Chris­tian Streich, vor der Saison haben wir mit Ihnen gewettet.
Worum ging es denn?

Sie haben uns ver­lacht, als die Redak­tion von 11FREUNDE pro­phe­zeite, der SC Frei­burg könne in der Spiel­zeit 2012/13 mehr als 50 Punkte holen.
Was habe ich denn gesagt?

Dass Sie nicht im Leben daran glauben und wenn es doch pas­sieren sollte, würden Sie zwar zugeben, dass Sie sich geirrt haben…
…aha…

…aber mehr Ahnung vom Fuß­ball als wir, haben Sie gesagt, hätten Sie den­noch.
Das habe ich gesagt. Sie sehen, ich habe einen Hang zur Arro­ganz.

Mal im Ernst. Waren Ihre Aus­sagen vor der Saison Streich­scher Zweck­pes­si­mismus?
Nein. Aber es ist meine Auf­gabe als Trainer, dafür zu sorgen, dass der Eigen­druck nicht zu groß wird. Wir sind so in unserer Arbeit, stehen jede Woche mit Ergeb­nissen auf dem Prüf­stand. Aber ich kann Arbeit nicht nur am Ergebnis fest­ma­chen, das fände ich furchtbar.

Es ist also bewusste Tief­sta­pelei.
Mir geht es darum, dass wir unseren Arbeits­pro­zess kon­struktiv gestalten, auch wenn es mal schlecht läuft. Ich könnte es nur schwer ertragen, wenn wir hier nach ein paar Nie­der­lagen total depri­miert wären.

Von Depres­sion kann aber nicht die Rede sein. Haben Sie ins­ge­heim geahnt, dass es in dieser Saison so gut laufen würde?
Nein. Wenn ich im Juli ins Trai­nings­lager gehe, denke ich doch nicht an den nächsten Mai. Da habe ich einen Sechs-Wochen-Trai­nings­plan und mache den­noch jeden Tag das Trai­ning neu.

Fünf Euro ins Phra­sen­schwein, weil auch Sie nur von Spiel zu Spiel denken“.
Über­haupt nicht. Im Trai­nings­lager müssen wir uns nur ständig in Frage stellen. Wir haben Übungen, die wir teil­weise schon jah­re­lang machen, aber die haben sich in fünfzig win­zigen Details ver­än­dert. Wir doku­men­tieren jedes Trai­ning, schauen auf die Spieler und ver­su­chen, unsere Maß­nahmen ständig zu ver­fei­nern.

Ihr Prä­si­dent Fritz Keller sagt, er habe schon vor vielen Jahren erkannt, dass Sie das Zeug zum Pro­fi­trainer haben.
Aber ein Jugend­trainer ist doch auch ein Profi-Trainer, wenn er diese Tätig­keit als Beruf ausübt.

Punkt für Sie. Aber trotzdem mit ganz anderen Anfor­de­rungen, weil ein Jugend­trainer kaum mit den Medien zu tun hat.
Eine Saison kostet immer Sub­stanz. Egal, in wel­cher Liga man spielt. Das ist bei mir immer gleich gewesen, auch in der Jugend. Am Ende braucht man Urlaub.

Gab es in dieser Spiel­zeit den­noch den Moment, an dem Ihnen alles zu viel zu werden drohte?
Das Mediale ist schon extrem. Da hörst du dich ständig selber reden und dann sollst du immer wieder was erzählen. Ich finde es schwierig, mich ständig zu repro­du­zieren. Da bleibt die Inspi­ra­tion schnell auf der Strecke.

Was würden Sie lieber machen, als Inter­views zu geben?
Fast alles. Vor Kurzem haben wir mit der Mann­schaft das SWR-Sin­fo­nie­or­chester besucht. Neunzig Musi­kern zuzu­hören, die für einen Auf­tritt üben, das inspi­riert mich. Weil in einem Orchester vieles ähn­lich läuft wie bei uns. Ich würde gern auch mal wieder woan­ders hin­fahren und mir ein Trai­ning angu­cken. Nach Basel oder so. Das kommt gerade alles sehr kurz bei uns.

