Robin Udegbe, Sie sind Tor­wart bei RWO und haben kürz­lich eine Bachelor-Arbeit zum Thema Aber­glaube geschrieben. Warum?
Ich bin in der Regio­nal­liga tätig und habe über­legt, mir ein zweites Stand­bein auf­zu­bauen – des­halb das Psy­cho­logie-Stu­dium. Das Thema Aber­glaube war einer­seits ein Vor­schlag meiner Dozentin, die dazu for­schen wollte. Ande­rer­seits habe auch ich mich sehr für Aber­glaube inter­es­siert, aber nie wirk­lich ver­standen, was dahinter steckt. Und das Ganze auf den Sport umzu­münzen war für mich eine beson­dere Her­aus­for­de­rung, weil ich als Sportler immer wieder Aber­glaube gesehen und auch selber prak­ti­ziert habe.

Was ist die zen­trale These Ihrer Arbeit?
Ich habe meh­rere Hypo­thesen auf­ge­stellt. Ers­tens, dass Leis­tungs­sportler aber­gläu­bi­scher sind als Brei­ten­sportler. Zwei­tens, dass Mann­schafts­sportler aber­gläu­bi­scher sind als Ein­zel­sportler. Und drit­tens, dass die Aus­füh­rung von aber­gläu­bi­schen Ritualen sich positiv auf die Leis­tung aus­wirkt. Die haben sich alle­samt bestä­tigt.

Wie denn?
Ich habe einen Online-Fra­ge­bogen erstellt, in dem das jeweils abge­fragt wurde. Außerdem habe ich gefragt, wie sich der Aber­glaube in ver­schie­denen Situa­tionen auf den Alltag oder auf den Sport aus­wirkt. Es haben über 250 Per­sonen aus ver­schie­denen Sport­arten teil­ge­nommen, sodass ich die relativ umfas­send abde­cken konnte.

Und wie haben Sie diese Teil­nehmer aus­ge­wählt?
Das lief über ver­schie­dene Kom­mu­ni­ka­ti­ons­wege, zum einen über soziale Medien, zum anderen habe ich ver­schie­dene Ver­eine ange­schrieben, die das an ihre Sportler wei­ter­ge­leitet haben. Der größte Teil lief sicher­lich über per­sön­liche Kon­takte, das waren dann natür­lich Fuß­baller, aber auch Leicht­ath­leten, Turner, Was­ser­sportler und Hand­baller haben teil­ge­nommen. Ins­ge­samt sollten die Teil­nehmer zufällig aus­ge­wählt werden, um das Ergebnis nicht in eine Rich­tung zu ver­fäl­schen.

Wie aber­gläu­bisch sind Sie selbst?
Aber­glaube zieht sich bei mir von der Kind­heit bis ins Erwach­se­nen­alter heute. Das fing an mit einem Glücks-T-Shirt, das ich in der Jugend immer anhatte und das meine Mutter pünkt­lich gewa­schen haben musste am Spieltag. Auch jetzt habe ich natür­lich so meine Rituale, die aller­dings ein biss­chen ein­ge­schränkt sind, weil ich durch meine Arbeit nochmal ein ganz anderes Bewusst­sein für die The­matik geschaffen habe. Und es gibt immer wieder Mann­schafts­ri­tuale, ob man einen Kreis vorm Spiel macht oder bestimmte Musik hört. Ich glaube, dass die dem Ganzen dien­lich sein können.

Was ist denn Ihr per­sön­li­ches Ritual heute?
Ein typi­sches Ritual für mich ist es, nach dem Abschluss­trai­ning mit dem Tor­wart­trainer noch einmal mög­liche Situa­tionen durch­zu­gehen. Damit fühle ich mich gut, weil ich dann alles getan habe, um vor­be­reitet zu sein.

Und in dieser Situa­tion sind Sie dann aber­gläu­bisch?
Aber­glaube ist ja häufig sehr konfus, das habe ich wei­test­ge­hend abge­legt. Die meisten meiner Abfolgen vorm Spiel sind eher Beweg­lich­keits­übungen. Reiner Aber­glaube, wie den viele andere aus der Mann­schaft haben, ist bei mir nicht mehr vor­handen, auch wenn er die Geschichte bestimmt um einiges span­nender machen würde.

In Ihrer Mann­schaft ist Aber­glaube aber teil­weise viel offen­sicht­li­cher vor­handen?
Ein Mit­spieler zum Bei­spiel geht unmit­telbar vor jedem Spiel noch einmal duschen. Nicht weil er sich dadurch rein­li­cher fühlt, son­dern weil er meint, dann besser vor­be­reitet zu sein. Ein anderer wurde einmal vor einem gewon­nenen Spiel von einem wei­teren Mit­spieler abge­holt und bestand anschlie­ßend darauf, immer wieder abge­holt zu werden – auch wenn es eigent­lich wenig Sinn macht, dass wir dadurch besser spielen. Was ich bei mir fast noch als Aber­glaube durch­gehen lassen würde, ist, dass ich vor Spielen immer das Gleiche früh­stücke.

