Wird man eigent­lich als Abwehr­spieler geboren? Oder trifft man die wich­tigste Ent­schei­dung seines Fuß­bal­ler­da­seins, wenn man das erste Mal einen Rasen betritt? Immer wieder hört man von Tor­hü­tern, die früher mal Stürmer waren. Von Abwehr­spie­lern, die später zu Angrei­fern wurden. Diese Men­schen kann ich nicht ver­stehen. Ein Spiel, eine Liebe, eine Posi­tion. Und die braucht natür­lich Vor­bilder. Wäh­rend also meine Kum­pels vor des Geg­ners Tor rum­lun­gerten, stand ich als ein­ge­schwo­rener Libero selbst auf dem Bolz­platz tief in der eigenen Hälfte, brüllte rum, weil Abwehr­spieler nun einmal rum­brüllen müssen und dachte an: Aldair.

Viele werden Aldair ver­gessen haben, manche sogar gar nicht kennen (was ich per­sön­lich für unent­schuldbar halte). Des­halb ein paar wesent­liche bio­gra­fi­sche Details: 1965 als Aldair Santos do Nascie­mento (!) in Bra­si­lien geboren, Ver­eine: Fla­mengo Rio de Janeiro, Ben­fica Lis­sabon, AS Rom, CFC Genua, SS Murata. 81 Län­der­spiele für Bra­si­lien. Welt­meister 1994, Vize-Welt­meister 1998. Mit 415 Ein­sätzen für den AS Rom mensch­ge­wor­dene Stadt­ge­schichte. 1,87 Meter groß. Kurze Haare, kan­tiger Kopf, lange Beine. Abwehr­spieler. Zwei­kampf­king. Ein echter Bro­cken.

Die Bravo Sport“ inter­es­sierte sich nur für Mehmet Scholl

Ich habe Aldair nie live spielen gesehen. Ich hatte auch keine Poster von ihm an der Wand, denn die Bravo Sport“ inter­es­sierte sich zwar für Mehmet Scholl, nicht aber für Aldair. Manchmal sah ich ihn spielen, wenn sich das deut­sche Fern­sehen erbarmte und Aus­schnitte aus der Serie A zeigte. Wenn ich ehr­lich bin, dann kenne ich Aldair nicht wirk­lich gut. Und trotzdem wollte ich so sein wie er. Warum das so ist? Ich weiß es nicht.

Ich weiß nur, was mir an ihm gefiel. Aldair, das war für mich der Wel­len­bre­cher. Der Typ, der sich geg­ne­ri­schen Angriffen ent­ge­gen­warf, als ver­tei­dige er nicht Tor und Tor­wart, son­dern Haus und Haus­frau. Wenn er grät­schen musste, grätschte er. Wenn er einen Body­check für ange­messen hielt, dann wurde der Gegner eben über die Sei­ten­linie bug­siert. Aldair war kein großer Tech­niker – jeden­falls für bra­si­lia­ni­sche Ver­hält­nisse. Das musste er auch gar nicht sein. Ein­fache Kör­per­täu­schungen, prä­zise Pässe, knall­harte Zwei­kämpfe, gutes Stel­lungs­spiel beim Kopf­ball, alles Welt­klasse. Hätte ich mir aus Knete den per­fekten Ver­tei­diger bauen müssen, ich hätte im Laden nach diesen Zutaten gefragt.

Er beim AS Rom, ich bei der Kreuz­bande Kli­toris“

Ich habe mal nach­ge­schaut, wie die Kar­riere von Aldair ver­lief. Und es kann kein Zufall sein, dass sich meine fuß­bal­le­ri­sche Glanz­zeit so stark an seiner ori­en­tiert. Viel­leicht sind wir See­len­partner und er weiß davon noch gar nichts. Als er 1985 sein Debüt für Fla­mengo gab, trat ich im elter­li­chen Garten erst­mals meinem Vater auf die Füße, um ihm den Ball abzu­nehmen. Als er 1990 zum AS Rom wech­selte, lernte ich gerade meine ersten Flug­grät­schen. Und als er Mitte der neun­ziger Jahre zu einem der besten Ver­tei­diger der Welt her­an­ge­reift war, wurde ich in die Kreis­aus­wahl berufen. Der Höhe­punkt einer Fuß­ball-Kar­riere vom Dorf. 2003 ver­ließ Aldair den AS Rom, eigent­lich das vor­zei­tige Ende seiner Lauf­bahn, die in Genua und Murata sanft ver­san­dete. 2003 ver­ließ ich meinen Hei­matort und den Hei­mat­verein um zu stu­dieren. Eigent­lich das vor­zei­tige Ende einer Lauf­bahn, die schließ­lich unsanft bei Not­tingham Tou­louse und Kreuz­bande Kli­toris ver­san­dete.

Seither schlage ich mich unre­gel­mäßig auf Ber­liner Sport­plätzen durch die Gegend. Ich will noch immer sein wie Aldair. Ich grät­sche, wenn ich grät­schen muss. In meinem ersten (und letzten) Spiel für eine Ber­liner Frei­zeit­mann­schaft ver­ur­sachte ich damit in nur zehn Minuten zwei Elf­meter. Grät­schen sind dort nicht erlaubt. Body­checks eine Tod­sünde. Ich bin kein großer Tech­niker und meinen wich­tigsten Zutaten beraubt, spiele ich wie ein Stück Knete.

Aldair hat seine Kar­riere 2009 schließ­lich end­gültig beendet. Viel­leicht war er zu alt. Viel­leicht hatte man ihm aber auch irgend­wann ein­fach das Grät­schen ver­boten.