Können Sie uns in einem Satz erklären, warum sich die Mann­schaft in der ver­gan­genen Saison so gut ent­wi­ckelt hat?
Jeder ein­zelne hier muss sich fragen: Was bedeutet es, sich in einer Gruppe zu bewegen? Was pas­siert, wenn ich mich mit meinem vollen Enga­ge­ment ein­bringe? Und wenn der andere auch kein Arsch­loch ist oder durch nega­tive Vor­er­fah­rungen geschä­digt ist, kann es Syn­er­gien geben. Denn im Grund machen die Jungs ständig das, was sie gerne tun und unheim­lich gut können: kicken. Und wir bemühen uns, dass sie es so gut wie mög­lich mit­ein­ander tun können. Wenn es dann funk­tio­niert und sie dar­über zu einer gemein­samen Gesprächs­ebene finden, bringt das Freude.

Und Erfolg. Klingt wie die Utopie einer Gemein­schaft.
Ist es aber nicht. Es ist eigent­lich nur mit­ein­ander leben, sich mit­ein­ander aus­ein­an­der­setzen und viel­leicht auch ein biss­chen Inter­esse am anderen haben.

Dieses Grund­ge­fühl haben Sie in der gesamten Saison erhalten?
Nicht, dass Sie mich falsch ver­stehen, bei uns ist nicht alles Friede, Freude, Eier­ku­chen. Wir haben einen sehr hohen Anspruch an unsere Arbeit. Aber wir ver­su­chen so zu trai­nieren, dass es mit großer Freude von­statten geht und von einer gemein­samen Idee getragen wird.

Wie müssen wir uns diese Idee vor­stellen?
Es ist die Idee von unserem Spiel. Und diese Idee ist nicht von mir, die Idee ist von den Spie­lern. Denn nur die Jungs können so gut kicken – nicht ich. Diese Jungs sind alles Indi­vi­dua­listen, aber es geht darum, wie sie ihre Indi­vi­dua­lität inter­pre­tieren und sie in einer Gemein­schaft am besten leben.

Es ist trotzdem fas­zi­nie­rend, dass jeder die Bereit­schaft mit­bringt, sich so ein­zu­fügen. Sind sie selbst über­rascht, dass es so gut klappt?
Das wir so mit­ein­ander reden können? Nein! Ich for­dere nichts ein, wir reden nur ständig dar­über. Wenn ich an den Leuten, mit denen ich hier zehn Stunden am Tag ver­bringe, kein Inter­esse hätte, könnte ich hier nichts ent­wi­ckeln.

Sie sagen, nicht alles ist Friede, Freude, Eier­ku­chen. Was war das Schwie­rigste in dieser Saison?
Sich immer wieder der gemein­samen Sache zu ver­ge­gen­wär­tigen. Als Trainer ist man nicht der große Zam­pano, son­dern man braucht mensch­lich und fach­lich ganz viele Men­schen mit Qua­li­täten um sich herum, die man selbst nicht hat. Und das ist die große Her­aus­for­de­rung in einem Verein, wo so viele Leute drauf­schauen. Die Inter­views und das ganze Drum­herum sind unwichtig. Wichtig ist, was danach ist, wenn ich wieder mit Leuten aus dem Verein kom­mu­ni­zieren muss. Das ist die große Kunst, denn auch ich bin ja eitel.

Ach ja.
Ich schwätze so viel, dass es doch gar nicht anders sein kann. Ein Maß an Eitel­keit, das eigent­lich schon grenz­wertig ist.

Sind Sie so eitel, dass Sie dar­über nach­ge­dacht haben, ein Angebot von Schalke 04 anzu­nehmen?
Das ist nur ein Gerücht. Das ist ein toller Verein, hat aber mit mir nichts zu tun. Wir haben jetzt einen Umbruch in Frei­burg, Spieler gehen weg, wir kämpfen darum, dass wir Qua­lität halten. Ich bin also auch in einem Pro­zess drin.

