Seite 2: Wieso Thiago für Bayern so wichtig ist

Der Cha­rakter von Thiago? Ein Fein­geist, der den Mann­schafts­sport preist. Im ver­gan­genen Sommer sagte er: Ich bin der Über­zeu­gung, dass das Maximum an Erfolg, das ein Sportler errei­chen kann, nur im Team­sport mög­lich ist.“ Der Ego­manie war Thiago nie ver­fallen. Einer, der sich nur selten öffent­lich äußerte, und wenn doch, dann um zu erzählen, dass er die Bild nicht lese, aber Umberto Eco.

Viel­leicht kein Zufall, dass die Bild also in den ver­gan­genen Wochen alle Vor­teile auf­zählt, die ein Thiago-Wechsel mit sich bringen würde. Und Mehmet Scholl zu Wort kommen ließ, der ver­sprach, bei einem Abgang des Spa­niers nicht in Tränen aus­zu­bre­chen. Der ist mir jetzt nicht als Bayern-Gen-Experte in Erin­ne­rung.” Ein­hel­lige Mei­nung: Auch ohne Thiago würden die Bayern weiter gewinnen, kein Ver­lust also.

Andere haben über­nommen

Was so richtig wie falsch ist. Wer in den ver­gan­genen Wochen das Mit­tel­feld der Bayern beob­achtet hat, dürfte wissen: Auch ohne Thiago werden sie Spiele gewinnen, sehr viele. Aber anders. Leon Goretzka hat eine beacht­liche, kör­per­liche Ent­wick­lung voll­zogen. Er wuchtet sich unauf­haltsam durchs Mit­tel­feld. Joshua Kim­mich, sein Pen­dant, scheint mit purem Willen Spiele ent­scheiden zu können. Erstaun­liche Ath­leten, die dieses Bayern-Gen in sich tragen. Und doch nicht mit Thiago zu ver­glei­chen sind. Bei ihm macht es nicht nur Spaß, ihn gewinnen zu sehen. Es reicht schon, das Auf­wärmen zu beob­achten. Und was bedeuten schon Siege, für jene, die immer gewinnen?

Mit Thiago geht Guar­diola

Thiago – kein anderer Spieler hat in dieser Saison annä­hernd so viele Dribb­lings pro­du­ziert, gefähr­liche Angriffe ein­ge­leitet und gleich­zeitig Zwei­kämpfe geführt und Bälle gewonnen. Per­fek­tion eben. Nach einer Zeit der häss­li­chen Tren­nungen von Carlo Ance­lotti und Niko Kovac, in der sich viele Bayern-Fans fragen, was aus der Ära Guar­diola geblieben ist, wird sein Pro­tegé die Bayern ver­lassen. Und mit ihm der schöne Fuß­ball.

Es heißt, schon vor dem Titel-Run in der Cham­pions League habe Thiago ein Abschieds­grillen bei sich daheim ver­an­staltet, wäh­rend er und seine Berater die Ange­bote sich­teten. Nur Hansi Flick soll sich stetig um ihn bemüht haben, ihn von einem Ver­bleib über­zeugen wollen. Wäh­rend­dessen wirkte es in Lis­sabon so, als wolle es Thiago noch einmal allen zeigen. Dass er nicht nur schön spielen, son­dern auch gewinnen kann. Dass er das Bayern-Gen eben doch in sich trägt. Der Cham­pions-League-Sieg, die Bilder von ihm mit einem seligen Lächeln auf dem Rasen des Finals, zeugten auch vom Ende einer Reise. Viel­leicht wird sich sein Trainer bald an die Begeg­nung vor fünf Jahren erin­nern, am Trai­nings­platz an der Säbener Straße, als ihm sein Spiel­stil Tränen in die Augen trieb. Gut mög­lich, dass zumin­dest einer Thiago nach­weinen wird.