Seite 2: Die Erneuerung der Fanszene

Als Lok im Früh­jahr 2013 wieder einmal vor der Insol­venz stand, über­nahmen lang­jäh­rige Fans wie Gruschka und seine Mit­streiter die Ver­ant­wor­tung. Sie trugen nicht nur den Schul­den­berg in Höhe von 618.000 Euro ab, den ihnen das alte Prä­si­dium hin­ter­lassen hatte. Sie sahen schnell ein, dass es für einen Neu­start unab­dingbar ist, an einem neuen, gewalt­losen Image zu arbeiten, also die Fan­szene zu erneuern.

Als Wen­de­punkt gilt dabei das Aus­wärts­spiel in Babels­berg 2013, als Hoo­li­gans den geg­ne­ri­schen Block sowie den Platz stürmten. Rädels­führer dabei waren Mit­glieder der Fan­grup­pe­riung Sce­n­ario Lok“, über die es im säch­si­schen Ver­fas­sungs­schutz­be­richt 2014 heißt: Die bei Sce­n­ario Lok aktiven Rechts­ex­tre­misten stammten aus dem Umfeld der NPD/JN oder den ört­li­chen neo­na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Struk­turen.“

Die Gespräche sind alle geschei­tert“

Nach der Ran­dale in Babels­berg ergriff das Lok-Prä­si­dium zahl­reiche Maß­nahmen, grün­dete unter anderem eine Sta­di­on­ver­bots­kom­mis­sion. Gegen etwa 30 Ran­da­lierer ver­hängte Lok Haus­ver­bote, dazu erhielt Sce­n­ario Lok“ Auf­tritts- und Erschei­nungs­verbot im hei­mi­schen Bruno-Plache-Sta­dion. Wir haben lange ver­sucht, mit diesen Leuten zu spre­chen, doch die Gespräche sind alle geschei­tert“, sagt Gruschka. Die Aus­schlüsse wurden 2014 auf unbe­stimmte Zeit ver­län­gert.

Dar­aufhin wurden Autos der Vor­stands­mit­glieder und die Sta­di­on­an­lage beschä­digt, die Vor­stände standen teil­weise unter Poli­zei­schutz. Trotz der zahl­rei­chen Schar­mützel einigte sich Lok laut Gruschka mit den unge­wollten Pro­blem­fans auf einen Kom­pro­miss. Sce­n­ario Lok löste sich im Oktober 2014 auf, dafür wider­rief der Verein einige Haus­ver­bote.
 
Die Ver­län­ge­rung des Auf­tritts­ver­bots war das rich­tige Zei­chen, um wei­terhin straight gegen gewalt­be­reite und rechts­ra­di­kale Fans vor­zu­gehen“, sagt Juliane Nagel.

Die Linken-Poli­ti­kerin, Leip­ziger Stadt­rätin und Abge­ord­nete des Säch­si­schen Land­tages, begleitet den Verein seit Jahren kri­tisch. Sie bewertet das Enga­ge­ment des neuen Lok-Vor­standes eben­falls grund­sätz­lich positiv. So hätten Grup­pie­rungen, die zuvor von Sce­n­ario“ unter­drückt wurden, die Chance bekommen, sich zu orga­ni­sieren. Das hat der Verein unter­stützt“, sagt Nagel. Zuvor habe im Fan­block ein Klima der Angst aus alten Zeiten“ vor­ge­herrscht. Der Pro­zess, das weiter auf­zu­bre­chen, ist wichtig“, glaubt Nagel.

Neue, bunte Fan­gruppen
 
So ent­standen neue Fan- und Ultra­grup­pie­rungen wie Fan­kurve 1966“, die sich zu einer bunten und hete­ro­genen Fan­kultur bekennen und auf Ihrer Web­seite klar­stellen: Jeg­liche Formen von Dis­kri­mi­nie­rung und sons­tigem men­schen­ver­ach­tenden Gedan­kengut haben in unseren Reihen defi­nitiv keinen Platz.“

Der Verein selbst grün­dete einen Fan­beirat ohne Scenario“-Beteiligung, gab sich einen Ehren­kodex, in der Gewalt und Dis­kri­mi­nie­rung abge­lehnt werden, und arbeitet seither deut­lich inten­siver mit dem Leip­ziger Fan­pro­jekt zusammen. Ange­sichts einer derart vor­be­las­teten Geschichte und der teil­weise extrem schwie­rigen und hete­ro­genen Fan­kli­entel haben die ehren­amt­li­chen Macher bei Lok in den ver­gan­genen zwei Jahren vieles klar benannt, ange­stoßen und umge­setzt, was zuvor in zwei Jahr­zehnten ver­säumt wurde.