Es heißt, Sie hätten ein großes Pro­blem mit Manager Dirk Dufner gehabt. Angeb­lich ist bei ihm die Idee des SC Frei­burg als Aus­bil­dungs­klub nie so recht durch­ge­drungen.
Ich kann nie­manden dis­kre­di­tieren, wirk­lich nicht. Bevor ich hier Chef­trainer wurde, habe ich gesagt: Nein, das mache ich nicht.“ Wenn man sowas sagt, hat das Gründe. Es kann den Grund haben, dass man Angst vor Miss­erfolg hat. Es würde mir schwer fallen, wenn die Leute sagen, der Chris­tian Streich ist kein guter Trainer. Wenn ich in Ham­burg spa­zieren gehe, grüßt mich jeder zweite Jogger, in Bay­reuth das gleiche. Es wird wahn­sinng auf mich geschaut, das muss ich abfe­dern. Des­wegen brauche ich Leute um mich herum, denen ich ver­traue. Völlig egal, ob die lange oder kurze Haare haben, Berg­steiger oder Rad­fahrer sind. Ich muss nur das Gefühl haben, dass die Zusam­men­ar­beit lebendig ist. Im Han­deln und im Denken. Wenn so ein Ver­trauen da ist, kann ich auch gut arbeiten.

Und diese ähn­liche Art zu denken, fehlte Dirk Dufner?
Er hat hier große Erfolge gefeiert. Und wie gesagt, ich kann nie­manden dis­kre­di­tieren.

Was Sie beschreiben, ist getragen von einem Hang zur Per­fek­tion. Und wenn es nicht klappt, ver­letzt es Sie?
Alle Trainer trifft es, mich auch. Aber nur bedingt. Ich bereite mich inner­lich auf Nie­der­lagen vor.

Ver­letzt es Sie, dass Spieler wie Johannes Flum oder Daniel Cali­giuri, die Sie so lange begleitet haben, den Verein ver­lassen?
Null.

Gar nicht?
Nein. Es ist in etwa so, als würden gute Kol­legen, mit denen Sie zusam­men­ge­ar­beitet haben, eines Tages die Arbeits­stelle wech­seln.

Mit dem Unter­schied, dass Sie nach­haltig an der Ent­wick­lung dieser Spie­ler­per­sön­lich­keiten mit­ge­wirkt haben.
Aber das ist doch das Schöne. Ich weiß ganz viel über die Jungs und deren Inter­essen. Jetzt gehen sie halt weg, aber wenn wir uns in zwanzig Jahren – sollte ich dann noch leben – wie­der­sehen, dauert es keine drei Minuten und wir sind wieder auf einem Level. Ich kenne ihre Ängste und sie kennen meine. Des­halb sollen sie gehen, denn Abschied gehört zum Leben. Es ist Begeg­nung, Treffen und Aus­ein­an­der­gehen. In dem Moment, wo wir auf die Welt kommen, wissen wir, dass wir sterben.

Die Kon­se­quenz könnte sein, dass Sie nächstes Jahr zwar inter­na­tional spielen, wegen der Dop­pel­be­las­tung auch wieder in Abstiegs­ge­fahr geraten.
Alles kann pas­sieren. Aber mein Grund­ge­fühl ist, dass eine Menge Jungs hier­bleiben, die auch schon sehr weit sind. Die tragen das mit, die haben breite Schul­tern. Ob wir dann nächstes Jahr am Sai­son­ende zwei Spiele haben, die wir gewinnen müssen, damit wir nicht absteigen, ist Teil des Wett­be­werbs.

Und wieder liegt die schwerste Saison aller Zeiten vor Ihnen.
Jede Saison ist die schwerste Saison. Da geht es Borussia Dort­mund, die im Cham­pions-League Finale standen, genauso. Götze geht weg, Lewan­dowski viel­leicht auch. Aber da ist auch viel ent­standen, sodass es nicht wieder von Null los­geht. Auch bei uns beginnt die neue Saison nicht auf dem­selben Level, auf dem wir im ver­gan­genen Jahr ange­fangen haben.

Sie glauben also, dass der SC Frei­burg die vier offen­siven Spieler, die abwan­dern, kom­pen­sieren kann?
Das weiß ich nicht, genauso wenig wie sie.

Aber sie wissen doch, ob adäquate Neu­ver­pflich­tungen kommen.
Das kann sein, aber das ist nicht so ein­fach in Frei­burg. Wir haben ein gewisses Niveau und ver­su­chen einen Spagat, denn wir haben in dieser Saison so gut gespielt, dass wir tat­säch­lich mit Han­nover und Glad­bach mit­ge­halten haben. Aber die haben Europa-League gespielt. Stutt­gart hat zehn Spiele mehr gemacht, das ist abartig. Die habe ich in man­chen Par­tien so gesehen, dass ich denken musste: Mein Gott, die sind ja ganz kaputt vom vielen Reisen und Kicken“. Keine Ahnung, wie groß die Belas­tung für uns wird.

