Wolfram Heine wird sich gleich auf­ma­chen, ins Sta­dion, also bereitet er sich vor. Er ent­fernt drei dau­men­große, weiße Pflaster aus seinem Gesicht, mit denen Sauer­stoff­schläuche befes­tigt sind, die zu einem Tank an der Wand führen. Als er die Pflaster von seinem Gesicht abstreift, zieht er seine Haut meh­rere Zen­ti­meter mit, als könnte sie sich nicht ent­scheiden, ob sie mit dem Pflaster mit­gehen oder beim Gesicht bleiben soll. Wolfram fasst dahin, wo die Pflaster nicht mehr sind, reibt sich die Nase.

Abs­tral oder Tavor?“

In dem weiß getünchten Zimmer in Ham­burg-Eppen­dorf riecht es nach Des­in­fek­ti­ons­mittel. Neben Wolfram aber liegt ein fabrik­frisch duf­tendes Fuß­ball­trikot. Es ist der Aus­wärts­dress des SC Frei­burg, schwarz-graue Camou­flage, sti­li­sierte Tannen und Tiere, Breis­gauer Expres­sio­nismus. Die Frei­burger werden gleich beim Ham­burger SV antreten. Wolfram zieht das Trikot über. Er keucht.

Er bekommt die Schläuche eines trag­baren Sauer­stoff­ge­räts gereicht, steckt sie mit zitt­rigen Händen in seine Nasen­lö­cher, hört die Frage: Abs­tral oder Tavor?“ Er schüt­telt den Kopf, Astra oder Rot­haus?“ wären ihm als Alter­na­tiven lieber gewesen. Aber er bricht nun einmal aus einem Zimmer mit höhen­ver­stell­barem Kran­ken­bett zum Spiel auf. Wolfram Heine hat Lun­gen­krebs im End­sta­dium. Er wird bald sterben. Der Sta­di­on­be­such ist sein letzter Wunsch.

Nie­mand sagt einem ja genau, wie lange man noch hat“, erklärt Wolfram. Er sagt das, wie alles an diesem Tag, ohne jede Bit­ter­keit. Neben ihm steht seine Tochter Chantal. Sie ist 27 Jahre alt, hat lange blonde Haare und eine schwarze Base­ballcap auf dem Kopf. Lila Sneaker, lila Fin­ger­nägel, pas­send zum Ärmel­saum des neuen Tri­kots. Auch sie trägt ein Frei­burg-Jersey. Eigent­lich bin ich St. Pauli-Fan.“ Als ihr Vater rei­se­fertig ist, tät­schelt sie seine Schulter. Es läuft heute ja richtig bei dir, Papa!“ Wolfram Heine lächelt.

Ich hätte weniger rau­chen sollen“

Es ist immer schwer zu begreifen, dass ein Mensch, der doch da ist, bald nicht mehr da sein wird. Wolfram Heine ist 61. Er hat mit 14 ange­fangen zu rau­chen und erst nach seiner Dia­gnose auf­ge­hört, kein halbes Jahr ist das her. Zwi­schen­zeit­lich waren es bis zu 50 fil­ter­lose Camel pro Tag. Ich hätte weniger rau­chen sollen“, sagt er selbst dazu. Es schwingt kein Bedauern in seiner Stimme mit, es ist eher eine Fest­stel­lung, eine unver­rück­bare Lek­tion des Lebens.

Wolfram Heine wirkt, rein optisch, bei­nahe wie ein junger Mann. Er hat ein hageres Gesicht, aus dem große Augen bli­cken. Schul­ter­lange Haare. Seine asch­graue Haut und seine blau auf­ge­quol­lenen Füße zeigen, wie ernst es um ihn steht. Seit ein paar Monaten ist er auf einen Roll­stuhl ange­wiesen. Bis vor einigen Wochen bekam Wolfram Che­mo­the­rapie. Die Chemo hat ihn fer­tig­ge­macht. Er lag da, mit Zunge raus.“ Chantal ver­sucht ein Lächeln. Das war schon eine Nah­tod­erfah­rung“, sagt Wolfram. Chantal legt eine Hand auf seine Schulter. Im Ver­gleich dazu ist es jetzt super.“ Wolfram nickt, sagt aber: Also, so super ist es auch nicht.“