Hansi Flick hatte das Trai­nings­zen­trum des FC Bayern besucht. Das gehörte zu seinen Auf­gaben als Sport­di­rektor des Deut­schen Fuß­ball-Bundes, ein Amt, das er seit der WM 2014 inne hatte. Ein­fach mal vor­bei­schauen. Gucken, was die anderen machen. Ob alles läuft, im Land des Welt­meis­ters. Auf einem der Trai­nings­plätze stand Thiago Alcan­tara, jon­glierte mit dem Ball, spielte Pässe. Flick soll an diesem Tag gesagt haben, Thiago, der treibe einem beim Zuschauen die Tränen in die Augen.

In diesen Tagen, so berichtet The​Ath​letic​.com, könnte die Zeit von Thiago bei den Bayern zu Ende gehen. Der Mit­tel­feld­re­gis­seur, der sieben Jahre in Mün­chen spielte und in dieser Zeit sieben Deut­sche Meis­ter­schaften fei­erte, hat sich dagegen ent­schieden, ein neu­er­li­ches Ver­trags­an­gebot zu unter­zeichnen. Ein Abschied hat sich schon vor dem Cham­pions-League-Tri­umph ange­deutet. Ein Abschied, der für die Super-Bayern zu ver­schmerzen wäre. Und doch einen nicht hin­nehm­baren Ver­lust bedeuten würde.

Stil, statt Weiter, immer weiter

Die Anek­dote von Hansi Flick, der sich beim Anblick von Thiago die Tränen aus dem Gesicht wischen muss, stammt aus einem Text der Frank­furter All­ge­meinen Zei­tung. Titel: Der Ball-Magnet”. Was lustig ist, schließ­lich hätte die Über­schrift auch Tempo und Genie” oder Der Ver­bin­dungs­of­fi­zier” lauten können. Diese Begriffe wählten Spiegel und Welt, als sie am glei­chen Tag Por­traits über Thiago ver­fassten. Das war im April 2015, die Bayern waren gerade nach einem rausch­haften 6:1 gegen Porto ins Cham­pions-League-Halb­fi­nale ein­ge­zogen. Als Thiago end­gültig sein Können demons­triert hatte und also Wörter gefunden werden mussten für das, was da auf dem Platz pas­sierte.

Seit zwei Jahren war Thiago damals schon bei den Bayern. Er kam gemeinsam mit Pep Guar­diola, der seinen Transfer gefor­dert hatte, zur Mann­schaft, die gerade das Triple gewonnen hatte. Als viele fragten: Ist es mög­lich, diese Mann­schaft noch besser zu machen? War es. Pro­blemlos. Hatte das Team in den Vor­jahren domi­nanten Fuß­ball gespielt, bot es unter Pep Guar­diola viel mehr. Oft schien es, dass die Bayern nicht gegen einen Gegner spielten, son­dern nur gegen sich selbst. Um zu sehen, wie nah sie der Per­fek­tion kommen können. Es war die Zeit, als es noto­ri­schen Bayern-Has­sern schwer­fiel, zu mäkeln. Die Bayern zeigten Stil statt Weiter, immer weiter.

Kom­plex und rhyth­misch

Dabei hatte Thiago, der Mus­ter­schüler vom FC Bar­ce­lona, zu Beginn nur ver­ein­zelt gespielt. Auch wegen seiner kör­per­li­chen Pro­bleme hatten die Bayern ihn für den lächer­li­chen Preis von etwa 25 Mil­lionen Euro ver­pflichten können. Von 108 mög­li­chen Pflicht­spielen in den ersten zwei Sai­sons bestritt er 38. Dann aber, im dritten Jahr, machte Thiago mehr als nur Andeu­tungen, wie er Fuß­ball spielen kann. Er ver­än­derte den FC Bayern.

Arjen Robben und Franck Ribery waren ver­letzt. Also über­nahm Thiago. Sein Spiel war auf­re­gend, kom­plex, rhyth­misch. Oft sam­melte er am Ende einer Spiel­zeit mit die meisten Ball­kon­takte aller Bun­des­li­ga­spieler. Wir kommen weniger über Dribb­lings von außen nach innen, jetzt können Lewy oder ich mehr in die Tiefe gehen“, erklärte Thomas Müller zu dieser Zeit und sagte: Man muss den Cha­rak­teren, die auf dem Platz stehen, gerecht werden.“