sie mit dem 9. November 1989?

Ich habe in Braun­schweig, also nahe der Grenze gewohnt, da habe ich direkt mit­be­kommen, wie alle von einem Tag auf den anderen über die Grenze kamen. Am 10. November gab es in Braun­schweig einen Mas­sen­auf­lauf, alle habe sich geküsst und geju­belt. Dann kam plötz­lich ein LKW und hat Bananen in die Menge geworfen. Ich dachte mir: Haben wir denn im Westen einen an der Erbse, das sind doch keine Affen! So haben das die Ossis auch emp­funden. Die Bananen wurden wieder zurück geworfen.

Sie wech­selten als einer der West-Trainer in den Osten. Wann kam der Kon­takt mit Hansa Ros­tock zustande?


Das weiß ich nicht mehr so genau. Im Dezember 1989 stand fest, dass ich meinen Ver­trag in Braun­schweig nach drei Jahren nicht ver­län­gern werde. Im Januar klin­gelte dann plötz­lich das Telefon, der Prä­si­dent von Hansa Ros­tock, Robert Pischke, wollte mich spre­chen, der weilte gerade in Braun­schweig. Wir waren dann einen Kaffee trinken. Er fragte mich, ob ich es mir zutrauen würde, in den Osten zu kommen und mit Hansa die Qua­li­fi­ka­tion für die 2. Liga zu errei­chen. 

Und Sie sagten sofort zu?

Zusammen mit meiner Frau sind wir nach Ros­tock gefahren und wäh­rend sie mit dem ver­eins­ei­genen Chauf­feur vier Stunden durch die Stadt kurvte, habe ich mir die ganze Anlage ange­schaut. Hansa war sehr bemüht und hat sich sehr um uns geküm­mert. Die Mann­schaft kannte ich bereits aus dem Fern­sehen und mir wurde auch ver­si­chert, dass man das Team zusammen halten werde. Ich war über­zeugt, dass mit der Qua­lität der Spieler zumin­dest der sechste Platz und somit die Qua­li­fi­ka­tion für die 2. Liga zu errei­chen wäre. Mit ein wenig Moti­va­tion sollte das doch zu packen sein.

Es hat den Spie­lern an Moti­va­tion gefehlt?

Zu DDR-Zeiten waren vielen Spie­lern Kla­motten wich­tiger als der Erfolg. Ich habe den Spie­lern klar gemacht, dass man ab sofort aber nur über den Erfolg auch an die Fleisch­töpfe rankam. Das haben die Jungs ganz gut begriffen. 

Wie genau haben Sie denn die Spieler moti­viert?

Ich kann mich noch erin­nern, wie der ersten Spieler kamen und fragten: Trainer, wie bekommen wir denn einen Mer­cedes? Da habe ich ihnen gesagt: Samstag halb vier müsst ihr Gas geben ohne Ende, dann könnte ihr euch bald einen Mer­cedes kaufen. Als ich nach Ros­tock kam, waren die Spieler von mor­gens um 8 bis abends um 17 Uhr auf dem Platz, das war teil­weise reine Beschäf­ti­gungs­the­rapie. Ich habe ihnen ein Stück Eigen­ver­ant­wort­lich­keit bei­gebracht. Ihnen klar gemacht, dass sie selbst dafür ver­ant­wort­lich sind, mit ihrem Körper richtig umzu­gehen und ihre Frei­zeit pro­fes­sio­nell zu gestalten.

Haben Sie auch den Ver­ant­wort­li­chen die Ziele ver­deut­li­chen müssen?


Nein, die hatten schon kon­krete Vor­stel­lungen. Das Ziel war die Qua­li­fi­ka­tion für die 2. Bun­des­liga, und für das Errei­chen stellten sie eine Prämie in Aus­sicht. Aber als ich dann fragte, was denn wäre, wenn wir Erster oder Zweiter werden und somit in die 1. Bun­des­liga ein­ziehen, da haben sie sich halb tot gelacht. Mensch wir haben nicht nur einen guten Trainer, son­dern auch noch einen lus­tigen Trainer,´ haben sie gewit­zelt. Als ich aber drauf bestand, meinten sie nur: Schreiben Sie mal rein was sie wollen, das wäre ja toll. Somit habe ich die Prä­mien für Meis­ter­schaft, Pokal und Qua­li­fi­ka­tion für den Euro­pa­pokal selbst ein­tragen. 

Am 1. Juli 1990 begann ihre Tätig­keit als Trainer. Wie war der erste Tag?

Als ich damals auf den Trai­nings­platz kam, standen die Spieler alle neben­ein­ander in Reih und Glied an der Sei­ten­linie. Da fragte ich den Jürgen Decker, was die da machten. Der meinte, sie warten auf mich, ich müsste sie mit einem ´Sport Frei´ begrüßen. Ich hab die Jungs gefragt, ob sie viel­leicht noch auf einen General warten würden. Und ihnen gleich erklärt, dass es so etwas bei mir nicht gibt. 

