Im Sommer 2014 war der HSV wieder wer. Zwar hatte die Mann­schaft eine kata­stro­phale Saison gespielt und sich mit lächer­li­chen 27 Punkten in der Liga gehalten, doch nun würde es ja wieder auf­wärts gehen. Zunächst konnte mit Dietmar Bei­ers­dorfer eine Art Heils­bringer als Sport­di­rektor ver­pflichtet werden. Wie früher galt bei dieser Ver­pflich­tung auch hier die HSV-Losung: Was schon mal gut war im Volks­park­sta­dion, muss immer noch gut sein (vgl. Rafael van der Vaart, Jörg Albertz, Thomas Doll, Ivica Olic).
 
Zugleich seg­neten die Fans das neue Modell HSVplus“ ab, also die Aus­glie­de­rung der Pro­fi­ab­tei­lung, nach der es mög­lich war, Anteile an Inves­toren zu ver­kaufen und den Auf­sichtsrat zu ver­klei­nern. Der HSV, so die ein­hel­lige Mei­nung, würde bald die großen Top­stars an die Elbe locken und wieder dort mit­spielen, wo man sich seit 1983 wähnt: ganz oben.
 
Keine zwölf Monate später schwimmt der Klub wie ein leb­loser Körper im Hafen­be­cken. 25 Punkte, 16 Tore, letzter Platz. Erklä­rungen dafür gibt es so viele, dass man, schriebe man sie in Dreh­buch­form auf, genug Mate­rial hätte, um die nächsten zehn Jahre Ditt­sche“ mit steilen Dia­logen und die nächsten 30 Jahre Dop­pel­pass“ mit steilen Thesen zu füllen.

Das macht HSV-Fans jetzt Hoff­nung: ______
 
Wer noch an eine Ret­tung glaubt, der muss Fan­tast sein oder irre oder beides. Die Ham­burger Mor­gen­post“ ver­öf­fent­lichte heute eine leere Dop­pel­seite. Über­schrift: Das macht HSV-Fans jetzt Hoff­nung!“
 
Man könnte hier Fotos hin­ein­kleben. Von Dietmar Bei­ers­dorfer zum Bei­spiel, ein­ge­fal­lenes Gesicht, graue Haare, graue Haut, ein Mann wie ein Stein, ein Sport­di­rektor, der in einem Jahr um 20 Jahre geal­tert scheint. Daneben das Bild eines Mannes auf der Trai­ner­bank, der eigent­lich nie Trainer sein wollte. Er heißt Peter Knäbel und hat Ende der Neun­ziger mal einen unter­klas­sigen Verein in der Schweiz trai­niert. Zuletzt war er Tech­ni­scher Direktor der Schweizer Natio­nal­mann­schaft. Im Oktober 2014 über­nahm er die Funk­tion Direktor Pro­fi­fuß­ball“ beim HSV. Im Sommer 2015 blickt auch er: leer, leblos. Wie einer, der vor gar nicht langer Zeit noch dachte, dass die Auf­gabe, den HSV end­lich wieder den Erfolg zurück­zu­bringen, eine ganz gute Idee sei. Etwas, wofür man auch einen gemüt­li­chen Job in der Schweiz auf­geben kann.
 
Gibt es also wirk­lich nichts mehr, was Hoff­nung macht? Aber natür­lich!
 
Da ist zum einen das Rest­pro­gramm. Man kann zwar von einer Nie­der­lage in Bremen am kom­menden Wochen­ende aus­gehen, aber dann folgen Heim­spiele gegen Teams wie Augs­burg oder Frei­burg, aus­wärts geht es gegen Stutt­gart und Mainz. Und ob die Schalker, für die am letzten Spieltag ver­mut­lich nichts mehr in Rich­tung Cham­pions-League-Platz geht, noch mit vollem Ein­satz spielen, nachdem die Ham­burger ihnen anno 2001 immerhin eine Vier­mi­nu­ten­meis­ter­schaft geschenkt haben?

Was außerdem Hoff­nung macht: Der HSV ist nun end­lich Letzter. Dort, wo er seit Wochen schon hin­ge­hört. Und nun kann er sich in den ver­blei­benden Spielen nicht mehr zurück­lehnen, im Glauben, dass zwei andere Teams – wie letzte Saison – eben­falls jedes Spiel ver­lieren. Er muss nun selbst aktiv werden.

Ich bin doch auch nur ein Mensch“
 
Dann ist da der Kader. Zuge­geben, die meisten Spieler hum­peln diese Saison über den Platz, als hätten sie bis­lang noch in einer schleswig-hol­stei­ni­schen Kreis­liga B gespielt oder als seien sie bis vor kurzem gar in einer anderen Sportart, zum Bei­spiel Bad­minton, aktiv gewesen. Aber es darf Hoff­nung bestehen, dass die Spieler ihre eigent­liche Stärke erkennen. Ein Valon Behrami etwa, der in den ver­gan­genen Jahren Stamm­spieler beim SSC Neapel, AC Flo­renz oder Lazio Rom war. Der zudem über 50 Län­der­spiele für die Schweiz bestritten hat. Ein Nicolai Müller, der für den FSV Mainz als Mit­tel­feld­spieler in 81 Spielen pas­sable 21 Mal getroffen hat und sogar zweimal für die Natio­nal­mann­schaft auf­lief. Ein Lewis Holtby, der einst Schalke ver­zau­berte und bei Tot­tenham Hot­spur spielte. Ein Per Jiracek, der bei der EM 2012 für Tsche­chien bril­lierte und die Mann­schaft mit seinen Toren ins Vier­tel­fi­nale schoss. Ein Ivica Olic, ein Mar­celo Díaz, ein Johan Djourou, ein Mat­thias Ost­rzolek.

Es sind alles keine Spieler mit Cham­pions-League-Format. Aber war von Anfang an abzu­sehen, dass diese Spieler den HSV auf den letzten Platz kata­pul­tieren? Sind das nicht Spieler, mit denen man zumin­dest einen ein­stel­ligen Tabel­len­platz hätte errei­chen können? Zumin­dest erkennen einige von ihnen nun, dass die Sache ernst ist. Lewis Holtby stellte nach dem Spiel gegen Wolfs­burg vor den Fans fest: Ich bin doch auch nur ein Mensch.“