Seite 2: "Am ersten Tag in Glasgow gingen wir in den Pub, dann zu Jon Bon Jovi"

Wie waren Ihre ersten Ein­drücke von den Ran­gers?
Da Sie gerade von Undis­zi­pli­niert­heiten spra­chen: Am ersten Tag in Glasgow sagte der Trainer zu meinen Mit­spie­lern: Küm­mert euch heute um den Neuen!“ Was haben Sie gemacht? Gazza (Paul Cas­coigne), Coisty (Ally McCoist) und die anderen haben mich erst einmal in den Pub geschleppt. Die Jungs waren knall­voll! Als ich mir eine ansteckte, schauten sie wie ein Auto. Ich meinte: Ist doch okay, ihr sauft, ich rauche.“

Wie ging der Abend zu Ende?
Wir zogen weiter zum Kon­zert von Jon Bon Jovi in unserem Sta­dion. Und wer tanzte da in der ersten Reihe? Unser Trainer. Er ließ den Jungs lange Leine, aber konnte sich auch tau­send­pro­zentig auf sie ver­lassen. Am nächsten Tag standen alle beim Trai­ning. Sie hatten zwar eine Fahne, aber sind mar­schiert wie ver­rückt. Später fragte Gazza, wo ich eigent­lich wohne. Als ich es ihm erzählte, gab er mir einen Schlüssel und sagte: In der Nähe habe ich ein Speed­boat stehen. Wenn du Bock hast, nimm es dir ein­fach.“

Wie war der täg­liche Umgang mit Paul Gas­coigne?
Gazza war der ange­nehmste und liebste Kerl, den Sie sich vor­stellen können – wenn er nicht getrunken hatte. Eines Tages sind wir in Gle­nea­gles zusammen auf Fal­ken­jagd gegangen. Wir liefen durch die Wälder, erzählten viel und hatten ein­fach eine tolle Zeit. Es ging darum, mit ihm woan­ders hin­zu­gehen als in den Pub. Kein Alkohol für Gazza! Da haben wir in der Mann­schaft immer auf ihn auf­ge­passt. Das Pro­blem war, wenn er alleine los­ge­zogen ist. Dann konnte es pein­lich werden.

Wie haben Sie die Riva­lität zwi­schen Ran­gers und Celtic wahr­ge­nommen?
Gleich zu Beginn bläute mir unser Prä­si­dent ein, dass ich mich auf keinen Fall auf dem Platz bekreu­zigen solle, wie ich es vorher getan hatte: Wenn du das machst, dann kommen wir in Teu­fels Küche.“ Bei den Ran­gers durfte keiner erfahren, dass ich katho­lisch war. Außerdem musste ich bei der Klei­dung auf­passen. Eines Tages kam ich mal mit Schuhen mit drei grünen Streifen in die Kabine, also den Farben von Celtic. Die Mit­spieler reichten mir nur einen schwarzen Edding – ich musste die Streifen über­malen.

Das ist Jörg Albertz

Er wurde 1990 Profi in Düs­sel­dorf. Kurz nach seinem Wechsel zum HSV 1993 wurde er dort der bis dato jüngste Kapitän. Nach drei Jahren, 99 Spielen und 22 Toren ver­schlug es ihn 1996 zu den Ran­gers. Danach spielte er noch mal für den HSV, zwei Jahre bei Shanghai Shenhua, bei Greu­ther Fürth und wie­derum bis 2007 für die For­tuna. 2008 lief er für acht Spiele in der schot­ti­schen zweiten Liga auf, um das Team seines Ran­gers-Kum­pels Andy Goram in der Klasse zu halten.

Wie war es in den Spielen?
Es gab nur einen Zwi­schen­fall, als mich Paul Lam­bert von Celtic umgrätschte. Ich habe ihn dabei mit dem Knie im Gesicht erwischt, und er verlor zwei Zähne. In der fol­genden Nacht wurden meine Fens­ter­scheiben mit Bier­fla­schen ein­ge­schmissen. Ansonsten hatte ich keine großen Pro­bleme mit den Celtic-Fans, sie haben mich normal behan­delt. Du muss­test dich nur an die Regel halten: Nach dem Old Firm hast du als Spieler nichts in der Stadt ver­loren, egal wie das Spiel aus­ge­gangen ist. Das kann gefähr­lich werden.

Sie trafen sehr oft gegen Celtic. Waren Sie beson­ders moti­viert?
Bei so einem Spiel muss sich kein Spieler mehr zusätz­lich moti­vieren. Ich habe noch mit vielen Schotten zusam­men­ge­spielt, die sich schon im Kabi­nen­gang mit den Celtic-Spie­lern ordent­lich gefetzt haben. Als ich das erste Mal bei diesem Spiel auf den Rasen lief und die Stim­mung mit­bekam, dachte ich nur: Mann, ist das geil hier!“

Wel­ches war Ihr schönstes Old Firm?
Als wir fünf Spiel­tage vor Schluss im Sta­dion unseres Rivalen Meister geworden sind. So etwas hatte es vorher noch nicht gegeben. Direkt danach sind wir in ein Trai­nings­lager nach Mar­bella auf­ge­bro­chen, weil später noch das Pokal­fi­nale gegen Celtic anstand. Wir absol­vierten eine kurze Ein­heit, dann sagte der Trainer Dick Advo­caat: Alles klar, Jungs, wir sehen uns in einer Woche am Flug­hafen.“ Das hieß für uns: Feuer frei! Aber wieder mal konnte der Trainer sich auf diese Truppe ver­lassen. Wir fei­erten, aber über­trieben es nicht. Das Finale gewannen wir mit 1:0.

Hätten Sie mehr als Ihre drei Län­der­spiele geschafft, wenn Sie die Ran­gers ver­lassen hätten?
Diesen Gedanken hatte ich nie. Ich hatte so eine groß­ar­tige Zeit dort, habe in so einer tollen Mann­schaft gespielt – ich bereue keine Sekunde. Als junger Spieler wollte ich mit Aus­nah­me­kön­nern wie Brian Lau­drup und Paul Gas­coigne spielen. Das garan­tiert dir jedes Jahr die Teil­nahme an der Cham­pions League. Das war einer der Gründe für meinen Wechsel nach Glasgow, finan­ziell boten die Ran­gers nicht mehr als der HSV. In der Natio­nal­mann­schaft hatte ich unter anderem mit Chris­tian Ziege starke Kon­kur­renz. Ich hätte gerne mal mit ihm zusam­men­ge­spielt auf der linken Seite, aber dazu kam es leider nicht.