Teen­ager bringen immer sel­tener die Geduld auf, ein ganzes Fuß­ball­spiel anzu­schauen. Das ist ver­ständ­lich, wenn sie sich statt Wolfs­burg gegen Mainz gleich­zeitig 3 mins skills & goals Neymar“ auf You­tube zu Gemüte führen können. Doch auch bei Erwach­senen scheint die Auf­merk­sam­keits­spanne auf ein Minimum gesunken zu sein, beson­ders in der Sport­welt.

Infor­ma­tionen errei­chen die Fans und Jour­na­listen über Clips und Video­schnipsel – das reicht den meisten für eine abschlie­ßende Beur­tei­lung zum Thema. In der ver­gan­genen Woche wurde ein knapp ein­mi­nü­tiger Aus­schnitt einer Mit­glieder-Talk­runde des FC Schalke publik. Der Vor­stand des Klubs reagierte darin auf eine ziem­lich simple Frage unbe­holfen und wirkte über­for­dert. Ein Schalke-Fan hatte den Clip gepostet, es war ein toller Lacher, den viele Medien (meis­tens auch ohne Quel­len­an­gabe) locker über­nehmen und daraus einen hämi­schen Kom­mentar stri­cken konnten.

Ein Clip reicht den meisten für ihr Urteil

Doch die Talk­runde dau­erte eben länger als 50 Sekunden, son­dern andert­halb Stunden. Und bei aller berech­tigten Kritik am Schalker Vor­stand löste dieser zumin­dest das alte Ver­spre­chen ein, wirk­lich in den Dialog zu treten und sich end­lich mit den Mit­glie­dern aus­zu­tau­schen. Wer Zeit zum Anschauen inves­tiert hatte, der bekam sogar inter­es­sante Ein­blicke und Erklä­rungen. Doch diese Zeit nahmen sich die meisten Medien (auch wir bei 11freunde​.de) nicht. Bru­taler Aus­setzer“, Vor­stand bla­miert sich“, Pein­lich-Auf­tritt“ hießen die Über­schriften.

An diesem Wochen­ende machte nun eine Sequenz aus der Pres­se­kon­fe­renz nach dem Spiel zwi­schen Nürn­berg und St. Pauli die Runde. Welt­weit werden nicht gerade Myriaden von Fuß­ball­fans und Jour­na­listen auf diese Frage-Ant­wort-Runde gewartet haben. Das brauchten sie aber auch nicht, weil eben jener kurze Clip auf­tauchte, in dem Nürn­bergs Trainer Robert Klauß seinen Match­plan mit einer Anein­an­der­rei­hung von Fach­be­griffen erklärte. Das klang unbe­stritten kurios und teil­weise ver­wir­rend. Ver­stehen Sie dieses Trainer-Deutsch noch?“ fragte die Bild“. Nicht wenige Kom­men­ta­toren spra­chen dem Trainer sogar die Fähig­keit ab, über­haupt noch ver­ständ­lich zu kom­mu­ni­zieren.

Der Aus­schnitt war aber vor allem eines: ein Auschnitt. Wer will, kann sich die gesamte Pres­se­kon­fe­renz hier anschauen.

Darin wird deut­lich: Klauß ist nach der Nie­der­lage von Beginn an emo­tional ange­fasst. Die Jour­na­listen stellen bis­sige, aber immer noch sach­liche Fragen. In diesen Zeiten rei­chen sie diese schrift­lich ein – und auf dem Papier for­mu­liert jeder nun einmal schärfer als im Gespräch von Ange­sicht zu Ange­sicht. Klauß aber sucht keine Aus­flüchte, son­dern bezieht zu jeder Frage klar Stel­lung. Erst als ihm vor­ge­halten wird, dass kein Match­plan“ zu erkennen gewesen sei, fühlt er sich ange­griffen. Der Trainer ist bekannt für seine akri­bi­sche Vor­be­rei­tung und tak­ti­schen Ana­lysen – genau diesen Vor­wurf will er nicht auf sich sitzen lassen. Seine Ant­wort mit asym­me­tri­schen Links­ver­tei­di­gern“ und ball­fernen Zeh­nern“ ist nichts anderes als die Aus­sage: Wenn du über Taktik reden willst, dann kannst du das gerne haben.

Klauß belei­digt nie­manden oder stellt ihn in den Senkel, er spricht hier nicht zu den Fans, den Spie­lern oder einem Fest­saal­pu­blikum. Er ant­wortet punkt­genau auf die Frage eines Jour­na­listen, zwar schnip­pisch, aber nicht ver­werf­lich. Man stelle sich einmal die Reak­tion von Jürgen Klopp oder Thomas Tuchel vor, wenn ihnen vor­ge­halten würde, dass in ihrem Spiel kein Match­plan zu erkennen sei.

Nach seinen tak­ti­schen Aus­füh­rungen – und wirk­lich direkt nach dem viralen Clip – schränkt Klauß sogar selbst ein, dass Match­pläne und Taktik nicht viel helfen, wenn es an anderer Stelle hakt. Es liegt nicht an Taktik, son­dern an den Basics, die ich schon ange­spro­chen habe: zweite Bälle gewinnen, direkte Duelle gewinnen, Sprints setzen, fleißig nach­ar­beiten, den ersten Kon­takt sauber machen, 10-Meter-Pass zum Mit­spieler bringen, mich aktiv frei­laufen. Diese Dinge müssen erst mal funk­tio­nieren.“ Das war für jeden ver­ständ­lich und bei weitem kein Trainer-Deutsch.

Zwi­schen Packing und Über-die-Bande-flexen“

Die große Auf­re­gung um Klauß’ Aus­sagen resul­tiert auch daher, dass mitt­ler­weile in gänz­lich unter­schied­li­chen Stilen über Fuß­ball gespro­chen wird. Auf der einen Seite han­tieren Experten mit For­meln aus Expected goals“, Packing“ und Sprin­tin­ten­sität“, als würden sie als Doc Brown“ damit Marty McFly gleich zurück in die Zukunft schi­cken können. Auf der anderen Seite erklären Experten im Dop­pel­pass“ Nie­der­lagen einer Mann­schaft ver­läss­lich damit, dass da mal jemand den Gegner ordent­lich über die Bande flexen müsste. Die Füh­rungs­spieler fehlen!“ – Ja, Stefan, dir wäre das nicht pas­siert, hehe.“ – Ich wäre schon runter geflogen. Thomas, das weißt du“- Ich wäre gar nicht hin­ter­her­ge­kommen. Hehe. So, nur ein kurzer Spot, dann ana­ly­sieren wir weiter.“

Diese Gegen­sätze zwi­schen distan­zierter, sach­li­cher Ana­lyse und kum­pel­hafter Plau­derei ließen sich auf der Pres­se­kon­fe­renz in Nürn­berg beob­achten. Klauß saß nach seinen langen Ant­worten noch immer ange­fressen auf seinem Stuhl, als seinem Ham­burger Trai­ner­kol­lege Timo Schultz fol­gende Frage gestellt wurde: Schulle, du bist ja eigent­lich Tee­trinker, aber wie schmeckt dir ein Six­pack der Marke Burg­staller?“