Seite 2: „Uwe?“ „Ja?“ „Ach, nichts.“

Zu dieser Zeit ver­brachte ich oft die Ferien bei meiner Groß­mutter, die in Gießen wohnte. Just in der Woche, in der ich dort war, hatte Uwe Bein seinen ersten Ein­satz für den VfB. Mit meinem Cousin und meinem Bruder ging ich zum Sport­platz, um den großen Uwe noch einmal spielen zu sehen. Ach, Uwe. Nach der neun­zig­tä­gigen Sperre, die Bein wegen seiner Rea­m­a­teu­ri­sie­rung absitzen musste, spielte er gegen eine Mann­schaft namens FSC Loh­felden. Er schnib­belte einen Frei­stoß an die Latte, seine Pässe schwirrten durch das geg­ne­ri­sche Mit­tel­feld wie Gewehr­ku­geln, Bein schoss ein Tor und berei­tete ein wei­teres vor, Gießen gewann 4:1.

Bein war langsam. Und es nie­selte

Aber so wie früher war es nicht. Die Gegner waren langsam und Bein war es auch. Es nie­selte, der Sport­platz war schäbig und alles um uns atmete den mie­figen Wurst­bu­dendunst deut­scher Ober­ligen. ran“ war vor Ort, um das Spek­takel zu filmen und den ange­grauten Meister nach Spiel­schluss zu inter­viewen. Wäh­rend des Inter­views stand ich in einem Pulk drän­gelnder Kids neben ihm, geblendet vom Licht der Kamera, und war zu glei­chen Teilen demütig und ernüch­tert.

Uwe war alt geworden. Er schnaufte, rieb sich den Schweiß aus dem Schnäuzer und wirkte, als wäre er eigent­lich lieber zuhause auf dem Sofa. Ich bat ihn um ein Auto­gramm. Uwe?“ Ja?“ Ach, nichts.“ Das war nicht mehr mein Uwe. Wir ver­ließen den Fuß­ball­platz und traten einen Heimweg an, auf dem wir sehr still waren. Uwe Bein, dachte ich, ist kein Super­held. Super­helden gibt es nicht und der Fuß­ball ist manchmal böse und gemein, ganz ohne Grund. Es würde aber trotzdem alles wei­ter­gehen, irgendwie. Eben ohne Uwe, aber das war schon in Ord­nung.

In diesem Sinne ist der Transfer von Uwe Bein zum VfB Gießen nicht mein Lieb­lings­transfer, aber wichtig für mich war er allemal. Eine heil­same Lek­tion, die mich auf fins­tere Jahre mit der Ein­tracht vor­be­rei­tete. Uwe Bein war das fleisch­ge­wor­dene Lebbe geht weida“, von dem Dra­goslav Ste­pa­novic ein paar Jahre vorher gespro­chen hatte. Und es war ok.

Uwe Bein im Fan­shop?

Viel später erst erfuhr ich, warum Bein zum VfB Gießen und eben nicht zurück zur Frank­furter Ein­tracht gewech­selt war. Die Füh­rung der Ein­tracht hatte Bein für die Zeit nach der Kar­riere eine Stelle im Fan­shop ange­boten, wäh­rend er bei den kleinen Gie­ße­nern einen Reprä­sen­tan­tenjob in einer Bau­firma bekam. Was immer das auch ist. Aber Uwe Bein, der Welt­meister, der Spiel­ma­cher, mein Super­held, T‑S­hirt-fal­tend im Fan­shop? Eine Respekt­lo­sig­keit. Auch wenn ich wahr­schein­lich hin­ge­fahren wäre, um mir bei ihm ein neues Trikot zu kaufen. Natür­lich mit der 10“.


Uwe Bein im großen Kar­riere-Inter­view gibt es in der aktu­ellen 11FREUNDE #183. Wei­tere Themen: Vor fünf Jahren starben 72 Men­schen beim Mas­saker im Sta­dion von Port Said. Wie geht es den Über­le­benden heute? Wit trafen die Ultras des ägyp­ti­schen Klubs Al-Ahly. 
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