Alberto Sed hatte es zeit seines Lebens nie fer­tig­ge­bracht, ein Baby im Arm zu halten – nicht einmal bei seinen eigenen Kin­dern. Viel zu trau­ma­ti­siert war der gebür­tige Römer vom Anblick jener SS-Wach­leute, die jüdi­sche Säug­linge wie Bälle in die Luft geworfen hatten, um Ton­tau­ben­schießen zu üben. Das war wäh­rend Albertos Zeit im Ver­nich­tungs­lager Ausch­witz-Bir­kenau, dem der ita­lie­ni­sche Jude im Früh­jahr 1945 auf wun­der­same Weise ent­kommen konnte.

Ursprüng­lich hatte Alberto ganz andere Pläne gehabt, als im fernen Ausch­witz hinter Sta­chel­draht zu hocken und auf den Todes­be­fehl zu warten: Wären die Ras­sen­ge­setze nicht gewesen, wäre ich ein bes­serer Spieler geworden als du“, sagte er einmal bei einem Treffen mit der AS-Rom-Ikone Fran­cesco Totti. Alberto, der bis zuletzt die Vor­kriegs-Elf seiner geliebten Roma mit geschlos­senen Augen runter beten konnte, war in der Jugend ein ziem­lich guter Kicker gewesen. Aber er war Jude, und Juden durften zu jener Zeit keine Kar­riere machen. Juden durften nicht einmal leben.

Im November 2019 ver­starb Alberto. Fried­lich. Im hohen Alter von 90 Jahren. Mit ihm ging ein großer Mahner gegen Ras­sismus, Anti­se­mi­tismus, Dis­kri­mi­nie­rung und Hass. Doch Albertos Geschichte und seine Erzäh­lungen werden bleiben, als ewiges Ver­mächtnis – auch wenn er selbst 50 Jahre gebraucht hat, um den Horror von Ausch­witz so weit zu ver­ar­beiten, dass er dar­über spre­chen konnte. Zu Schü­lern. Zu Stu­denten. Und zu den Fuß­ball-Fans in jener Stadt, in der Lazio-Ultras den Roma-Tifosi fol­gendes Spruch­band ent­ge­gen­hielten: Ausch­witz ist eure Heimat, die Öfen sind eure Häuser.“ So geschehen im Jahr 1998.

Sein Blick war gütig und gnädig, nie­mals hass­erfüllt

Was Ausch­witz wirk­lich war, wusste kaum jemand so genau wie Alberto Sed. Am 21. März 1944, dem Tag seiner Ver­haf­tung, war Alber­tino“ gerade mal 15 Jahre jung. Die ita­lie­ni­sche Polizei hatte ihn auf­ge­griffen und in ein nahes Sam­mel­lager ver­schleppt – Alberto, seine drei Schwes­tern Ange­lica, Fatina und Emma sowie Mama Enrica. Später wurden sie alle nach Ausch­witz-Bir­kenau depor­tiert, von wo ledig­lich Alberto und Fatina 1945 zurück­kehren sollten.

Spä­tes­tens in den 1990er-Jahren, als der Neo-Faschismus in Ita­lien eine erste Blüte erlebte, spürte Alberto Sed, dass es Zeit war, das eigene schmerz­volle Schweigen zu beenden. Und er begann zu spre­chen. Als Mah­nung und als War­nung. Er redete in Gemein­de­s­älen und auf Thea­ter­bühnen, in Klas­sen­zim­mern und auf Sport­plätzen. Und seine Zuhörer blickten frontal in das Gesicht eines leib­haf­tigen Opfers. Albertos Blick aber war gütig und gnädig. Nie­mals hass­erfüllt.