An der pracht­vollen Khres­chatyk Straße in Kiew haben einige Anhänger von Julija Tymo­schenko eine Mahn­wache pos­tiert. Auf einem Later­nen­mast kleben Sti­cker mit dem Kon­terfei der inhaf­tierten Oppo­si­ti­ons­füh­rerin. Vor einem Zelt haben sie einen Vogel­käfig auf­ge­baut, der die Haft­be­din­gungen anpran­gern soll. Ein paar Meter weiter steht Eugen Ban­tysh vor einem Fast­food-Restau­rant. Er, 30 Jahre, Dynamo-Kiew-Fan und Sport­lehrer, ist seit einigen Monaten damit beschäf­tigt, die Fan­bot­schaften in Kiew auf­zu­bauen. Er rechnet mit über 100.000 Fuß­ball­an­hän­gern aus ganz Europa. Im Hydro­park, einer kleinen Insel im Fluss Dnjepr, sollen 15.000 Schweden in einem rie­sigen Fan­camp über­nachten. Doch werden sie über­haupt kommen? Was denkst Du?“, fragt Eugen.

Die Ukraine hat momentan ein großes Pro­blem: Die Party steht, doch den Gästen ist schon vor Beginn die Lust ver­gangen. Dabei hat sich die Gast­ge­berin in den ver­gan­genen Monaten end­lich zurecht­ge­macht. Die Arena in Lwiw etwa ähnelte vor einem Jahr noch dem miss­glückten Bau­pro­jekt eines Hobby-Archi­tekten. Der Ukraine drohte sogar der Ver­lust der EM, weil dieses Sta­dion nicht fertig werden wollte und zudem weit und breit keine Bau­ar­beiter zu sehen waren. Heute kann hier gespielt werden und im Inneren sieht die Arena nun­mehr nicht anders aus als jedes x‑beliebige Mul­ti­funk­ti­ons­arena in Deutsch­land. Ähn­lich ist der Stand andern­orts. In Charkiw wurde unlängst ein Europa-League-Vier­tel­fi­nale vor aus­ver­kauftem Haus gespielt und in Kiew fand das Freund­schafts­spiel zwi­schen der Ukraine und Deutsch­land statt. Die Don­bass Arena in Donezk war schon 2009 fertig.

Boy­kott? Dik­tatur? Cla­queure?

Doch das ist nun erst einmal egal, denn nun geht es um Politik. Bun­des­prä­si­dent Joa­chim Gauck hat eine Ukraine-Reise abge­sagt und Angela Merkel erwägte Anfang der Woche einen EM-Boy­kott, sollten sich die Haft­be­din­gungen von Julija Tymo­schenko nicht bes­sern. Und weil die beiden höchsten Poli­tiker Stel­lung bezogen, folgten rasch andere. SPD-Chef Sigmar Gabriel sagte etwa: Sie (die deut­schen Poli­tiker, d. Red.) müssen auf­passen, dass sie nicht zu Cla­queuren des Regimes werden, denn sie sitzen in Sta­dien mög­li­cher­weise neben Gefäng­nis­di­rek­toren und Geheim­po­li­zisten.“ Und Bun­des­um­welt­mi­nister Nor­bert Röttgen ergänzte: Es muss unbe­dingt ver­hin­dert werden, dass das ukrai­ni­sche Regime die EM zur Auf­wer­tung seiner Dik­tatur nutzt.“

Die Ukraine fühlt sich sicht­lich über­rollt. Boy­kott? Dik­tatur? Cla­queure? Was ist denn mit den posi­tiven Seiten? Mit den tollen Sta­dien? Mit den his­to­ri­schen Bauten in Kiew? Mit der baro­cken Alt­stadt in Lwiw? Oder der Seil­bahn in Charkiw? In den Hotels fragen sie ängst­lich: Kommen die Deut­schen über­haupt?“ Auf der Straße: Was denken die Deut­schen?“ Und in der Arena von Lwiw wie­der­holt die Sta­di­on­ma­na­gerin gebets­müh­len­artig einen Satz, als müsste sie ihn in das Bewusst­sein des Wes­tens stanzen: Hier ist doch alles sehr modern! Was denken Sie?“

Das eine ist Politik, das andere ist Fuß­ball!“

Auch der Sport­jour­na­list Artem Frankow, Chef­re­dak­teur beim größten ukrai­ni­schen Fuß­ball­ma­gazin Foot­ball“, fühlt sich in der Defen­sive. Er will nun retten, was zu retten ist. Denn dass die EM in Frage gestellt wird, hat hier nie­mand gewollt. Die momen­tane Regie­rung hat mit der Inhaf­tie­rung Julija Tymo­schenkos einen großen Fehler gemacht. Doch das eine ist Politik, das andere ist Fuß­ball. Die EM hat damit nichts zu tun!“

Nur, so ein­fach es in der Ukraine nicht. Politik und Fuß­ball gehören hier seit jeher zusammen. Alleine um die EM mög­lich zu machen, floss über­pro­por­tional viel Geld in ver­schie­dene Pres­ti­ge­ob­jekte. In Charkiw but­terte etwa der Olig­arch Alex­ander Jaros­lawski 126 Mil­lionen Euro in ein neues Super­hotel und 107 Mil­lionen Euro in den Flug­hafen. In Kiew wurde das Olym­pia­sta­dion für 580 Mil­lionen Euro umge­baut. Zum Ver­gleich: Der kom­plette Neubau der Mün­chener Allianz Arena kos­tete 340 Mil­lionen Euro.