Wie haben das die Spieler auf­ge­nommen?

Die waren erleich­tert, end­lich war der Mist vorbei. Sie wurden jah­re­lange bevor­mundet, und nun ging es end­lich lockerer zur Sache. 

Was war noch unge­wöhn­lich für Sie?


Nach dem ersten Trai­ning habe ich den Spie­lern meine Tele­fon­nummer gegeben und ihnen gesagt, dass ich 24 Stunden für sie erreichbar sei. Als ich nach ihren Tele­fon­num­mern fragte, mel­dete sich Juri Schlünz und meinte, er habe kein Telefon. Als ich dann fragte, wer noch kein Telefon besäße, haben alle ihre Hand gehoben. Darauf wäre ich gar nicht erst gekommen. 

Legendär in Ros­tock ist auch Ihre Begeg­nung mit einem Mer­cedes-Fahrer…

Es gab zur der Zeit in Ros­tock nur eine ein­zige Tank­stelle mit Benzin blei­frei. Da musste man zwei Stunden Schlange stehen. Als ich da einmal war­tete, fuhr ein dicker Mer­cedes an allen vorbei und wollte tanken. Als der Fahrer aus­stieg, sagte ich zu ihm: Meint du wir warten hier auf den Bus? Wenn du jetzt tankst, hau ich dir beide Arme ab. Du stellst dich schön in die Schlange und war­test genauso wie wir. Der hat mich ange­guckt, als hätte ich sie nicht mehr alle.

Was fuhren sie damals für ein Auto?

Einen vom Verein gespon­serten Opel. 

Und die Spieler?

Die haben sich natür­lich alle sofort ein neues Auto gekauft. Eines Tages kam Jens Dowe mit einem fabrik­neuen Audi zum Trai­ning. Der war so glück­lich, dass er dafür nichts bezahlen, son­dern nur etwas unter­schreiben musste. Ich hab mir erstmal zeigen lassen, was er da unter­schrieben hatte. Der hatte eine Aus­fall­bürg­schaft mit allem Drum und Dran unter­zeichnet! Da musste ich dann bei der Bank anrufen und zum Auto­haus fahren, um die Sache rück­gängig machen. 

Sie haben sich also auch um Dinge außer­halb des Platzes geküm­mert?


Mein Vor­teil war es, dass ich ohne meine Familie in Ros­tock lebte und so rund um die Uhr Zeit hatte für die Spieler. Ich habe mich daher um viele Sachen geküm­mert, auch mal einen Koch­kurs mit den Frauen gemacht.

Wie bitte?


Na ja, die Spieler aßen vor dem Mau­er­fall immer in der Ver­eins­kan­tine, die Frauen waren arbei­teten. Als dann mit der Zeit einige Frauen ihre Jobs ver­loren, ein Kind bekamen oder ein­fach zu Hause blieben, haben sich die Spieler in der Trai­nings­pause irgend­einen Mist rein­ge­zogen, denn vom Verein gab es nichts mehr. Ich habe eines Abends alle ein­ge­laden und erzählt wie wichtig für einen Profi eine gute Ernäh­rung ist. Das geschah aber alles ohne erho­benen Zei­ge­finger, ich habe nicht den ´Über­wessi´ gegeben, wir haben ange­regt dis­ku­tiert. Ich glaube, des­wegen kam ich auch mit allen gut klar. 

Gab es mit der Mann­schaft auch poli­ti­sche Dis­kus­sionen?

Wir hatten drei Leute, die für die Stasi gear­beitet hatten. Das erfuhr ich einen Abend, bevor es in der Bild­zei­tung stand. Was macht da ein West-Trainer? Ich hab erstmal das Trai­ning aus­fallen lassen und die Mann­schaft zusammen gerufen. Die sollten selbst ent­scheiden, wie es wei­ter­gehen sollte. Jürgen Decker und ich haben die Mann­schaft eine Stunde allein gelassen. Als wir wieder kamen, hatte sich die Mann­schaft ent­schieden: Die ent­spre­chenden Spieler durften bleiben, und das Thema war damit erle­digt. 

Sie hatten ein sehr junges Team ohne die ganz berühmten DDR-Spieler. War das ein Vor­teil, da so keine Spieler abge­worben wurden?


Sie müssen schon in der DDR-Sprache spre­chen: Das war kein Team, son­dern ein Kol­lektiv, das zusam­men­ge­halten hat. Ein wei­terer ent­schei­dender Faktor war Juri Schlünz als Kapitän, denn der hat die Truppe geführt, und den jungen Spie­lern in den Arsch getreten, wenn die nicht wollten. Darum brauchte ich mich gar nicht küm­mern. 

