Dieser Text erschien in Heft #225. Erhält­lich bei uns im Shop. Hier ist er erst­mals in voller Länge online zu lesen.

Im Dezember 1990 schrieben Anthony Baffoe, Anthony Yeboah und Sou­ley­mane Sané einen offenen Brief, in dem sie um Soli­da­rität im Kampf gegen Ras­sismus baten. Der Titel lau­tete: Wir sind kein Frei­wild.“ Damals wurden schwarze Spieler in Sta­dien jede Woche ras­sis­tisch belei­digt, sie wurden mit Bananen beworfen und ihre Ball­be­rüh­rungen von Affen­rufen begleitet. Es hat sich seitdem einiges zum Guten ver­än­dert im deut­schen Fuß­ball, viele Kurven sind bun­tere Orte geworden. Trotzdem: Der Ras­sismus ist nicht ver­schwunden. Nicht aus den Sta­dien, nicht aus der Rea­lität der schwarzen Spieler. Dieses Jahr wurden Her­thas Jordan Tor­u­na­righa und der Würz­burger Leroy Kwadwo ras­sis­tisch belei­digt, und der ehe­ma­lige Schalke-Auf­sichtsrat Cle­mens Tön­nies fabu­lierte über die Afri­kaner“ und deren Paa­rungs­ver­halten. Dann starb George Floyd bei einer Poli­zei­kon­trolle. Wenn es etwas Gutes an seinem gewalt­samen Tod gegeben hat, ist es viel­leicht eine neue glo­bale Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Thema Ras­sismus. Denn Ras­sismus beginnt nicht erst am AfD-Wahl­stand oder mit Affen­rufen. Er beginnt viel früher.

CHRIS­TO­PHER AVEVOR

Geboren und auf­ge­wachsen in der Nähe von Kiel. Spielte als Profi u. a. für Han­nover und Düs­sel­dorf, ehe der 2016 zum FC St. Pauli wech­selte. Dort ist der Ver­tei­diger seit 2019 Kapitän. Enga­giert sich bei der inter­na­tio­nalen Initia­tive Show Racism the Red Card“.

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Wit­ters

Will Smith hat neu­lich gesagt, der Ras­sismus ist nicht schlimmer geworden, er werde nun ledig­lich gefilmt. Ich glaube, das beschreibt es gut. Denn Ras­sismus ist und war immer da. In ganz ver­schie­denen Formen. Und er wird ganz unter­schied­lich wahr­ge­nommen. Ich habe als Kind zum Bei­spiel Erfah­rungen gemacht, die ich damals nicht als ras­sis­tisch gewertet habe, aber im Rück­blick ras­sis­tisch nennen würde.

Ich erin­nere mich gut an meine theo­re­ti­sche Prü­fung für den Rol­ler­füh­rer­schein. Ich fiel dreimal durch, obwohl ich jedes Mal gelernt hatte und die Fragen beant­worten konnte. Beim ersten Mal dachte ich: Blöd, dann halt noch mal. Beim zweiten Mal wurde ich skep­tisch. Beim dritten Mal sagte mein Fahr­lehrer: Da kann was nicht stimmen.“ Er ließ sich meine Prü­fungs­bögen geben, und siehe da, eigent­lich hätte ich schon beim ersten Mal bestanden. Mein Fahr­lehrer erklärte mir damals, dass der Prüfer etwas gegen mich habe. Wegen meiner Haut­farbe, wegen meiner afri­ka­ni­schen Wur­zeln. Ich nahm das so hin, ver­standen habe ich es nicht. Warum wollte der Mann mir Schlechtes? Er kannte mich nicht, ich hatte ihm nichts getan. Ras­sisten, das hatte ich bis dahin gedacht, waren Typen, die Schwarze mit dem N‑Wort beschimpfen und mit ihren Base­ball­schlä­gern auf sie los­gingen.

