Seite 2: Läuft es nicht, wird der Lausbub zum Faktotum

Als die Trans­fer­summen auf dem glo­balen Markt expo­nen­tiell zu steigen begannen, wech­selten sich Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rum­me­nigge im Jah­res­rhythmus ab, öffent­lich Mül­lers Status beim FCB als unver­käuf­lich“ zu bestä­tigen. Doch die Halb­wert­zeit – siehe: Paul Breitner – sol­cher Aus­sagen im Pro­fi­fuß­ball ist über­schaubar. Bei genauerer Betrach­tung haben die Ent­scheider an der Säbener Straße ohnehin schon mehr Geduld mit ihm gehabt als mit anderen Profis seiner Güte­klasse.

Es wäre jeden­falls unvor­stellbar, dass Thiago oder Javi Mar­tinez über Jahre ihrer Top­form nach­laufen, ohne von den FCB-Bossen in Frage gestellt zu werden. Wer sich Mül­lers Leis­tungs­daten anschaut, stellt fest, dass er seit der Saison 2015/16 immer sel­tener über die volle Distanz gespielt hat. An seine eins­tigen Traum­quoten als Tor­jäger kann er seit dem Weg­gang von Pep Guar­diola nicht mal mehr ansatz­weise anknüpfen. Sein Markt­wert ist laut trans​fer​markt​.de seit 2015 (damals 75 Mil­lionen Euro) auf 35 Mil­lionen Euro gesunken.

Müller hätte seinen Status als Ikone mani­fes­tieren können

Die Zeit geht an nie­mand spurlos vor­über. Doch Müller hätte viel­fäl­tige Mög­lich­keiten gehabt, seinen Status als Ikone des FC Bayern und des deut­schen Fuß­balls zu mani­fes­tieren. Mit seinem Wel­pen­charme und seinen zahl­rei­chen Län­der­spiel­toren war Müller ein zen­trales Gesicht der DFB-Elf, die 2014 in Rio den WM-Titel gewann. Doch im Gegen­satz zu seinen Team­kol­legen Philip Lahm und Bas­tian Schwein­s­teiger, die recht­zeitig erkannten, dass sie ihr Topni­veau über­schritten hatten und von sich aus den Rück­tritt aus der Natio­nalelf ver­kün­deten, über­ließ Müller dem Bun­des­trainer diese Ent­schei­dung – und prä­sen­tierte sich anschlie­ßend in der unge­wohnten Rolle als belei­digte Leber­wurst.

Lahm besaß die Größe, mit 33 Jahren voll im Saft von der aktiven Lauf­bahn abzu­treten, um den Men­schen als das in Erin­ne­rung zu bleiben, was er ist: der beste deut­sche Spieler der ver­gan­genen zwei Jahr­zehnte. Schwein­s­teiger war schlau genug, seiner Degra­die­rung beim FC Bayern zuvor­zu­kommen, indem er sich seinen Traum von Man­chester erfüllte und schließ­lich in größt­mög­li­cher Anony­mität seine Lauf­bahn in Chi­cago behutsam run­ter­fuhr. Auch er wusste, dass er nach dem WM-Titel als aktiver Spieler mehr nicht errei­chen kann und ent­schied, sich nicht als Sportler, son­dern als Per­sön­lich­keit wei­ter­zu­ent­wi­ckeln. Dieser Tage beendet er seine Kar­riere nun als poly­glotter Fuß­ball-Welt­bürger und wird zukünftig in einem Atemzug mit den ganz Großen des deut­schen Fuß­balls genannt werden. Weil Schwein­s­teiger die großen Erfolge fei­erte – aber auch wusste, wann es Zeit wird, seinem Leben eine neue Wen­dung zu geben.

Müller ist das fleisch­ge­wor­dene Mia san Mia 

Thomas Müller hat diesen Moment ver­passt. Er ist, was er seit jeher war: der baye­rischste Spieler des FC Bayern, das pro­vin­zi­elle Fei­gen­blatt in einem glo­ba­li­sierten Kon­zern, das fleisch­ge­wor­dene Mia-san-Mia. Wenn es gut läuft, gibt es ver­mut­lich nur wenige Jobs auf der Welt, die schöner sind. Müller aber lernt gerade, wie es sich anfühlt, wenn das nicht mehr der Fall ist. Dann wird aus dem Lausbub schnell ein Fak­totum. So wie vor vierzig Jahren aus dem Bomber der Nation“ über Nacht der brud­delnde Bank­drü­cker wurde.

Müller wird diesen Image­ver­fall um jeden Preis ver­hin­dern wollen. Er hat gesagt, wenn sich bis zum Winter nichts an seiner Situa­tion ändert, würde er seinen Her­zenz­klub ver­lassen. Den FC Bayern, den Verein, für den er seit 19 Jahren aktiv ist. Um als Not­nagel zu dienen, sei er zu ein­fach zu ehr­geizig“.

Diese Ein­sicht kommt spät. Denn ein Spieler mit seinen Fähig­keiten hätte längst den Mut auf­bringen müssen, sich neu zu erfinden. Warum hat Müller nicht erkannt, dass sein Wer­de­gang in Mün­chen schon seit Län­gerem sta­gniert? Plötz­lich fragt sich alle Welt: Funk­tio­niert der über­haupt in einem anderen Kon­text als in der Wohl­fühl­oase an der Säbener Straße?

Sollte Niko Kovac im nächsten Sommer noch Trainer des FC Bayern sein, werden wir es wissen. Denn sollte Thomas Müller den Ehr­geiz haben, seiner Lauf­bahn noch einmal Auf­trieb zu geben, muss er so bald­mög­lichst den Verein wech­seln. Um bei einem neuen Klub und in einem neuen Umfeld einen Per­spek­tiv­wechsel zu erfahren – und zu seiner alt­be­kannten Läs­sig­keit zurück­zu­finden.