Im Westen rümpften einige Ver­bands­herren die Nase. Es roch nach Cli­quen­wirt­schaft, Geld­wä­sche und Aus­schrei­bungen, die es nie gegeben hatte. Doch anstatt etwas zu unter­nehmen, rümpften sie fröh­lich weiter. Man schien sich damit abzu­finden, keine Fern­dia­gnose der ukrai­ni­schen Geschäfts­ge­baren abgeben zu können.

Lange Zeit gab auch die Inhaf­tie­rung Tymo­schenkos keinen Anlass zu mas­siver Kritik oder gar Boy­kott-Auf­rufen. Zur Erin­ne­rung: Im November 2011 spielte Deutsch­land zur Eröff­nung des Olym­pista­di­on­sta­dions in Kiew. Julija Tymo­schenko war da bereits drei Monate in Haft.

Seit Anfang April geht es aber Schlag auf Schlag. Der Domi­no­ef­fekt. Zuerst wurde publik, dass etliche Hotels die Koope­ra­tion mit dem deut­schen Reis­un­ter­nehmen TUI auf­kün­digten, die ein mode­rates Preis­ni­veau vorgab. Die Hotels trieben die Preise in Eigen­regie in die Höhe. Schließ­lich war von einer Mafia-Bande die Rede, die etliche Hotels in ihre Gewalt gebracht hatte. Wenig später gab es eine Bom­ben­an­schlag­serie in Dnje­pro­pe­trowsk, bei der 27 Men­schen zum Teil schwer ver­letzt wurden.

Den aktu­ellen Sturm der Ent­rüs­tung löste ein Foto von Julija Tymo­schenko aus, auf dem die Oppo­si­ti­ons­po­li­ti­kerin auf dem Rücken liegt, ihr T‑Shirt nach oben zieht und ihre Blut­ergüsse auf dem Bauch zeigt. Ob diese von Miss­hand­lungen aus der Haft rühren, steht noch dahin. Wir werden Unter­su­chungen durch­führen und dann ein Ergebnis ver­öf­fent­li­chen“, sagte Vadim Goran kürz­lich in einem TV-Inter­view. Er ist Chef der Abtei­lung zur Ein­hal­tung der Gesetze bei der Gene­ral­staats­an­walt­schaft. Eine Aus­lie­fe­rung nach Deutsch­land wird von der ukrai­ni­schen Regie­rung den­noch wei­terhin ver­wei­gert.

Aus einem mit­tel­großen Säu­ge­tier einen Ele­fanten machen“

Eugen Ban­tysh blickt auf die Mahn­wache und sagt dann: Natür­lich dürfen die das, wir haben doch eine Demo­kratie.“ Er grinst, als wolle er ergänzen: Sie ist gerade nur ein wenig fragil. Artem Frankow sagt: Man macht aus einer Mücke einen Ele­fanten.“ Doch Frankow fühlt sich eigent­lich nicht wohl in dieser Rolle, das Pro­blem run­ter­zu­spielen. Er gilt als kri­ti­sche und intel­lek­tu­elle Stimme unter den ukrai­ni­schen Sport­jour­na­listen, und auch er plä­diert für eine Frei­las­sung der Oppo­si­ti­ons­füh­rerin. Schließ­lich ver­bes­sert er sich: Deutsch­land macht aus einem mit­tel­großen Säu­ge­tier einen Ele­fanten.“

Ob Mücke, mit­tel­großes Säu­ge­tier oder Ele­fant: Die Kritik war lange über­fällig. Und man kann die aktu­elle Situa­tion auch nichts mit Das ist Fuß­ball und keine Politik“-Rhetorik beschö­nigen. Doch inwie­fern der EM, dem Fuß­ball, dem Land Ukraine und letzt­lich auch Julija Tymo­schenko mit diesen lauten Boy­kottrufen geholfen ist, scheint mehr als frag­lich. Schließ­lich tor­pe­diert die For­de­rung die eigent­liche Idee eines sol­chen Tur­niers. Nun heißt es bereits im Vor­feld: Dort ihr und hier wir. Iso­la­tion statt Völ­ker­ver­stän­di­gung. 

Auch Frankow fragt: Was käme denn nach einem Boy­kott? Und er gibt die Ant­wort gleich selbst: Ein Mann, der in die Ecke gedrängt wird, wird sich wehren. Er wird keine Milde walten lassen.“ Am Dienstag ver­kün­dete dieser Mann, Wiktor Janu­ko­witsch, die Haft­be­din­gungen Tymo­schenkos prüfen zu wollen. Und Guido Wes­ter­welle sagte, dass die Bun­des­re­gie­rung auf einen Boy­kott ver­zichten wolle. Zumin­dest als Kol­lektiv.

Lwiw ist wun­der­schön, wirk­lich!“

Frankow fürchtet den­noch, dass es bereits zu spät sei. Und dass die Fans es den meisten Natio­nal­teams gleich machten, und ihre Quar­tiere lieber in Polen auf­schlagen, als in die Ukraine zu kommen. Schieß­lich sagt er: Lwiw ist wun­der­schön, wirk­lich! Charkiw viel­leicht nicht im klas­si­schen Sinne, aber es gibt auch dort tolle Ecken! Oder Kiew, hier spielen Eng­land und Schweden!“

An der Khres­chatyk Straße wird die Mahn­wache dann nicht mehr zu sehen sein. Sie muss der Fan­meile wei­chen.