Ich bin auf­ge­wachsen in einem kleinen Ort zwi­schen Eckern­förde und Kiel. Mein Vater stammt aus Ghana, meine Mutter ist gebür­tige Deut­sche. Ich hatte eine gute Kind­heit und Schul­zeit. Ich hatte jeden­falls wegen meiner Haut­farbe nie Angst, durch die Straßen zu gehen. Es gab keinen Grund dazu. Bis zu jenem Tag am Bahnhof.

Ich war damals 13 oder 14 Jahre alt, und meine Stief­schwester und ich wollten nach Kiel fahren. Als wir zum Bahnhof kamen, tau­melten drei Männer aus einer Kneipe und beschimpften mich ras­sis­tisch. In mir kam ein Gefühl hoch, das ich bis dahin nicht gekannt hatte: eine Mischung aus großer Trau­rig­keit und starker Wut. Ich rannte auf die Männer zu, ein Schul­junge gegen drei Erwach­sene, eine ver­rückte Idee. Zu meiner Über­ra­schung drehten die Männer um und rannten zu ihrem Auto. Sie öff­neten den Kof­fer­raum. Dann drehten sie sich wieder zu uns und kamen mit Base­ball­schlä­gern und Spring­mes­sern auf uns zu. Ich nahm meine Stief­schwester. Wir sind ein­fach nur gerannt.

Als Schwarzer ist man immer ver­dächtig“

Wir ver­steckten uns in der Stadt und schli­chen erst wieder zum Bahnhof, als der Zug ein­fuhr. Blitz­schnell sprangen wir in den Waggon und schauten aus dem Fenster. Die drei Männer waren immer noch da, sie fuhren in ihrem Wagen um den Bahnhof. Sie hatten sich sogar Ver­stär­kung geholt. Sie waren auf der Suche nach uns. Ich weiß nicht, warum das so ist, aber das Auto hat sich in meine Erin­ne­rung gebrannt: ein Audi A4 in einem sehr häss­li­chen Blau. Was stimmte nicht bei diesen Typen?

Ich habe mich mit der Zeit an vieles gewöhnt und mir auch ein kleines Fell zuge­legt. Solange mich nie­mand direkt belei­digt, mache ich mir keinen Kopf um Gesten oder Blicke, die son­derbar wirken. Die viel­leicht von anderen Schwarzen, die in ihrem Leben mehr Ras­sismus als ich erlebt haben, als ras­sis­tisch gesehen würden. Vieles ist ja auch Inter­pre­ta­tion mei­ner­seits. Aber es gibt ganz klas­si­sche Situa­tionen, die immer wieder kommen und bei denen es nichts zu inter­pre­tieren gibt. Die zum Alltag gehören. Vor allem: Poli­zei­kon­trollen. In einem schi­cken Auto hat man als Schwarzer, salopp gesagt, die Arsch­karte gezogen. Ich habe es erlebt, dass Poli­zisten Action­film-artige Wen­de­ma­növer machen, wenn sie mich am Steuer sehen. Als Schwarzer ist man immer ver­dächtig.

Das musste ich auch erleben, als ich voriges Jahr mit ein paar Kum­pels von einem Kon­zert kam. Ein paar Freunde mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund waren dabei, vier Schwarze, aber auch weiße Deut­sche. Es war ein tolles Kon­zert, die Stim­mung war aus­ge­lassen. Bis zwei Poli­zisten uns anhielten und meinen besten Freund aus der Gruppe zogen. Angeb­lich, so sagten die Beamten, passe die Beschrei­bung eines Han­dy­diebs auf ihn. Sie nahmen Per­so­na­lien auf und unter­suchten meinen Freund. Natür­lich fanden sie keine Die­bes­ware, denn er war ja nicht der Gesuchte. Es war reine Willkür und Schi­kane, und wir haben ordent­lich Theater gemacht. Irgend­wann sagte der eine Poli­zist: Du kannst froh sein, dass wir deinen Freund hier nicht direkt über­wäl­tigt haben.“ Was für eine Aus­sage, dachte ich. Und dann sagte ich: Wir sind hier immer noch in Deutsch­land!“

