Seite 3: "Die ersten Taxifahrten in China waren der Horror"

Warum sind Sie dann doch nach fünf Jahren gegangen?
Ich hätte meine Kar­riere bei den Ran­gers beendet, wenn ich nicht mit dem Trainer Dick Advo­caat anein­an­der­ge­raten wäre. Er fing an, nur Hol­länder zu holen – und fast alle auf meiner Posi­tion. Ich bekam keine faire Chance mehr unter ihm.

Sie kehrten unter großem Medi­en­rummel nach Ham­burg zurück. Wie sehen Sie Ihre zweite Phase beim HSV?
Für mich war es ein High­light, nach Ham­burg zurück­zu­kehren. Es lief aber nicht rund, die Leis­tung stimmte nicht mehr, hinzu kam das Ver­let­zungs­pech: erst ein Leis­ten­bruch, dann der Menis­kus­riss. Nach einem Aus­wärts­spiel in Wolfs­burg mussten Bernd Hol­ler­bach und ich dann lesen, dass der Trainer Kurt Jara von uns die Schnauze voll“ habe. Er selbst hat uns aber nie erklärt, was er gegen uns hatte. Wenig später meinte Jara zu mir: Du machst kein ein­ziges Spiel mehr unter mir.“

Wie kamen Sie auf den Gedanken, nach China zu gehen?
Das Trans­fer­fenster war geschlossen, China blieb meine ein­zige Mög­lich­keit. Ich stand vor der Frage: Sitze ich den Ver­trag aus oder spiele ich Fuß­ball? Thomas Doll, mein dama­liger Nachbar, riet mir: Halt noch etwas die Füße still und bleib in Ham­burg!“ Doch so war ich nicht gepolt, ich wollte unbe­dingt spielen. Ich konnte ja nicht ahnen, dass Dolli“ wenig später selbst Trainer beim HSV wurde.

Wie ver­liefen die ersten Tage in Shanghai?
Die ersten Taxi­fahrten waren der Horror, da denkst du: Nächstes Mal besser zu Fuß, das ist sicherer.“ Zudem hatte ich natür­lich etwas Angst um meine Hunde, man kennt ja die chi­ne­si­schen Koch­ge­wohn­heiten. Aber unser Trainer Wu Jingui hat sich wun­derbar um alles geküm­mert, durch seine Stu­di­en­zeit in Köln konnte er sehr gut deutsch spre­chen. Meine Hunde waren sicher.

Wie lief die sport­liche Umstel­lung?
Auch da betrat ich natür­lich Neu­land. Für die Aus­wärts­spiele waren wir schon mal drei Tage unter­wegs. Mal war der Flug­hafen geschlossen, mal mussten wir nach der Ankunft noch vier Stunden in einem Lini­enbus zurück­legen, in dem nicht genü­gend Sitz­plätze vor­handen waren. Bei man­chen Aus­wärts­spielen gab es im Sta­dion keine Duschen und wir mussten in unseren durch­ge­schwitzten Kla­motten zum Hotel fahren. Doch ins­ge­samt hat mir das alles nicht so zu schaffen gemacht, ich konnte mich schon immer sehr gut anpassen.

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Die Fans in Shanghai ver­ab­schieden Albertz 2004 am Flug­hafen.

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2004 wurden Sie zum Spieler des Jahres“ gewählt. Wie haben Sie den Hype um Ihre Person wahr­ge­nommen?
Die Chi­nesen haben mir hoch ange­rechnet, dass ich wäh­rend der SARS-Epi­demie im Land geblieben bin. Sie sind wirk­lich sehr herz­lich mit uns umge­gangen. Bei meinem Weg­gang haben sie mich am Flug­hafen ver­ab­schiedet und sogar unsere Hunde sehr für­sorg­lich zum Check-in gebracht.

War der Grund für Ihren Weg­gang die Kor­rup­tion in der chi­ne­si­schen Liga?
Ja, ich konnte das nicht mehr mit meinem Gewissen ver­ein­baren. Wir bekamen wirk­lich sehr son­der­bare Gegen­treffer, unsere Stürmer schossen den Ball meter­weit am Tor vorbei. So etwas kann im Fuß­ball immer mal vor­kommen, aber wenn man die Szenen genau ange­sehen hat, wusste man: Da läuft etwas falsch. Die chi­ne­si­schen Spieler haben nicht viel ver­dient zu dieser Zeit und irgend­wann war klar, dass min­des­tens drei gegen uns spielen.

Wie bli­cken Sie auf Ihre Lauf­bahn zurück?
Ich bin zufrieden und möchte keine Erfah­rung missen. Die guten Momente natür­lich nicht, aber auch nicht die schlechten, das gehört dazu. Selbst mit Kurt Jara würde ich mich heute zu einem Bier oder Kaffee an einen Tisch setzen. Im End­ef­fekt war er aus­schlag­ge­bend dafür, dass ich den Schritt nach China gegangen bin und diese groß­ar­tige Erfah­rung machen durfte.

Im Jahr 2002 wurden Sie in die Hall of Fame“ der Ran­gers gewählt. Da hat man Sie zum ersten Mal fas­sungslos gesehen.
Ich war voll­kommen über­rascht von der Ehrung und konnte dann auch die Tränen nicht mehr auf­halten. Wenn ich jetzt ins Ibrox gehe und meinen Namen auf der Ehren­tafel sehe, dann erfüllt mich das mit Stolz. Die Schotten sehen mich nicht mehr als Deut­schen, son­dern als adopted scot. Das ist eigent­lich das größte Kom­pli­ment, das ich in meiner ganzen Kar­riere bekommen konnte.