Wo sehen Sie die größten Pro­bleme?
Wir können nicht viel trai­nieren, wenn wir unter­wegs sind. Wie schaffen wir es also, so Fuß­ball zu spielen, dass die Leute uns gerne zuschauen und wir auch das ein oder andere Spiel gewinnen? Können neue Leute unseren Weg mit­gehen? Sind das Typen, die das mit­tragen? Gerade in der Hin­sicht ist unser Anspruch sehr hoch. Es gibt hier Spieler, die mona­te­lang trai­nieren, ohne nur eine Chance bekommen zu haben – und sich den­noch nie beschwert haben. Ich weiß nicht, ob ich als junger Mensch diese Lei­dens­fä­hig­keit gehabt hätte.

Haben sie in der zurück­lie­genden Saison mal gehört: Chris­tian, Du hast dich ver­än­dert“?
Nein, aber ich habe mich schon ver­än­dert.

Inwie­fern?
Wir ver­än­dern uns doch alle ständig. Aber so ein Jahr – das können Sie sich vor­stellen – habe ich noch nie erlebt. Es war ganz anders als alle anderen vorher.

Sie sehnen sich nach Inspi­ra­tion, dazu gehört Muße. Wann hatten Sie in dieser Saison Gele­gen­heit zur Muße?
Wenn ich nach Hause komme und meinem Sohn die Hände wasche, weil er sich die Spa­ghetti damit in den Mund gestopft hat.

Sie emp­finden keine Muße nach einer erfolg­rei­chen Saison?
Darauf schaue ich nicht. Ich weiß ja: Wenn wir die nächsten drei Spiele schlecht spielen, haben wir wieder neue Pro­bleme. Aber ich freue mich sehr, wenn wir gut spielen. Das ist ein warmes Gefühl im Bauch. Da kann ich auch mal lustig sein auf dem Trai­nings­platz. Aber wenn ich einen Tag locker bin und dann noch einen und noch einen und wir am Wochen­ende wieder nicht so gut spielen, muss ich mir Gedanken machen. Ich bin gerne leicht, aber es geht halt nicht immer.

Aktuell hat der SC Frei­burg zwei kom­mis­sa­ri­sche Sport­di­rek­toren, die wie Sie einen engen Kon­takt zur Fuß­ball­schule unter­halten. Para­die­si­sche Vor­aus­set­zungen für Ihre Vor­stel­lung von Zusam­men­ar­beit.
Jochen Saier und Kle­mens Har­ten­bach ist unsere gemein­same Idee und Her­an­ge­hens­weise voll und ganz bewusst. Die sind gewis­ser­maßen die Idee, denn sie haben sie mit­ent­wi­ckelt und leben sie. Des­halb können wir viel mit­ein­ander reden. Es geht hier doch darum, dass jeder sich so ein­bringt, dass es ein Stück weit seins ist. Das ist bei den beiden so – und natür­lich auch für mich extrem hilf­reich.

Noch ist nicht klar, ob die beiden Sport­di­rek­toren bleiben. Wie stehen Sie zu einer externen Lösung?
Es geht nicht um mich, es geht darum, dass der Verein die best­mög­li­chen Per­sonen hat, sowohl mensch­lich, als auch fach­lich. Und diese zwei Men­schen ver­kör­pern die Idee von diesem Verein in extrem hohem Maße. Zumin­dest das kann ich mit höchster Über­zeu­gung sagen.

For­mu­lieren Sie mal ein Stel­len­profil für einen Frei­burger Sport­di­rek­toren.
Es muss jemand sein, der viel­seitig ist, weil dieser Beruf nun mal viel­seitig ist. Er sollte sich überall ein­bringen, aber sich auch im rechten Moment zurück­nehmen können, damit es dann in den Gre­mien ent­schieden werden kann. Das bedarf schon einiger Reflek­tion und Sozi­al­kom­pe­tenz. Aber um es kurz zu machen: Er sollte vor allem schaffe können wie ein Brun­nen­putzer.