Seite 2: Eine Gewissensfrage

Das aber ist genau die Art von Frage, die man als Dort­munder in diesen Tagen und Wochen ständig gestellt bekommt. Irgendwie wünscht ihr euch aber schon, dass Schalke drin­bleibt, stimmt’s?“ Man braucht ja einen Rivalen, sonst macht es keinen Spaß, nicht wahr?“ Bun­des­liga ohne Derby ist keine Bun­des­liga, richtig?“

Natür­lich lauten die Ant­worten: nein, unwahr und falsch.

Das ist schon allein des­halb so, weil ein Spiel gegen den großen Lokal­ri­valen nie­mals Spaß macht. Ein Derby ist immer Anspan­nung, Ner­vo­sität und oft sogar Furcht. Klar, ein Der­by­sieg ist etwas ganz Beson­deres … aber das gilt, wie inzwi­schen selbst Marco Rose mit­be­kommen haben dürfte, eben auch für eine Der­by­nie­der­lage. So sehen nicht wenige Borussen dem Spiel heute mit leichtem Unbe­hagen ent­gegen, gerade weil 24 Punkte zwi­schen den beiden Teams liegen und das Hin­spiel eine so deut­liche Ange­le­gen­heit war. Die jüngsten Auf­tritte der Schwarz-Gelben in der Liga und die aktu­ellen, gar nicht mehr so üblen Leis­tungen der Königs­blauen ver­stärken diese innere Unruhe noch. Man geht eben ungern als Favorit in ein Derby, weil die Fall­höhe unan­ge­nehm groß wird.

Wenn man es ganz genau betrachtet, geht man natür­lich auch ungern als Außen­seiter in ein Derby. Wie gesagt, man geht eigent­lich gar nicht gerne in ein Derby. Und des­wegen gab es auf der Süd­tri­büne auch nie­manden, der den FC Schalke ver­misst hätte, als die Knappen in den Acht­zi­gern und frühen Neun­zi­gern fünf Sai­sons unter Tage spielten. Das mag auf den Sitz­plätzen, bei Nicht-Sta­di­ongän­gern oder unter Gele­gen­heits­fans anders aus­ge­sehen haben, aber bein­harte Borussen waren in jenen Jahren glü­hende Anhänger von Wat­ten­scheid und Saar­brü­cken – oder wer auch immer Schalke gerade den Auf­stieg ver­mieste.

Alle haben nur noch Sitz­plätze

Und so müsste dieser Text jetzt an Ort und Stelle mit dem flotten Ver­weis enden, dass der Aus­druck letztes Derby“ in Dort­munder Ohren (und im umge­kehrten Falle ver­hielte es sich mit Schalker Gehör­gängen genauso) unein­ge­schränkt ver­hei­ßungs­voll klingt. Wenn … ja, wenn im Moment irgendwas auch nur ansatz­weise normal wäre. Statt­dessen ist es vor dem Derby plötz­lich an der Zeit, ein neues Ent­weder-oder-Spiel zu ent­wi­ckeln. Und das geht unge­fähr so: Wenn der BVB heute gewinnt, ist Schalke bei dann min­des­tens neun Punkten Rück­stand auf Platz 16 und nur noch zwölf Spielen so nah am Abgrund, dass es schon das Gleich­ge­wicht ver­liert.

Aber wäre das gut oder schlecht?

Um es deut­li­cher zu for­mu­lieren: Will man wirk­lich, dass Schalke so absteigt? Vor gäh­nend leeren Tri­bünen, bei einer Akustik wie in der Schul­turn­halle und zu einer Zeit, da die Kneipen ver­ram­melt sind? In einer Saison, in der wir alle bloß Sitz­plätze haben, Nicht-Sta­di­ongänger sind und uns nur noch mar­ginal von Gele­gen­heits­fans unter­scheiden? Würde sich das über­haupt wie ein Abstieg anfühlen – oder bloß wie der Ver­lust eines Cha­rak­ter­le­vels an der Spiel­kon­sole?

Das ist eine Gewis­sens­frage, bei der selbst der Ghostrider’s MC sich zur Bera­tung zurück­ziehen würde. Um sie über­haupt beant­worten zu können, müsste man wahr­schein­lich mal bei Glad­bach-Fans nach­fragen, wie sie sich gefühlt haben, als For­tuna Düs­sel­dorf im Juni abstieg. Aber die sind ja im Moment fast so schlecht auf Dort­mund zu spre­chen wie die Schalker