Pünkt­lich um 23:00 Uhr schwangen sich die Fuß­ball­trainer einst in ihre alten Opel Kadetts, die Kippe im Anschlag, schmissen den Motor an und gingen auf Tour. Ins Sham­ro­ck’s“, Susi’s Pinte“, Lovers Lane“, Elb­schloss­keller“ und wie sie alle hießen, jene Kneipen, Diskos, Schwoof­schuppen, in denen die Spieler trotz Zap­fen­streich vom süßen Nektar des Lebens kos­teten, tanzten, rauchten oder sich ein­fach nur voll­laufen ließen. Und das obwohl morgen um 15:30 Uhr Anpfiff war. Legendär sind die Geschichten von Spie­lern, die hastig aus den Klofens­tern vor ihrem neu­gie­rigen Trai­nern ent­kommen, von Trai­nern, die mit ange­klebten Bärten durch die Alt­stadt strei­chen, immer auf der Suche nach amü­sier­freu­digen Zög­lingen. Ach, früher war eben mehr Katz und Maus. Wun­der­bare Jahre.

Heute, in Zeiten strom­li­ni­en­för­miger Profis, Bild-Lese­re­por­tern und Kame­ra­handys, trauen sich die Stars vom grünen Rasen sowieso nicht mehr raus auf die Straße. Von der Kneipe nebenan ganz zu schweigen. Zu groß ist die Angst, ver­folgt zu werden, abge­knipst, an den Pranger gestellt. Jetzt sitzen sie zuhause, werfen gelang­weilt die Kon­sole an, schreiben vor­eilig ein Buch oder zählen die Pickel der Rau­h­fa­ser­ta­pete. Vorbei also die Zeiten der Ver­fol­gung? Von wegen. Es ist noch viel schlimmer geworden.

Glas­fa­ser­di­cker Spion in der Haus­wand

Wo sich in grauer Vor­zeit ledig­lich der eigene Trainer für die abend­liche Frei­zeit­ge­stal­tung inter­es­sierte, lauert der Feind heute überall. Glas­fa­ser­dick schleicht er sich durch die eigenen vier Wände, sitzt sogar im eigenen Telefon, im Café an der Ecke. Und er ist immer auf der Suche nach den intimsten Geheim­nissen aus dem hin­ter­letzten Winkel der Spie­l­er­ge­hirne. Grund genug für eine Para­noia.

Warum sonst gras­siert der­zeit dieser selt­same Ver­fol­gungs­wahn im Fuß­ball? Zahl­reiche Manager von Bun­des­li­ga­klubs for­dern die DFL auf, die Daten der eigenen Spieler besser zu schützen. Gemeint sind jene sen­si­blen“ Zah­len­reihen irgendwo zwi­schen Lauf­leis­tung, Höchst­ge­schwin­dig­keit, Pass­quote und Schweiß­menge, die mitt­ler­weile von Daten­kraken erhoben werden, um das Spiel ver­ständ­li­cher, die Bericht­erstat­tung genauer und den Fan schlauer zu machen. Sie galten als Hilfe für alle. Hilfe, um zu ver­stehen, warum Han­nover in der Europa League ist, Werder plötz­lich oben mit­mischt und Dort­mund nun zehn Mal in Folge Meister wird.

Pssst, Fuß­baller und Geheim­nisse: Hier geht es lang »>

Ein toller Ser­vice, wirk­lich klasse, doch aus Sicht der Klubs sind die Daten der Feind. Denn plötz­lich wissen alle, dass ein schlecht gelaunter Lukas Podolski schlichtweg lauf­faul ist, Martin Stoll von Dynamo Dresden gar der lang­samste Zweit­li­ga­profi des ersten Spiel­tags. Das muss ver­hin­dert werden, denn wenn nun jeder sehen kann, dass Profis auch mal schlechte Tage haben können, sinken Markt­werte, Ansehen und Zuschau­er­zahlen. Irgend­wann ver­liert der Fuß­ball seine Glaub­wür­dig­keit. Wer will schon Men­schen mit kleinen Feh­lern und Schwä­chen sehen? Nie­mand. Also rennt ein ganzes Land fortan zum Dart. Oder schaut Tour de France. Ganz bestimmt.

Ronaldo darf nicht mehr twit­tern

Die Angst vorm Aus­spio­nieren über­trifft natür­lich wieder nur einer: The Spe­cial One“. José Mour­inho will seinen Spie­lern die Nut­zung von Face­book, Twitter und Co. ver­bieten. Warum? Ist doch klar, die zahl­rei­chen Feinde von Real Madrid (UNICEF, UEFA, Guar­diola, Welt) sind angeb­lich ganz scharf darauf, aus den Web-Akti­vi­täten der Real-Spieler Rück­schlüsse auf die Stim­mung inner­halb der Mann­schaft ziehen. Man mag es sich kaum vor­stellen:

11. Dezember 2011, Clá­sico, Carlos Puyol hat ges­tern Abend die Twitter-Kanäle von Ronaldo und Co. gescannt. In der 13. Minute setzt er vor der Grät­sche zum gepflegten Trash­talk an („He, Ronaldo. Ges­tern Scampis zum Abend­essen gefut­tert?“). Ronaldo rastet aus. Rot. Die spiel­ent­schei­dende Szene.

Das darf nicht sein. Des­wegen sagen wir Ja zum Ver­fol­gungs­wahn. Sperrt eure Spieler in Häuser aus Stahl­beton. Nehmt ihnen den letzten Kon­takt zur Außen­welt. Hüllt sie auf dem Spiel­feld in Alu­folie, damit die Daten­er­he­bung in den Sta­dien unmög­lich wird. Schützt sie wie Geheim­agenten. Ver­schafft ihnen Zweit-Iden­ti­täten, Dop­pel­gänger und Wohn­sitze in ver­schie­denen Län­dern. Schult sie in Selbst­ver­tei­di­gung, Fähr­ten­lesen und Flucht. Der Feind wartet von nun an überall.

Solltet ihr sie aber einmal nach dem Zap­fen­streich in der Kneipe suchen, werden sich diese per­fekt aus­ge­bil­deten Fuß­bal­lagenten längst aus dem Staub gemacht haben. Wun­dert darf euch das dann nicht: Es sind die Geister, die ihr einst gerufen habt.