Seite 2: Zäsur und Wunder

Die Zäsur

Dieses Jahr soll es end­lich mit Europa klappen, der Kader hat genug Qua­lität. Zuver­sicht bis unters Flut­licht. Doch irgendwie ist der Wurm drin. Die Mann­schaft spielt nicht schlecht, gewinnt aber zu selten. Die Nach­spiel­zeit ist der Feind. Sichere Füh­rungen werden ver­spielt, Spiele durch indi­vi­du­elle Fehler ver­loren. Eine Ver­let­zungs­mi­sere lässt den Glauben an den ein­stel­ligen Tabel­len­platz schwinden. Irgend­wann im letzten Sai­son­drittel rea­li­siert die Füh­rungs­etage, dass selbst der Liga­ver­bleib kein Natur­ge­setz ist. Hek­ti­sche Per­so­nal­ro­chaden auf der Trai­ner­bank folgen.

Am letzten Spieltag ist die Aus­gangs­lage günstig. Ein Punkt reicht. Aber die Mann­schaft hat mitt­ler­weile Schiss. Aus­ge­rechnet der erfah­rende Innen­ver­tei­diger spielt einen Scheiß­pass. Das eigene Spiel geht ver­loren. Nach dem Abpfiff noch der bange Blick zu den anderen Plätzen. Auch dort ist Schluss. Die Ergeb­nisse stimmen nicht. Die bru­tale Gewiss­heit: Abstieg.

Leere. Tränen. Ver­zweif­lung. Reporter bemühen Flos­keln, das ver­korkste Ende einer ver­korksten Saison“, bezeich­nend“, und so weiter. Halt die Fresse!“ möchte der ent­täuschte Fan ent­gegnen, doch die Kraft dazu fehlt. Es tut weh. Es schmerzt. Die Mann­schaft war eigent­lich zu gut. Kein Spieler wird bleiben. Es wird Jahre dauern, um wieder auf die Beine zu kommen.

Typi­sche Kan­di­daten: Karls­ruher SC, 1. FC Kai­ser­lau­tern, 1. FC Nürn­berg
Diese Saison: Hertha BSC

Das Wunder

Ein Text über Abstiegs­kampf soll nicht so depri­mie­rend enden wie die Rea­lität der­je­nigen, die sich natur­gemäß für Abstiegs­kampf Inter­es­sieren. Denn im Fuß­ball gibt es immer wieder diese uner­klär­li­chen Happy Ends. Die Saison war schlimm, der finale Sarg­nagel konnte jedoch immer wieder ver­hin­dert werden. Die jüngste Trainer-Ent­las­sung scheint gefruchtet zu haben. Am letzten Spieltag besteht die Rest­chance darin, dass Y bei X nicht ver­liert, T gegen U mit min­des­tens drei Toren Unter­schied gewinnt und das Mas­kott­chen von P in D nicht für einen Spiel­ab­bruch sorgt. Am Morgen des Spiels liegt die Vor­ah­nung der Urteils­voll­stre­ckung über der Stadt. Das Sta­dion füllt sich in Erwar­tung von etwas Schreck­li­chem. Es stinkt nach Angst­schweiß.

Die eigene Haus­auf­gabe glückt, die Gedanken sind aller­dings bei den Spiel­ständen auf den anderen Plätzen. Unsen­sible Scherz­bolde brüllen die Füh­rung von T durch den Block, um die Stim­mung zu ver­bes­sern. Tor­schütze des Füh­rungs­tores ist aller­dings ihre Fan­tasie. In der 88. fällt dann tat­säch­lich das ent­schei­dende Tor in T. Wenige Minuten später wird beim drei­ma­ligen Pfiff des Schieds­rich­ters klar: Es ist geschafft. Das belas­tende Schre­ckens­sze­nario, das die lokale Zei­tung bereits in allen Facetten aus­ge­führt hatte: Vom Tisch. Die Brust ist frei. Wild­fremde Men­schen umarmen sich, hun­derte von Zuschauern sind bereits auf dem Feld und gestan­dene Männer bli­cken mit gla­sigen Augen auf die Anzei­ge­tafel und seufzen Tja, wer hätte das gedacht“. Die ört­liche Brauerei freut sich über einen Rekord­um­satz. Warme Erleich­te­rung.

Typi­sche Kan­di­daten: Frank­furt, Werder
Diese Saison: Köln (viel­leicht)