Seite 2: Wer würde die Kohle nicht nehmen?

Dazu eine kurze Anek­dote. Als es im ver­gan­genen Jahr für 11FREUNDE die Chance gab, Jürgen Klopp in Liver­pool zu inter­viewen, machte sich der Autor dieses Textes auf den Weg nach Eng­land. Klopp war von einem seiner zahl­rei­chen Wer­be­partner (zum Thema Wer­be­partner später mehr) in ein wun­der­schönes Anwesen an den Rand der Stadt gelockt worden, dort sollten Clips für eine Kam­pagne gedreht werden und in den Dreh­pausen sollte es Slots zum Inter­viewen geben. Doch wie es so ist bei sol­chen Ter­minen, wurden die Zeit­pläne natür­lich nicht auf die Minute ein­ge­halten. So das Klopp eigent­lich nicht mehr die Zeit dafür hatte, sich in Ruhe hin­zu­setzen und zu plau­dern, er musste zum Trai­ning, dafür wird er ja eigent­lich bezahlt. Für einen aus Deutsch­land ange­reisten Jour­na­listen, der ja nur aus Deutsch­land ange­reist war, um sich mit Klopp in Ruhe hin­zu­setzen und zu plau­dern, eine ziem­lich beschis­sene Nach­richt. Eigent­lich. 

Doch Klopp, und das ist eine seiner unter­schätzen Stärken, ist fle­xibel. Er bekommt Dinge gere­gelt. Er fragte: Ist es für Sie in Ord­nung, wenn ich mich wäh­rend des Gesprächs umziehe? Dann spare ich ein paar Minuten.“ Und dann zog er sich Hose und Shorts aus, stand in Unter­hose vor dem zunächst per­plexen Jour­na­listen und lie­ferte ab. Das Gespräch dau­erte nur 15 Minuten. Doch jede Ant­wort, jeder Satz, eigent­lich jedes Wort saß. Es war, vor allem, wenn man andere Gesprächs­partner aus der Fuß­ball­branche gewöhnt ist, schlichtweg ein beein­dru­ckender Auf­tritt.

Ist es für Sie in Ord­nung, wenn ich mich wäh­rend des Gesprächs umziehe?“

Jürgen Klopp

Bevor es zu anbie­dernd wird mit der Lob­hu­delei: Natür­lich hat auch Jürgen Klopp seine Schwä­chen. Er ist auch jetzt, wo er kaum noch ver­liert, noch immer ein aller­höchs­tens mit­tel­mä­ßiger Ver­lierer. Und wenn er einem mit seinem Ultra­weiß-Lächeln in der Deut­sche-Ver­mö­gens­be­ra­tung-Halb­zeit­pause auf Sky erzählt, wie geil Geld anlegen doch sei, wäh­rend man sich fragt, wel­ches Geld man denn bitte anlegen soll und wäh­rend dar­über hinaus die eigene Lieb­lings­mann­schaft auch noch zu Hause mit 0:4 gegen den 1. FC Köln zurück­liegt, dann möchte man den Fern­seher schon ganz gerne auf einer Mist­gabel auf­spießen. 

Und, natür­lich, auch der Erfolg von Liver­pool ist erkauft. Virgil van Dijk hat fast 85 Mil­lionen Euro gekostet, Alisson Becker mehr als 60, Mo Salah oder Sadio Mané spielen eben­falls nicht für umme, und kürz­lich berich­tete die BBC, dass kein Pre­mier-League-Verein im abge­lau­fenen Jahr mehr Kohle an Spie­ler­be­rater abge­drückt hat als Liver­pool. Aber: Im Ver­gleich zur Kon­kur­renz aus Man­chester oder London oder Madrid ergab nahezu jeder Klopp-Transfer ulti­mativ Sinn. Das Geld wurde nicht zum Fenster raus­ge­worfen. Und soll er doch zusätz­lich zu seinen Liver­pool-Mil­lionen noch ein paar mehr Mil­lionen mit Wer­be­deals ein­strei­chen, was soll’s? Ein Opel bleibt ein Opel. Was damit gemeint ist: Selbst seine Schwä­chen sind irgendwie normal. Wer ver­liert schon gerne? Und wer würde die Kohle nicht nehmen?

Diese kleinen Schrammen machen das große, ganze Bild jeden­falls nicht kaputt. Nicht annä­hernd. Jürgen Klopp hat sich spä­tes­tens ges­tern in Liver­pool unsterb­lich gemacht. Weil er den Verein nicht nur ver­standen, son­dern wie­der­be­lebt hat. Weil er sich dabei von Fach­leuten hat helfen lassen. Weil seine Mann­schaft nicht nur erfolg­reich, son­dern nach wie vor auf­re­gend spielt. Weil diese Geschichte Kitsch von der besten Sorte Kitsch ist. Und wenn irgend­wann, in 20 Jahren oder in 30, ein anderer Trainer direkt nach einem Titel­ge­winn mit Liver­pool live im Fern­sehen inter­viewt werden wird, dann wird er nicht nur Kenny Dalg­lish und Steven Ger­rard für ihre Arbeit danken. Son­dern ganz bestimmt auch Jürgen Klopp. Denn der ist spä­tes­tens jetzt eine Liver­pooler Legende.