STRELY MAMBA

Geboren und auf­ge­wachsen im baden-würt­tem­ber­gi­schen Kuchen, Land­kreis Göp­pingen. Ist einer der besten fünf Stürmer in der Ver­eins­ge­schichte von Energie Cottbus. Seit 2019 spielt er für den SC Pader­born und schoss in der abge­lau­fenen Saison sechs Tore, zwei davon beim 3:3 gegen den BVB.

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China Hopson

Meine Eltern sind aus dem Kongo nach Deutsch­land geflohen und haben hier, in Kuchen in Baden-Würt­tem­berg, Asyl bean­tragt. Bis ich sieben Jahre alt war, lebten wir gemeinsam mit meiner Schwester in einer Con­tainer-Unter­kunft. Wir hatten zwei kleine Räume für uns vier, ein Schlaf­zimmer und ein Wohn­zimmer. Küche, Toi­lette und Bade­zimmer haben wir uns mit anderen Men­schen geteilt. Ich per­sön­lich habe meine Kind­heit trotzdem als sehr schön in Erin­ne­rung, ich kannte es ja nicht anders. Des­wegen war ich immer mit dem zufrieden, was wir hatten. Auch wenn es nicht viel war – bezie­hungs­weise eigent­lich fast gar nichts. Meine Eltern hatten zum Bei­spiel nicht das Geld, um mir einen Fuß­ball zu kaufen. Aber eines Tages war im Nah­kauf ein Bas­ket­ball im Son­der­an­gebot – da haben sie dann zuge­schlagen. Von da an habe ich halt mit einem Bas­ket­ball gekickt.

Ras­sis­ti­sche Erfah­rungen habe ich in dieser Zeit eigent­lich keine gemacht. Höchs­tens in der Form, dass alle immer dachten, ich würde beim Bas­ket­ball total abgehen. Da waren die Erwar­tungen stets: Ein dun­kel­häu­tiger Junge? Der muss doch Bas­ket­ball zocken können! Aber das war bei mir nicht der Fall. Dazu fehlte mir ein­fach die Kör­per­größe. Und: Mein Name wird bis heute falsch geschrieben. Eigent­lich heiße ich Strely“, aber da sich das y“ wie ein i“ spricht, wurde ich irgend­wann ein­fach immer Streli geschrieben. So haben es die Behörden in meinen ersten Aus­weis gedruckt, so steht es dem­entspre­chend auch in meinem Spie­ler­pass. Jetzt ist es wohl zu spät, daran noch zu rüt­teln. Obwohl mir die Schreib­weise meiner Eltern eigent­lich lieber ist.

Richtig umge­schaut habe ich mich zum ersten Mal, als ich von Sand­hausen II nach Cottbus gewech­selt und dort am Haupt­bahnhof aus­ge­stiegen bin. Ich dachte nur: Wo bin ich hier denn gelandet?“ Jede Stadt ver­sprüht ja eine Atmo­sphäre, und egal wo man hin­kommt, man ent­wi­ckelt immer recht schnell ein Gefühl für den Vibe einer Stadt. Und in Cottbus war dieser Vibe für mich zunächst nicht son­der­lich ein­la­dend: Die Leute guckten mich komisch an, es war grau, im Ver­gleich zum Süd­westen wirkte alles etwas ver­krampft. Aber ich dachte mir: Scheiß drauf.“ Und ich habe mit der Zeit auch dort tolle Men­schen ken­nen­ge­lernt, und die Stadt selber, mit dem his­to­ri­schen Markt­platz und der Alt­stadt, ist nicht nur grau, im Gegen­teil, es gibt tolle Ecken. Aber Fakt ist auch: Wenn die Leute mich als dun­kel­häu­tigen Men­schen in einem schi­cken Auto gesehen haben, haben sie komisch geguckt. Genauso, wenn ich mit etwas teu­reren Kla­motten durch die Stadt gelaufen bin. Es gab komi­sche Blicke – oder dumme Bemer­kungen.