Bereuen Sie es manchmal, den Aber­glaube durch ihre For­schung ent­zau­bert zu haben?
Nein, bereuen kei­nes­falls, weil das eine super Erfah­rung für mich war. Ich bin jetzt in der Lage, das Ganze viel­leicht ein biss­chen bewusster zu lenken. Ich habe zwar meine Rituale – absolut –, aber ich habe auch ein Bewusst­sein dafür.

Es gibt ver­schie­denste Fuß­ball­spieler, die auch solche Rituale haben: Chris­toph Met­zelder, der wäh­rend wich­tiger Tur­niere den Bart sprießen ließ; Cris­tiano Ronaldo, der angeb­lich aus Aber­glaube seine Stutzen so hoch wie mög­lich zieht. Was halten Sie davon?
Ich denke, dass Aber­glaube für Sportler unheim­lich wichtig sein kann, weil es etwas ist, an dem man sich ori­en­tiert. Je bedeut­samer ein Spiel, desto mehr sind sie auf ihren Aber­glaube bedacht, weil sie die Unsi­cher­heit so sehr wie mög­lich ver­meiden wollen. Man ver­sucht das Unbe­re­chen­bare bere­chenbar zu machen, indem man sich best­mög­lich auf eine Situa­tion vor­be­reitet. Weil man es immer so gemacht hat, ver­sucht man es in der Situa­tion wieder zu machen.

Welche bizarren Rituale sind denn in Ihrer Arbeit ans Licht gekommen?
Ein Spieler hat beim Spiel drei Stutzen über­ein­ander gezogen. Als nor­maler Fuß­baller würde man sagen, dass die Person dann gar kein Gefühl mehr im Fuß hat. Aber manchmal ist es viel­leicht bedeut­samer, dass der Spieler sich gut und sicher fühlt. Ansonsten zielen die meisten der aber­gläu­bi­schen Rituale auf die Klei­dung ab, auf die Rei­hen­folge, wie sie ange­zogen wird. Der eine fängt mit dem Trikot an, aber ich hab auch schon gelesen, dass einer mit den Schuhen anfängt, also Stutzen, Schuhe und dann erst den Rest. Da würde der eine oder andere nor­male Mensch viel­leicht sagen, warum macht er das jetzt?!

RWO steht der­zeit im Tabel­len­mit­tel­feld, mit ein biss­chen Glück geht es nach oben, mit Pech muss man auch nochmal nach unten bli­cken. Ein guter Zeit­punkt um aber­gläu­bisch zu werden?
Ja, wir hatten in der ver­gan­genen Saison eine Phase, in der wir acht Spiele hin­ter­ein­ander gewannen. Da gibt es natür­lich Situa­tionen, in denen man sich an einem Aber­glaube fest­hält, der dann über meh­rere Spiele geht. Wir stehen jetzt im Mit­tel­feld, würden aber gerne weiter oben stehen – schauen wir mal, wohin es wirk­lich geht.

Und wie steht es um Ihre aka­de­mi­sche Kar­riere? Darf der inter­es­sierte Sport-Fan noch auf wei­tere Erkennt­nisse aus der Welt des Aber­glau­bens hoffen?
Es ist durchaus mög­lich, dass ich in dem Bereich for­schen werde. Auch, weil ich jetzt eine unheim­lich große, posi­tive Reso­nanz bekommen habe – sowohl aus dem aka­de­mi­schen Bereich, aber auch von Sport­lern, die gesagt haben, da würde ich gerne noch mehr drüber erfahren. Es gibt aber noch keine kon­kreten Pläne.

Was für Reak­tionen haben Sie denn bekommen?
Viele Spieler, mit denen ich gespro­chen habe, haben gesagt, dass sie es plau­sibel finden, dass man ver­sucht, das Unbe­re­chen­bare durch best­mög­liche Vor­be­rei­tung bere­chenbar zu machen. Viele sagen auch, dann muss ich das nochmal über­denken. Viel­leicht muss ich mich gar nicht so sehr daran ori­en­tieren – oder viel­leicht muss ich mich sogar noch mehr daran ori­en­tieren, weil es mir Selbst­si­cher­heit gibt. Es gibt eine durch den Aber­glaube ent­ste­hende Selbst­wirk­sam­keit. Man hat das Gefühl, dass das, was man tut, positiv belohnt wird. Ich glaube, wenn man den Aber­glaube positiv nutzt, kann das jeder Mann­schaft und jedem Spieler helfen.