Wenn es bei Fuß­ball­spielen zu ras­sis­ti­schen Vor­fällen kommt, ver­künden Mit­ar­beiter der betrof­fenen Ver­eine häufig: Das sind nicht unsere Fans!“ Auch der Deut­sche Fuß­ball-Bund greift gerne zu diesem rhe­to­ri­schen Exklu­si­ons­kniff.

Nur ein Bei­spiel: Als im Sep­tember 2017 die DFB-Elf in Prag gegen Tsche­chien spielte, erklangen aus dem deut­schen Fan­block Sieg-Heil-Rufe. Bun­des­trainer Jogi Löw sagte auf der Pres­se­kon­fe­renz: Das sind nicht unsere Fans.“ Ver­bands­prä­si­dent Rein­hard Grindel schrieb in einem State­ment: Ihr seid nicht unsere Fans.“ Und Ver­teidger Mats Hummel befand in einem Inter­view gar: Das sind keine Fuß­ball­fans.“

Man muss es an dieser Stelle einmal so klar auf­schreiben: Das ist rie­sen­großer Quatsch! Denn warum sollten Ras­sisten, Neo­nazis und andere Idioten sich nicht für Fuß­ball inter­es­sieren? Warum sollten sie nicht sogar Anhänger eines Bun­des­li­gisten oder der DFB-Elf sein?

Bloß nicht zu laut drüber reden!

In einem aktu­ellen Ras­sismus-Eklat ver­folgt der DFB eine ähn­liche Stra­tegie: Bloß nicht zu laut drüber reden! Bloß nicht zu kon­kret benennen! Bloß nicht zu tief in der Scheiße wühlen, denn sie könnte nach oben kommen. Und herrje, sie ist ja sogar braun!

Aber von vorne.

Ver­gan­genen Mitt­woch spielte die deut­sche Natio­nalelf gegen Ser­bien, der Freund­schafts­kick endete 1:1, am Tag danach drehte sich die Bericht­erstat­tung vor allem um ein Video, das ein Zuschauer, der Sport­jour­na­list Andre Voigt, nach dem Spiel auf­ge­nommen hatte. Drei Sitz­nach­barn, so erzählte er, hätten die Spieler Leroy Sané und Ilkay Gün­dogan mehr­fach ras­sis­tisch belei­digt. Es sei eine Atmo­sphäre wie beim AfD-Par­teitag“ gewesen. Das Video schlug einige Wellen, ver­schie­dene Medien berich­teten, auf 11freunde​.de schil­derte Voigt das Erlebte. Erschre­ckend ist vor allem, dass Voigt auf der Tri­büne keine Unter­stüt­zung der anderen Zuschauer bekam, nachdem er die drei Ras­sisten zur Rede gestellt hatte. Es gab nie­manden. Im Gegen­teil: Eine unbe­tei­ligte Frau pflich­tete dem einen Kra­wall­ma­cher noch bei, dass man heut­zu­tage ja nicht einmal mehr Zigeu­ner­schnitzel sagen dürfe.“

Ras­sismus? Ein Ein­zel­fall!

Der DFB musste reagieren. Und er tat es, wie er es immer tut. Diesmal durfte Cacau etwas sagen. Der ehe­ma­lige Natio­nal­spieler, seit November 2016 Inte­gra­ti­ons­be­auf­tragter des DFB, gab in einem Inter­view mit dem Focus“ zu, dass er das Andre Voigts Video­bot­schaft nicht gesehen habe, mit Absicht“. Und schon hier gerät der Leser ins Sto­cken: Ein DFB-Mit­ar­beiter, der sich qua seines Jobs mit dem Thema Ras­sismus beschäf­tigt, igno­riert den Auf­schrei eines Fans, der Ras­sismus anspricht? Mit Absicht? Das ist so, als würde ein Kri­mi­nal­po­li­zist ein Beweis­stück ablehnen, das ihm ein Zeuge auf die Wache bringt. Kein Bedarf, es könnte die Sache zu kom­pli­ziert machen.“

Der Bra­si­lianer Cacau ist das, was man beim DFB einen Vor­zei­ge­profi und bei der CDU einen guten Migranten nennt. Vor 19 Jahren kam der gläu­bige Christ nach Deutsch­land, er lernte die Sprache in Win­des­eile, er passte sich an, er spielte für eine tür­ki­sche Mann­schaft in Mün­chen, danach in der Bun­des­liga für den 1. FC Nürn­berg und den VfB Stutt­gart. Später ließ er sich ein­bür­gern, und eines Tages durfte er auch das Trikot der deut­schen Natio­nal­mann­schaft tragen. Er ist einer, den sogar der aktu­elle DFB-Prä­si­dent Rein­hard Grindel, der Mul­ti­kulti ja eigent­lich für Kud­del­muddel“ hält, gerne als Para­des­bei­spiel der per­fekten Inte­gra­tion prä­sen­tiert.

Zumal Cacau in seiner neuen Heimat nie mit dem Finger auf andere zeigen würde. Die Erzäh­lung des bösen und frem­den­feind­li­chen Deut­schen ver­neint er jeden­falls stets. Ras­sismus, so wie­der­holte Cacau schon als aktiver Profi gebets­müh­len­artig, habe er nie erlebt. 2010 sagte er in einem Inter­view mit dem Ham­burger Abend­blatt“: Alle haben zu mir gesagt: Pass auf mit Ras­sismus. Ich habe eigent­lich das Gegen­teil erlebt.“ Er habe die Leute ange­lacht, und sie hätten ihn mit einem Lachen im Gesicht emp­fangen. Ach, du schönes, buntes Deutsch­land.

Bis heute hält Cacau an diesem Nar­rativ fest. Er bewertet Ras­sismus von oben. Aus einem Glauben heraus, dass es jeder schaffen kann, wenn er sich anpasst. Aus der Per­spek­tive eines dun­kel­häu­tigen Mannes, dem nie Ras­sismus wider­fahren ist – wes­halb das Pro­blem für ihn nicht exis­tent scheint.