Gab es irgend­etwas was die Spieler im Osten grund­le­gend von denen im Westen unter­schied?

Der Haar­schnitt. Die sahen alle lang­weilig aus. Vorne kurz und hinten lang. Daran konnten sie jeden DDR-Spieler erkennen. Die hatten alle ein und den­selben Fri­seur. 

Wo haben Sie in der Zeit gewohnt?


Die ersten Wochen habe ich im War­ne­münder Hotel Neptun gewohnt. Da hielt ich es aber nicht lange aus. Dort gab es zu viele ´Eier­ver­käufer´. 

Was gab es dort?


Eier­ver­käufer! Leute, die die ganze Zeit nur herum grölten, wie toll sie die DDR beschissen hätten! Da bin ich geflohen und habe für eine Weile in einem 12-qm-Zimmer gewohnt, bevor ich nach Küh­lungs­born zog. Dort lebte ich dann zwei Jahre in einem ehe­ma­ligen FDGB-Hotel. Das war zwar etwas alt­mo­disch ein­ge­richtet, lag aber mitten an der Ostsee, wun­der­schön. Ich war der Ein­zige, der dort wohnte. 

Haben Sie sich eigent­lich bei den Ver­trags­ver­hand­lungen vor der ersten Bun­des­li­ga­saison mit ein­ge­mischt? Wussten Sie was die Spieler ver­dienten?


Ja, das wusste ich und wollte es auch wissen. Ich war bei den Ver­hand­lungen mit Robert Pischke dabei, später bei Gerd Kische nicht mehr. Das tat ich, um zu wissen, was über­haupt machbar ist. Für die erste Liga brauchten wir ja eine schlag­fer­tige Truppe. Aus Mön­chen­glad­bach kamen vor dieser Spiel­zeit Olaf Bodden, Michael Spies und Fran­tisek Straka. Die kamen aber auch nicht für einen Appel und ein Ei oder weil die Ostsee so schön war. Die wollten Geld ver­dienen. 

Wie kamen die Ros­to­cker Spieler mit den Neu­zu­gängen aus dem Westen zurecht?


Da gab es kein Ost und West. Das war eine Gemein­schaft. Die Spieler, die aus dem Westen dazu kamen, haben das Team ver­stärkt, das haben die Jungs aus dem Osten auch sofort akzep­tiert. Auch finan­ziell wurden alle fair behan­delt. Die Leis­tungen der Spieler wurden aner­kannt und die Jungs haben das mit ent­spre­chend zurück­ge­zahlt. Nach neun Spiel­tagen waren wir ja Tabel­len­führer, gewannen im Euro­pa­pokal gegen den FC Bar­ce­lona… 
Für ihren dama­ligen Stürmer Flo­rian Wei­chert war das Spiel gegen Bar­ce­lona nach dem Wen­de­taumel der erste Rück­schlag, das erste Zei­chen von Sta­gna­tion. Ein­fach weil so wenig Zuschauer kamen.


Das hat ganz klar Gerd Kische zu ver­ant­worten, der hat damals 100 D‑Mark Ein­tritts­geld ver­langt. Wir hatten das Hin­spiel mit 0:3 ver­loren, aber das Rück­spiel 1:0 gewonnen. Für die Ros­to­cker wäre es toll gewesen, mal Bar­ce­lona zu sehen, doch wer konnte sich damals schon ein Ticket für 100 D‑Mark leisten? 

Diese Erfah­rung gegen das große Bar­ce­lona im Nou Camp spielen zu dürfen, wie war das für die Spieler?


Ich glaube einige Jungs haben damals gar keine Luft vor Begeis­te­rung bekommen. Das war alles neu für sie. Ich denke auch des­halb haben wir 0:3 ver­loren. In der DDR hatten sie vom Westen geträumt, und viel­leicht mal von Bar­ce­lona gehört,. Und auf einmal waren sie in diesem rie­sigen Sta­dion. Auch für mich war es beein­dru­ckend, man spielt ja nicht alle Tage gegen den FC Bar­ce­lona. Aber für die Spieler aus der DDR muss das die Erfül­lung eines Traums gewesen sein. Ich kann gar nicht genau sagen, was da in meinen Spie­lern vor­ging. 

Noch ein Wort zu Ihrem nicht ganz so glück­li­chen Abschied aus Ros­tock. Woran sind Sie letzten Endes geschei­tert? Lag es an den feh­lenden Struk­turen?

Nein. Das lag an meinem Ver­trag. Ich hatte ja die Prä­mien selbst hinein geschrieben. Kaum war Gerd Kische im Amt, meinte er plötz­lich, ich solle auf 50 Pro­zent ver­zichten. Ich war zwar bereit mir das Geld später aus­zahlen zu lassen, aber darauf ver­zichten wollte ich natür­lich nicht. Von da an gab es Krieg zwi­schen Gerd Kische und Uwe Rein­ders.