Als Sta­di­on­spre­cher nahm Chris­tian Stoll für gewöhn­lich kein Blatt vor den Mund. Das mussten kürz­lich auch Schieds­richter Martin Petersen und ein Augs­burger Funk­tionär erfahren: Ich sagte dem Referee, er möge doch lieber Kreis­liga pfeifen, dem Mit­glied der Geschäfts­füh­rung der Augs­burger, er habe eine Truppe von Unsym­pa­then am Start.“ Mit dieser Erör­te­rung mel­dete sich am Mitt­woch Ex-Werder-Sta­di­on­spre­cher Chris­tian Stoll in einer schrift­li­chen Stel­lung­nahme zu Wort. Darin beschreibt er sein Ver­halten nach Bre­mens letztem Bun­des­liga-Heim­spiel, das Werder nach einer tur­bu­lenten Schluss­phase und einem gehal­tenen Last-Minute-Elf­meter mit 0:1 gegen den FC Augs­burg verlor. Sechs Gelbe Karten in den letzten 20 Minuten des Spiels stehen sym­bo­lisch für die auf­ge­heizte Stim­mung, die auch noch nach Abpfiff im Weser­sta­dion zu spüren war. Von dieser Atmo­sphäre ließ sich wenig später offenbar auch Chris­tian Stoll anste­cken. Getrieben von seinen Emo­tionen schleu­derte Wer­ders Sta­di­on­spre­cher nach Spie­lende dem Schieds­richter und den Ver­ant­wort­li­chen der Fug­ger­städter die Ein­gans erwähnten Unflä­tig­keiten ent­gegen. Ein Fehl­tritt, der ihn kurz darauf den Job kosten sollte. Das Heim­spiel gegen den FCA am 6. Spieltag war sein letzter Auf­tritt als Sta­di­on­spre­cher des SV Werder Bremen – nach mehr als 20 Jahren ist Schluss.

Am Mitt­woch­mittag, rund andert­halb Wochen nach dem Vor­fall, ver­öf­fent­lichte der Bun­des­li­gist ein State­ment zur Been­di­gung der Zusam­men­ar­beit. Fünf Sätze, die erahnen lassen welch faden Bei­geschmack die Tren­nung für beide Seiten mit sich bringt: Chris­tian Stoll war seit 21 Jahren gemeinsam mit Arnd Zeigler Sta­di­on­spre­cher bei den Grün-Weißen. Davor hat er bereits meh­rere Jahre im Sta­di­on­pro­gramm mit­ge­wirkt“, heißt es in der Stel­lung­nahme des SVW. Zwei Jahr­zehnte zusam­men­ge­fasst in einem kleinen Absatz. Auf einen Dank für die geleis­tete Arbeit ver­zich­tete der Verein offenbar auch, weil Stoll nicht dazu bereit gewesen war, an einer gemein­samen Erklä­rung mit­zu­ar­beiten.

Man hat mich von einem Augen­blick zum nächsten vom Hof gejagt“

Christian Stoll

Sein eigenes State­ment folgte noch am selben Tag, aus der das Portal Deich­Stube“ zitierte. Darin äußerte der 62-Jäh­rige Unver­ständnis für seinen Raus­wurf und erhebt schwere Vor­würfe gegen­über seinem alten Arbeit­geber: Man hat mich von einem Augen­blick zum nächsten vom Hof gejagt“, beschreibt Stoll den Umgang mit seiner Person. Er habe sich nach dem Vor­fall umge­hend bei den Betrof­fenen und den Ver­eins­ver­ant­wort­li­chen für sein Ver­halten ent­schul­digt: Mehr konnte ich nicht tun“, beschwert sich Stoll. Im Anschluss soll er den Wer­de­ranern eine ein­ver­nehm­liche Tren­nung zum Jah­res­ende vor­ge­schlagen haben. Der Erst­li­gist soll das abge­lehnt haben, ebenso wie seinen Wunsch, noch das kom­mende Heim­spiel gegen Glad­bach oder wenigs­tens das Abschieds­spiel von Claudio Pizarro begleiten zu dürfen. Der Verein habe ihm außerdem mit­ge­teilt, dass sich seine Äuße­rungen nicht mit den Werten von Werder Bremen ver­ein­baren ließen.

Stoll ver­mutet, dass nicht allein das Augs­burg-Spiel der Grund für seine Ent­las­sung ist: Ich nehme der Geschäfts­füh­rung des SVW nicht ab, dass mein Fauxpas gegen Augs­burg der wahre Grund für dieses bit­tere Aus ist.“ Der Sta­di­on­spre­cher war auch als Autor beim Weser-Kurier tätig. Für die Zei­tung ver­öf­fent­lichte er regel­mäßig Kolumnen über die Ent­wick­lungen im Pro­fi­fuß­ball. Darin kri­ti­sierte er etwa den Umgang der DFL mit den Geis­ter­spielen wäh­rend der Corona-Pan­demie. Er scheute sich auch nicht davor, gegen seinen eigenen Verein aus­zu­teilen: Unter den nun mal gege­benen Ver­hält­nissen, wird es aber, und ich bin der Letzte, der das nicht auch bedauert, eine Rück­kehr zu Glanz und Gloria kaum mehr geben können“, schrieb er etwa zur Zukunft von Werder Bremen im April 2021. Das gibt, um es einmal klipp und klar zu for­mu­lieren, die Öko­nomie unseres Klubs ein­fach nicht her.“ Worte, die bei der Chef­etage an der Weser keinen großen Anklang gefunden haben dürften.

Werder Bremen wollte Stolls Stel­lung­nahme auf Nach­frage von Deich­Stube“ nicht kom­men­tieren. Bei den kom­menden Heim­spielen vom SVW wird Arnd Zeigler vor­erst alleine durch das Pro­gramm führen. Stoll schloss seine Stel­lung­nahme mit den Worten: Da ich bekann­ter­maßen unter Depres­sionen leide, haben mir meine behan­delnde Ärztin, meine Frau, meine Freunde und mein Anwalt geraten, keine wei­teren öffent­li­chen Erklä­rungen als diese zu dem Thema abzu­geben.“