Was hatten die Deut­schen vor dem Spiel her­um­ge­tönt. Sieben Tore wollten sie ihren Frauen widmen und das achte ihren Haus­tieren. Ins Mit­tel­meer wollte sich Jupp Der­wall stürzen, wenn dieses Spiel ver­loren ginge. Ein Video­band habe er natür­lich vom Gegner besessen, doch warum hätte er das seinen Spie­lern zeigen sollen? Sie hätten ihn aus­ge­lacht.

Denn wer sollte ihnen Angst ein­jagen? Dieses Team aus Alge­rien etwa? Spieler mit Namen wie Lakhdar Belloumi oder Rabah Madjer? Also, bitte! Sie waren als amtie­render Euro­pa­meister zur WM nach Spa­nien gereist. Sie hießen Paul Breitner oder Karl-Heinz Rum­me­nigge. Sie hatten 33 Tore in der Quali­fikation geschossen und nur drei Gegen­treffer kas­siert. Und daher pumpten sie nun ihre Körper auf Super­helden-Format auf, und es grenze an ein Wunder, dass sie noch durch han­dels­üb­liche Türen passten. 

Oh, du unbe­kanntes Afrika

Dabei hätten die deut­schen Spieler gewarnt sein können, denn das DFB-Team hatte sich bei Welt­meis­ter­schaften gegen die Kleinen schon einige Male bla­miert. 1978 mühte sich die Elf in Argen­ti­nien zu einem 0:0 gegen Tune­sien, 1974 verlor sie gegen die DDR gar mit 0:1. Nun also Alge­rien.

Auf der Fuß­ball­welt­karte ein kleiner weißer Fleck auf dem großen weißen Fleck. Oh, du unbe­kanntes Afrika. Einige Fuß­ball­funk­tio­näre hatten sich vor der WM 1982 dar­über empört, dass Mann­schaften aus Dritt­welt­län­dern über­haupt teil­nehmen durften. DFB-Prä­si­dent Her­mann Neu­berger sprach von einer Ver­wäs­se­rung des Niveaus“ und künst­li­cher Auf­blä­hung“ der WM.

Es war unser Team­geist!“

Wenige Tage später war er schlauer: Kamerun blieb in einer Gruppe mit Ita­lien unge­schlagen, Hon­duras trotzte im Eröff­nungs­spiel Gast­geber Spa­nien ein 1:1 ab – und Alge­rien besiegte Deutsch­land mit 2:1. Die Tore schossen: Lakhdar Belloumi und Rabah Madjer.

Sie hatten keinen Respekt vor uns“, sagte Alge­riens dama­liger Trainer Rachid Mekhloufi sei­ner­zeit. Sie haben uns unter­schätzt“, sagt Rabah Madjer heute. Zwei Erklä­rungen, die man immer dann anbringen kann, wenn ein Underdog einen haus­hohen Favo­riten stürzt. Doch was genau unter­schätzten die Deut­schen denn über­haupt? War es der Spiel­stil? Das Tempo? Es war unser Team­geist!“, sagt Madjer.

Ver­mut­lich war der Zusam­men­halt bei keinem Team so stark aus­ge­prägt wie bei den Alge­riern. Grund war ein Gesetz, nach dem Alge­rier damals erst mit 28 Jahren ihr Land ver­lassen durften. Wir spielten seit 1979 zusammen, wir waren seit Jahren befreundet“, sagt Madjer. Wir kannten jeden Laufweg!“ An diesem 16. Juni 1982 kul­mi­nierte das enge Band mit dem 20-jäh­rigen Jubi­läum der alge­ri­schen Unab­hän­gig­keit.

Als Madjer, Belloumi und all die anderen Spieler die Kabine ver­ließen, schworen sie sich, für die Kämpfer der Natio­nalen Befrei­ungs­front FLN zu spielen. Sie waren wie unsere zweiten Väter“, sagte Belloumi später. Also rannten und rannten sie. Und als in der 57. Minute Madjer einen Abpraller zum 1:0 ver­wer­tete, ächzte ARD-Kom­men­tator Rudi Michel: Hoch­be­zahlte Profis gegen Ama­teure.“ Nach dem 2:1 durch Belloumi sagte er belei­digt Och, da hört’s doch auf!“, und dann schwieg er.

In den Fens­tern Algiers hingen Por­träts von Belloumi oder Madjer

Der nie­der­län­di­sche De Tele­graaf“ schrieb einen Tag später: In Gijon wurde der Chau­vi­nismus, die unan­ge­brachte Deutsch­land-über-alles-Men­ta­lität rück­sichtslos bestraft.“ In Alge­rien erkoren die Daheim­ge­blie­benen ihre Spieler der­weil zu Volks­helden. In den Fens­tern Algiers hingen Por­träts von Belloumi oder Madjer neben Bil­dern des Staats­prä­si­denten. Und plötz­lich ertrank auch das spa­ni­sche Oviedo in einem grünen Fah­nen­meer. 40.000 Fans waren spontan übers Mit­tel­meer gereist, um ihre Elf zu unter­stützen.

Sie ergat­terten Rest­karten oder harrten in den astu­ri­schen Bergen aus, wo ihre Elf in der Villa eines Arztes ihr Quar­tier auf­ge­schlagen hatte. Dort, auf den Zinnen des Land­gutes, stand Kapitän Ali Fer­gani am Morgen nach dem Sieg gegen Deutsch­land und sin­nierte über die Zukunft: Wir spielen einen Mix aus deut­schem, ita­lie­ni­schem und latein­ame­ri­ka­ni­schem Fuß­ball: den Alge­rian Style“.

Die Schande von Gijon

Viel­leicht hätte sie diese explo­sive Mischung noch viel weiter getragen, ins Viertel- oder gar ins Halb­fi­nale. Doch trotz eines wei­teren Sieges gegen Chile kam es anders. Deutsch­land und Öster­reich schum­melten sich im letzten Grup­pen­spiel weiter. Nach Hru­beschs frühem 1:0 stellten die Teams das Laufen ein, denn dieses Ergebnis reichte beiden zum Wei­ter­kommen. Es ist die oft erzählte Geschichte von der Schande von Gijon.

Als in Alge­rien der Zorn über diesen Nicht­an­griffs­pakt ver­flogen war, wollten die Natio­nal­spieler hoch hinaus. Aber nur einer sollte in Europa tri­um­phieren: Rabah Madjer. Für den FC Porto erzielte er 29 Treffer in 50 Spielen. Sein wich­tigstes Tor machte er am 27. Mai 1987, als er wieder einmal zum Schreck einer deut­schen Mann­schaft wurde.

Es wäre das schönste Tor gewesen, das ich je gesehen habe“

Im Lan­des­meister-Cup-Finale besiegte Porto den FC Bayern mit 2:1, und Madjer traf per Hacke. Pelé sagte einmal: Es wäre das schönste Tor gewesen, das ich je gesehen habe, wenn er nur nicht nach hinten geschaut hätte.“ Madjer, der mitt­ler­weile als TV-Experte in Katar arbeitet, lacht. Dann sagt er: Es war ein ver­dammtes Euro­pa­po­kal­fi­nale – ich musste doch wissen, ob der Ball rein­geht!“