Tri­kot­wer­bung wurde in den sieb­ziger Jahren gesell­schafts­fähig, ohne dass man sie als son­der­lich stö­rend emp­funden hätte. Es brach kein bun­des­weiter Kul­tur­kampf aus wie in heu­tigen Zeiten, in denen Sta­dien in nicht mehr über­schau­barer Potenz umbe­nannt werden. Meist saß ein­fach ein glü­hender Fan in irgend­einer Chef­etage und schau­felte mit seiner modernen Front­an­zeige a bis­serl Geld in die Klub­kasse. Nie­mand wäre damals auf die Idee gekommen, Stu­denten messen zu lassen, wie häufig die bedeckte Brust wer­be­re­le­vant im Fern­sehen gezeigt wird. Und nie­mand konnte etwas Schlechtes daran finden, dass der VfL Bochum unver­mit­telt mit der Stier-Sil­hou­ette eines spa­ni­schen Brannt­weins auf­lief. Hatte zwar inhalt­lich nur ent­fernt mit dem ein­ge­tra­genen Pil­s­trin­ker­verein zu tun, war aber irgendwie auch eine kon­ge­niale Ergän­zung zu Front­schweinen wie Lothar Woelk, Her­mann Ger­land oder Michael Eggert.

Das Spon­sor­logo von For­tuna Düs­sel­dorf war – als hätte man sich von der lokalen Künst­ler­le­gende Joseph Beuys inspi­rieren lassen – aus edlem Filz gefer­tigt. Jede zufäl­lige oder gewollte Berüh­rung der Tri­kot­brust war ein hap­ti­sches Erlebnis. Hätte man das kreis­runde Mar­ken­zei­chen, das mit han­dels­üb­li­chem Kleb­stoff befes­tigt wurde, unter heißem Was­ser­dampf abge­löst, wäre es ver­mut­lich auch eine veri­table Plat­ten­tel­ler­auf­lage gewesen. Zwei gekreuzte Spiel­zeug­schwerter ergänzten den Schriftzug, der sich gezielt pop­kul­tu­reller Stan­dards bediente. Spe­ziell das abge­run­dete A war ein typo­gra­phi­scher Clou. Wer hätte hinter diesem auf­re­genden Kon­strukt auf gelbem Grund eine gewöhn­liche Ver­si­che­rung ver­mutet? Wo ARAG drauf stand, war ABBA nicht fern.

ARAG gleich All Rhein­län­ders Are Gays“?

Es gehörte schließ­lich zum Bil­dungs­kon­sens, dass die schwe­di­sche Super­group ihren Namen aus ihren Mit­glie­dern zusam­men­ge­setzt hatte, also aus Agnetha, Björn, Benny und Anni-Frid. Folgte man diesem Prinzip, ließ sich relativ leicht rekon­stru­ieren, warum die rot-weißen Kicker ihre vier Buch­staben erhalten hatten. ARAG stand im Tes­to­steron-gesteu­erten Milieu der Fan-Blöcke 36 – 39 kei­nes­falls für All Rhein­län­ders Are Gays“ oder gar zuver­läs­sigen Rechts­schutz. Gemeint waren, natür­lich, die vier größten Helden in kurzen Hosen: Allofs (Klaus), Ralf (Dusend), Allofs (Thomas) und Gerd (Zewe).

Was Puma zum Fab-Four-Filz bei­steu­erte, war solides Schnei­der­hand­werk, made in Her­zo­gen­au­rach. Der rote Grundton wurde stil­si­cher kon­tras­tiert von weißen Ele­menten: ver­we­genem Kragen, kreuz­braven Bünd­chen, extra­breiten Ärmel­ka­nälen. Das umge­stürzte Dreieck unter dem Kinn, das unver­hohlen auf das Spon­sor­logo deu­tete, ver­lieh der Berufs­klei­dung zusätz­liche Ele­ganz. Das Gesamt­kon­strukt war so zeitlos schön, dass For­tuna das Design drei Jahre lang nicht änderte. Mög­li­cher­weise hat man es auch ein­fach ver­gessen. Eine expli­zite Mer­chan­di­sin­gab­tei­lung exis­tierte nicht und im Sommer blieb halt auch immer nur wenig Zeit für die jewei­lige Sai­son­pla­nung.

Weiße Ersatz­tri­kots. Ohne Wer­bung.

In die Zeit des schönsten F95-Tri­kots aller Zeiten fielen: drei DFB-Pokal­end­spiele, zwei DFB-Pokal­siege und ein Euro­pa­po­kal­fi­nale gegen den FC Bar­ce­lona. Im letz­teren musste For­tuna übri­gens im weißen Ersatz­trikot antreten, ohne Tri­kot­wer­bung. Kein Wunder, dass Barca 4:3 siegte (aber erst nach Ver­län­ge­rung!).