Viel­leicht haben ihn Mar­celo Bordon und Heiko Wes­ter­mann am Samstag sogar noch bis in den Schlaf ver­folgt. Als alp­traum­hafte Gestalten mit rie­sigen Fuß­ball­schuhen, die vor seinen Augen mit Trai­nings­bällen aus den unmög­lichsten Win­keln aufs Tor schießen. Und nicht einer ver­fehlt den Kasten. Die beiden zeigen mit dem Finger auf ihn, machen lachend Fall­rück­zieher und Flug­kopf­bälle von der Mit­tel­linie, und Kevin Kuranyi steht nur hilflos daneben. Doch kurz bevor ihm diese fiesen Aus­würfe seines Unter­be­wusst­seins die alten Hand­schuhe von Oli Reck über­ziehen können, um ihn der finalen Demü­ti­gung im Tor aus­zu­setzen, schreckt Kevin Kuranyi aus einem Alp­traum hoch, der von dem realen Demü­ti­gungs­sze­nario auf Schalke doch gar nicht so weit ent­fernt ist.



Das Spiel der Schalker gegen den VfL Bochum war wieder so ein typi­sches Kuranyi-Spiel: Schalkes Mit­tel­stürmer stand vorne drin und war­tete, er ver­suchte viel, doch er traf, erneut, nichts. Dabei hatte diese Saison doch eigent­lich so gut begonnen. Zum Auf­takt gelangen Kuranyi gleich zwei Tore gegen Han­nover 96. Und doch erin­nert Kevin Kuranyis Inter­pre­ta­tion eines Mit­tel­stür­mers momentan eher an Solo-Rin­gel­reihen mit der Grazie einer Air­ho­ckey-Partie auf Stelzen.

Es mag viele Gründe geben für Kuranyis Form­schwäche. Doch das größte Zer­set­zungs­po­ten­zial für die paus­pa­pier­dünne Psyche des Natio­nal­spie­lers bildet wohl die plötz­liche und so kaum zu erwar­tende Kon­kur­renz aus den eigenen Reihen. Denn bei Schalke haben eben die beiden Ver­tei­diger Mar­celo Bordon und Heiko Wes­ter­mann das Tore­schießen über­nommen. Die ver­eins­in­terne Tor­schüt­zen­liste ist uner­bitt­lich. Kuranyi: 2. Abwehr: 3. Und beson­ders Wes­ter­mann zeigt seinem Kol­legen gerade in leicht­füßig getanzter Regel­mä­ßig­keit, wie man als Stürmer eigent­lich spielen müsste: Grad­linig, kalt­schnäuzig und mit ein biss­chen Samba. Eine schal­lende Ohr­feige, die aber auch noch etwas anderes deut­lich gemacht hat:

Heiko Wes­ter­mann, der eigent­lich den tra­di­tio­nell limi­tierten Innen­de­cker und Lini­en­läufer geben müsste, ist tech­nisch weitaus beschla­gener als der Stürmer Kuranyi.

Hinten 0, vorne 1, 2 oder 3


Für dieses ungleiche Duell zwi­schen modernem Ver­tei­diger und Mit­tel­sturm­bre­cher besitzen die Schalker jedoch kein Patent. Auch bei anderen Ver­einen haben die ein­zelnen Teile Vie­rer­ketten längst die Mit­tel­linie über­schritten und halten hinten nicht nur die Null, son­dern sorgen vorne auch immer wieder für eine 1, 2 oder 3.

Wäh­rend Miroslav Klose in der Münchner Allianz-Arena erst schmol­lend und in Selbst­mit­leid auf­ge­löst den Pfosten zer­tritt und dann immerhin als Trost­pflaster noch einen Elfe­meter schießen darf, fliegt Philipp Lahm links hinten durch die Reihen des Geg­ners, anti­zi­piert per­fekt, ver­liert kaum einen Zwei­kampf und schießt dann auch noch das wich­tige 2:0. Und das so unnach­ahm­lich schön und lässig, dass Klose im Ver­gleich dazu nur noch wirkt wie eine fleisch­ge­wor­dene Zeit­lupe einer Kör­per­täu­schung Carsten Janckers.

