Fuß­ball und Pop“ nannten wir unsere Spe­zi­al­aus­gabe im Spät­sommer 2013. Einer unserer Inter­view­partner: der Schla­ger­barde Achim Mentzel. Der war nicht nur großer Fans von Energie Cottbus, son­dern hatte auch die Sta­di­on­hymne für seinen Her­zens­klub kom­po­niert. Zum Gespräch trafen wir uns damals in Gal­lin­chen bei Cottbus. Mentzel lud zu sich nach Hause, seine Frau ser­vierte Lasagne, seine Schwie­ger­tochter brachte später Kir­schen aus dem Garten. Sollte sich auch ja jeder wohl­fühlen im Hause Mentzel. Im Inter­view offen­barte sich der von Oliver Kalkofe lie­be­voll als zot­te­liges Zonen­monster“ getaufte Mentzel als höchst unter­halt­samer Gesprächs­partner.

Am Montag, dem 5. Januar 2016, ist Achim Mentzel über­ra­schend im Alter von 69 Jahren ver­storben. In Gedenken an den Enter­tainer und Fuß­ball-Ver­rückten ver­öf­fent­li­chen wir noch einmal das Inter­view in voller Länge.

Achim Mentzel, wie viel Pop steckt denn nun wirk­lich im Fuß­ball?
Pop ist vor allem eines: Show. Und Fuß­ball ist längst auch Show – aber glück­li­cher­weise nur in Teilen. Weißt du, wovor ich große Angst habe? Dass eines Tages beim Fuß­ball Zustände wie beim Eis­ho­ckey herr­schen: Jede freie Minute wird mit Musik aus­ge­füllt, jede freie Sekunde wird auf uner­träg­liche Art und Weise zur Show.

Und wenn es Ihre Musik wäre, die man dann zu hören bekäme?
Scheiß­egal! Ich will das nicht. Zu viel Pop tut dem Fuß­ball nicht gut.

Sie sagen: Fuß­ball ist zum Teil zur Show geworden. Worin unter­scheidet sich der Besuch eines Fuß­ball­spiels noch von Ihren Kon­zerten?
Im Grunde ist es doch das­selbe: Die Leute zahlen Kohle – und wollen dafür gefäl­ligst auch unter­halten werden.

Wie sieht die per­fekte Show denn aus?
Vor allem pro­fes­sio­nell. Aus­ge­dacht von vorne bis hinten. Wie vom Dreh­buch dik­tiert.

Aber ist das nicht gerade das Schöne am Fuß­ball, dass sich das Spiel nicht planen lässt?
Wenn der Ball rollt, dann ist das Spiel anar­chisch. Aber der Rest ist doch längst per­fekte Show. Immer das gleiche Ritual! Ein Sta­dion, Mann­schaften laufen ein, die Men­schen klat­schen, Mann­schaften singen Natio­nal­hymnen, Mann­schaften über­rei­chen Wimpel usw. Und dann die Musik! Du kannst ja heute in kein Sta­dion der Welt gehen, ohne beschallt zu werden. Musik ohne Ende. Bis die Leute auf­stehen und tanzen. Wie in einem Tanz­theater. Das ist alles insze­niert. Ja, Fuß­ball ist Show­ge­schäft.

Geht die Show denn nach dem Schluss­pfiff weiter?
Finde ich nicht. Wenn die Zuschauer den Saal ver­lassen, die Bühne abge­baut und das Licht aus ist – dann ist die Show auch vorbei.

Sie sind 1946 geboren und waren als junger Kerl in der DDR ein hoff­nungs­volles Fuß­ball­ta­lent. Wie viel Pop war das?
Pop? Das war zunächst mal Fuß­ball in Rein­form! Ich spielte bei Vor­wärts Berlin und für die Ber­liner Junio­ren­aus­wahl. Zumin­dest genoss ich die Pri­vi­le­gien, quer durchs Land zu den Spielen kut­schiert zu werden und auch mal gegen inter­na­tio­nale Mann­schaften antreten zu dürfen. Die Show hob ich mir für die Bus­fahrten auf.

Erzählen Sie!
Das war schon in der Schule so: Die letzten fünf Minuten der Musik­stunde gehörten immer mir. Der Lehrer sagte: Achim, jetzt du!“ Ich griff mir also die Gitarre und sang die neu­esten West-Schlager! Auf den Fahrten zu den Spielen oder in den Jugend­her­bergen, in denen wir unter­ge­bracht waren, war es ähn­lich: Achim, sing mal!“, hieß es da. Und ich unter­hielt meine Mit­spieler mit den Beatles und den Rol­ling Stones.

Warum reichte es bei Ihnen nicht zum bezahlten Fuß­baller?
Gut genug war ich ja. Doch dann wurde aus Vor­wärts Berlin Vor­wärts Frank­furt. Man bot mir einen Platz im Kader der Her­ren­mann­schaft an, aber dafür hätte ich ers­tens nach Frankfurt/​Oder ziehen und zwei­tens Arme­e­mit­glied werden müssen. Ich besprach das mit meiner Familie. Der Rat meines Vater gab schließ­lich den Aus­schlag: Junge, mit Musik kannst du viel länger Geld ver­dienen.“ Wie Recht er hatte! Ich wech­selte also zu Empor Berlin und arbei­tete nebenher an meiner Kar­riere als Musiker.

Sie waren Libero. Welche Fähig­keiten als Fuß­baller konnten Sie auch auf der Bühne nutzen?
Den Blick für den Raum! Ich kann bis heute in der ersten Minute erkennen, wie das Publikum tickt. Geht es gleich voll mit? Oder muss ich mich bei den ersten zehn Reihen beson­ders anstrengen, um sie in Stim­mung zu bringen?