Ist das sein Ernst? Sehe ich aus, als käme ich vom Mars?“

Ich wurde auch ras­sis­tisch belei­digt. Einmal war­tete ich am Bür­ger­steig auf einen Freund, der mich mit dem Auto abholen wollte. Dann kam gleich ein Typ an: Gehen Sie sofort von meinem Grund­stück!“ Ich meinte nur: Hä? Ich stehe doch auf dem Bür­ger­steig und warte nur kurz.“ Dann wurde es gleich ernst: Gehen Sie hier weg. Hauen Sie ab. Gehen Sie dahin, wo Sie her­kommen.“ Da meinte ich nur, dass ich aus Deutsch­land käme und wo ich seiner Mei­nung nach denn hin­gehen solle. Aber das war ein älterer Mann. Noch schlimmer emp­finde ich ras­sis­ti­sches Denken, wenn es von jungen Leuten kommt. Einmal war ich im Super­markt, hinter mir stand ein junger Kerl. Ich hatte meine Ein­käufe auf das Band gelegt, aber Kau­gummis ver­gessen, und musste des­halb noch mal kurz nach hinten in der Schlange, um welche zu holen. Ich ging also für einen Augen­blick weg, und sofort rutschte der Kerl vor mich. Also sagte ich: Ent­schul­di­gung, können Sie mich bitte vor­bei­lassen?“ Er reagierte nicht. Er dachte, die Stimme könne auf keinen Fall meine sein, weil es ja deut­sche Worte waren. Dann habe ich ihn ange­tippt. Er drehte sich um, guckte mich an und sagte: Du kannst ja deutsch …?“ Ich dachte nur: Ist das sein Ernst? Sehe ich aus, als käme ich vom Mars?

Einer­seits denke ich bei ras­sis­ti­schen Belei­di­gungen, wenn einer mich mit dem N‑Wort beschimpft: Das sind schwache Men­schen, die können sich nicht anders helfen und gehen des­wegen auf die Haut­farbe. Weil sie sich davon erhoffen, mich wirk­lich zu treffen. Ande­rer­seits denke ich: Das sind teil­weise die glei­chen Leute, die mir dann am Wochen­ende im Sta­dion zuju­beln. Und dann regt es mich natür­lich auf. Zur­zeit häufen sich die ras­sis­ti­schen Belei­di­gungen in Sta­dien ja auch wieder, in Ita­lien, in Eng­land. Und ich wäre der Erste, der vom Platz gehen würde, wenn so etwas bei einem Spiel von mir pas­sieren würde. Egal, wie es steht oder was das für Kon­se­quenzen hätte. Man darf Ras­sismus nicht tole­rieren. Ich bin fest davon über­zeugt: Alle Men­schen sind gleich. Wir atmen die gleiche Luft, egal ob schwarz, weiß, gelb oder rot. Ich bin nicht anders als Sie.

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GERALD ASA­MOAH

Geboren in Mam­pong, Ghana. Kam 1990 als Zwölf­jäh­riger nach Deutsch­land und spielte in der Bun­des­liga u. a. für Han­nover 96 und Schalke 04. Zwi­schen 2001 und 2006 machte er 43 Län­der­spiele für Deutsch­land und nahm an der WM 2006 teil. Er ist Schul­pate beim deutsch­land­weiten Netz­werk Schule ohne Ras­sismus – Schule mit Cou­rage“. Heute arbeitet er als Team­ma­nager des FC Schalke 04.

