Seite 2: „In München kriegen sie Muffensausen“

Hoeneß miss­ver­stand allein dies als hin­ter­fot­zigen Affront und rief durch sein vehe­mentes Votum für Kahn Kri­tiker auf den Plan, die vorher gar nicht daran gedacht hatten, dass es eine Ver­än­de­rung bei der Nummer Eins geben könnte. Und plötz­lich wurde jedes Spiel mit Kahns Betei­li­gung unter dem Aspekt ana­ly­siert, ob der Keeper noch sein Topni­veau erreiche – oder bereits in die Jahre gekommen sei. Leh­mann absol­vierte der­weil seine Par­tien beim FC Arsenal und stand viel weniger im Fokus der deut­schen Öffent­lich­keit. Und als der FC Bayern im April 2006 gegen den 1. FC Köln nur 2:2 spielte, unter­liefen Kahn zwei unge­wohnte Patzer – und nur eine Woche später ver­kün­dete der Bun­des­trainer, beim WM-Tur­nier in Deutsch­land auf Leh­mann setzen zu wollen.

Ohne Hoeneß pol­ternden Auf­tritt damals, bei dem er auch eine Ver­schwö­rung der Natio­nal­elf­ver­ant­wort­li­chen andeu­tete, hätte Klins­mann den Wechsel viel­leicht nie voll­zogen. Wenn er anpran­gert, dass die west­deut­schen Medien klar für ter Stegen votieren und die süd­deut­schen Zei­tungen ein klares Bekenntnis für Neuer ver­missen ließen, erkennt der Bayern-Boss offenbar nicht, dass nicht die Jour­naille die Riva­lität zu einer Wie­der­auf­lage des Tor­wart­krieg“ von 2006 auf­bläst, son­dern unbe­dachte Äuße­rungen wie sie kurz zuvor auch Kol­lege Karl-Heinz Rum­me­nigge bei Sky“ getä­tigt hatte: Was mir nicht gefällt in der Geschichte, ist das Ver­halten des DFB. Da wird nie so richtig Klar­text gespro­chen“, so der FCB-Vor­stands­boss, in der Öffent­lich­keit lässt man das wabern, und es wird zum Teil auf dem Rücken von Manuel aus­ge­tragen.“

Es geht auch um gekränkte Eitel­keit

Zwei ehe­ma­lige Profis wie Rum­me­nigge und Hoeneß sollten eigent­lich wissen, dass sich sport­liche Kon­flikte nicht in Inter­views, son­dern auf dem Rasen lösen. Doch für die Granden von der Säbener Straße geht es in der Tor­wart­frage auch um gekränkte Eitel­keit. Um die Frage näm­lich, ob ein Keeper des FC Bar­ce­lona am Ende einen höheren Stel­len­wert genießt, als der Schluss­mann des FC Bayern. Und da sehen sich die beiden Alt­vor­deren offenbar genö­tigt, klare Ver­hält­nisse zu schaffen – und auch den DFB-Ent­schei­dern zu signa­li­sieren, wer im deut­schen Fuß­ball das Sagen hat. Wir werden es uns nicht mehr gefallen lassen, dass unsere Spieler ohne Grund beschä­digt werden. Ter Stegen ist ein sehr guter Tor­wart, aber Manuel Neuer ist viel besser und erfah­rener“, so Uli Hoeneß und auf die Nach­frage, wie genau er gegen eine Trend­wende in der Tor­wart­frage angehen würde, ergänzt er in Basta-Manier: Wir werden den Leuten Feuer geben.“ Worte eines Mannes, der keine Distanz zu sich selbst hat. Der trotz einer her­aus­ra­genden Lebens­leis­tung und reich­lich Erfah­rung, offenbar keine innere Ruhe findet.

Manuel Neuer wird sich bei diesen Worten fühlen, als habe er auf eine Zitrone gebissen. Hoeneß erweist seinem Keeper einen Bären­dienst. Schließ­lich hat Jogi Löw bis­lang nicht mal ansatz­weise den Ein­druck erweckt, ein Wechsel im deut­schen Tor bahne sich an. Durch Hoeneß aber kommt nun bei der breiten Öffent­lich­keit an, dass ein Duell um die deut­sche Nummer Eins ent­flammt ist. Und ab sofort wird jeder Move der Betei­ligten mit Argus­augen ver­folgt. Mit seinem gehal­tenen Elf­meter gegen Marco Reus am Dienstag in der Cham­pions League hat ter Stegen schon eine erste Duft­marke gesetzt. In Mün­chen kriegen sie Muf­fen­sausen. Und wenn der Wind um die Nase kälter wird, das kennt man vom FC Bayern, schaltet Uli Hoeneß natur­gemäß in den Angriffs­modus.

Warum sagt ihm eigent­lich nie­mand, dass es nach seinem ange­kün­digten Rück­tritt als Prä­si­dent langsam Zeit für den Wechsel in die Abtei­lung Abtreten“ wird?