Jean Löring kam fuchs­teu­fels­wild aus der Kabine. Seit sieben Spielen war For­tuna Köln sieglos, und heute, gegen Waldhof Mann­heim, drohte die nächste Nie­der­lage, zur Halb­zeit stand es bereits 0:2. Als der Prä­si­dent in den Innen­raum wütete, erblickte er drei Bekannte auf der Tri­büne. Er winkte sie an den Zaun, beugte sich vor und flüs­terte: Hab’ eben den Tünn raus­ge­worfen.“

Die drei Jungs schauten sich irri­tiert an, waren sie tat­säch­lich die Ersten, die von der heute legen­dären Halb­zeit­ent­las­sung Toni Schu­ma­chers erfahren hatten? Nur einer, der den Tünn ganz gern mochte, rief ihm hin­terher: Alter Mann, geh doch nach Hause!“ Aber der alte Mann dachte nicht daran, er drehte sich um und sagte: Komm nur her! Ich hab’ früher geboxt!“

Das letzte Hemd für den Verein

Später erfuhren die drei Freunde, dass Löring seinen Trainer mit den Worten Du hast hier nichts mehr zu sagen, Wichser!“ ent­lassen hatte. Ein Wahn­sin­niger, dachten sie. Aber auch einer, der den Fuß­ball lebte. Der sein letztes Hemd geben würde für den Verein. So wie sie.

Sieb­zehn Jahre später, an einem Frei­tag­abend im Januar, sitzen jene drei Freunde im Ver­eins­heim des SC For­tuna Köln. Sie heißen Marco, Renato und Bächti, sind mitt­ler­weile um die 50 Jahre alt, und ver­mut­lich gibt es im Kölner Stadt­teil Zoll­stock nur wenige Fans, die mehr mit­ge­macht haben als sie. Die drei besu­chen seit den acht­ziger Jahren das Süd­sta­dion, sie haben Auf­stiegs­kämpfe und Insol­venzen erlebt, dubiose Geschäfts­männer kommen und gehen sehen, bei kuriosen Ret­tungs­ak­tionen mit­ge­holfen.

Keine Ü40-Ver­an­stal­tung

Sie blieben sogar, als For­tuna in die Ver­bands­liga abstieg. Und sie sind immer noch hier. Natür­lich. Sie sind Ultras. Gründer der For­tuna Eagles, der ersten Ultra­gruppe Deutsch­lands, wes­halb sie auf manche nicht nur ultra­treu, son­dern auch ultraalt wirken, schließ­lich gilt die Ultra­kultur, zumin­dest in Deutsch­land, nicht gerade als Ü40-Ver­an­stal­tung.

Dieser Tage sind die Eagles dreißig Jahre alt geworden, und eigent­lich wollten sie das Jubi­läum groß feiern. Für die letzte Hin­run­den­partie Mitte Dezember 2016, ein Heim­spiel gegen die zweite Mann­schaft von Mainz 05, hatten sie eine Cho­reo­grafie vor­be­reitet. Ein Jahr Arbeit steckte darin.

Wenige Tage vor dem Spiel verbot der Verein aber die Choreo, weil For­tuna-Fans in Pader­born Pyro­technik abge­brannt hatten. Auf Face­book riefen die Eagles des­halb zu einem Stim­mungs­boy­kott vor dem Mainz-Spiel auf, zu einem Pro­test gegen die Feinde der Fan­kultur“. Was hätte Alt­prä­si­dent Löring wohl gesagt?

Statt 30-Jahre-Party im Sta­dion nun also Fami­li­en­treffen im kleinen Kreis. Beßje ver­zälle vun fröher.