Auch der 19-jäh­rige Dort­munder Neven Subotic, nun schon zwei­fa­cher Bun­des­li­ga­tor­schütze, wird nach seinem Sieg­treffer mit einem unschul­digen Lächeln in Rich­tung Bank gewunken haben. Denn da saß hinter Klopp unter anderem der auch eher form­schwache Diego Kli­mo­vicz. Schönen Gruß auch.

Was den Sturm­reihen der Liga aber wirk­lich Angst machen sollte, ist, dass die neue Offen­sive der Defen­siven kei­nes­falls lus­tige Mode­re­schei­nungen oder ver­irrte Kurz­auf­tritte sind. Denn am ver­gan­genen Wochen­ende schienen sich eben jene Aus­putzer, die sonst so oft im Schatten der Angriffs­reihen stehen zu einem orgi­as­ti­schen Tor­reigen ver­ab­redet zu haben, der ihre Mit­spieler ganz vorne ziem­lich däm­lich aus­sehen lässt. Und mit dem sie ganz unver­hohlen ihr neues Poten­zial offen zur Schau trugen. Sieben Tore erzielten die Bun­des­liga-Ver­tei­diger am 3. Spieltag. Haggui und Fried­rich trafen in Lever­kusen, Philipp Lahm traf für Bayern, eben jener Wes­ter­mann ins Gesicht von Kevin Kuranyi und Subotic für Klopp. Und dann war da noch der Dop­pel­pack des leisen Riesen von der Elbe: Bas­tian Rein­hardt.

Die Relais­sta­tion ver­la­gert sich nach hinten

Lässt man die typi­schen Kopf­ball­ge­walt­taten von Fried­rich und Rein­hardt außen vor, haben diese Treffer vor allen Dingen eines gezeigt: In den ver­gan­genen Jahren hat sich das omni­po­tente Zen­trum einer modern spie­lenden Mann­schaft in einem rasanten Rück­wärts­gang ver­la­gert. Es liegt nun pas­sen­der­weise dort, wo die Meis­ter­schaften gewonnen werden und jeder Angriff seinen Anfang nimmt. Rund um den eigenen Sech­zehner. Den klas­si­schen Zehner, das fili­gran-geniale Gehirn der Mann­schaft, gibt es in der ursprüng­li­chen Form des Günter-Netzer-Sche­ren­schnittes nicht mehr. Die letzten beiden großen Fuß­ball­zu­sam­men­künfte der Welt­elite haben gezeigt: Der neur­al­gi­sche Punkt sitzt genau vor der Abwehr. Auf der Sechser-Posi­tion, der Relais­sta­tion zwi­schen Abwehr und Angriff. Es könnte pas­sieren, dass er in Zukunft noch weiter nach hinten rutscht.

Philipp Lahm, Heiko Wes­ter­mann oder auch Neven Subotic sind Pro­to­typen einer neuen Spe­zies Ver­tei­diger. Sie sind poly­va­lent bis zur posi­tio­nellen Grenz­über­schrei­tung. Lahm etwa gestaltet das Spiel des FC Bayern schon längst über seine linke Außen­bahn und könnte mit seiner Über­sicht und seinen tech­ni­schen Fähig­keiten auch ohne grö­ßere Schwie­rig­keiten im zen­tralen Mit­tel­feld spielen. Heiko Wes­ter­mann hat das gegen Bochum bereits getan und funk­tio­niert auch sonst überall wie auf­ge­zogen. Links, rechts, Mitte. Ganz egal. Zur Not gibt er den drib­bel­starken Außen­stürmer und flankt prä­zise in die Mitte, wo er dann auch gleich noch steht um diese Her­ein­gabe mit einem plat­zierten Vol­ley­schuss zu ver­werten.

Eine Mann­schaft nur aus tak­tisch ver­sierten, posi­ti­ons­un­ab­hän­gigen Vor­wärts­ver­tei­di­gern mit Kil­ler­instinkt und Gefühl im Fuß. Das alles wirkt wie ein feuchter Traum Ralf Rang­nicks. Ganz unrea­lis­tisch ist er jedoch nicht.