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China Hopson

Ich habe in meinem Leben immer wieder Ras­sismus erlebt. Ich wurde wegen meiner Haut­farbe beschimpft und mit Bananen beworfen. Ich wurde wegen meiner Her­kunft ver­ächt­lich ange­schaut und abge­wiesen. Manchmal höre ich, dass ich zu emp­find­lich reagiere. Aber ich sage dann: Wenn du Ras­sismus nie am eigenen Leib erlebt hast, weißt du nicht, wie es sich anfühlt.

Mein Vater hat in Ghana als Jour­na­list gear­beitet und wurde des­wegen poli­tisch ver­folgt. In den Acht­zi­gern ist er mit meiner Mutter nach Deutsch­land geflüchtet. Ich wuchs erst mal bei meiner Oma in dem Dorf Mam­pong auf, 300 Kilo­meter nörd­lich von Accra. Einmal brachte meine Mutter bei einem Hei­mat­be­such den Otto-Katalog mit. Von da an war Deutsch­land für mich das Otto-Katalog-Land, ein Wun­der­land, in dem alles sehr ordent­lich aussah und die Men­schen gut gekleidet waren.

Meine Geschwister und ich sind 1990 zu meinen Eltern nach Han­nover gezogen. Mein Vater arbei­tete längst nicht mehr als Jour­na­list, er war nun bei einem Auto­rei­fen­her­steller tätig. Später hat er als Stra­ßen­feger gear­beitet, und noch später machte er einen Afrika-Shop auf.

Ich kannte weiße Men­schen bis dahin nur aus jenem Otto-Katalog und vor allem aus dem Fern­seher. Ver­mut­lich ging es meinen Mit­schü­lern mit schwarzen Men­schen ähn­lich, denn in meiner Schule war ich der ein­zige Schwarze. Ich hatte aber Glück und kam in eine Klasse, die mich akzep­tierte. Auch eine Leh­rerin war super, sie hat mir vieles auf Eng­lisch erklärt. Nur auf dem Schulhof gab es manchmal Stress, und ein paar Mal habe ich mich auch geprü­gelt. Ich würde meinen Kin­dern heute sagen, dass das nicht der rich­tige Weg ist, für mich war es damals der ein­zige Weg, denn mit Worten konnte ich mich nicht wehren, ich sprach ja kaum Deutsch. Ein Junge hatte es beson­ders auf mich abge­sehen, ständig beschimpfte er mich mit dem N‑Wort.

Mein Vor­bild war Anthony Yeboah. Ein toller Spieler aus Ghana, der es in Deutsch­land geschafft hatte. Als ich auch Profi wurde, ging ein Traum in Erfül­lung. Ich weiß noch, wie ich meinen ersten Ver­trag unter­schrieb und dann stolz und über­glück­lich meinen neuen Mer­cedes abholte. Ich fuhr vom Park­platz und fünf Minuten später schon hielt mich ein Poli­zei­auto an. Die Beamten waren skep­tisch, weil ein Schwarzer am Steuer eines sol­chen Wagens saß.

Ich weiß, dass viele andere Schwarze stärker unter Ras­sismus leiden als ich“

Ich erin­nere mich noch sehr gut daran, wie ich mal in einem Bil­lard­laden abge­wiesen wurde und was das für ein Schmerz war. Nur für Stamm­gäste“, log der Wirt. Ich fragte: Wie soll ich Stamm­gast werden, wenn ich nicht rein­komme?“ Ein anderes Mal wurde ich am Ein­gang einer Dis­ko­thek weg­ge­schickt. Ich war damals schon Natio­nal­spieler, aber der Tür­steher hatte mich nicht erkannt, weil ich eine Kapuze auf hatte. Als ich sie abzog, sagte er: Ach, Herr Asaomah, sagen Sie doch gleich, dass Sie das sind.“

Ich weiß, dass viele andere Schwarze stärker unter Ras­sismus leiden als ich. Fragen Sie mal meine Freunde, meine Geschwister oder meine Frau. Die haben nicht das Glück, als ehe­ma­liger Natio­nal­spieler erkannt zu werden. Die können keine Kapuze abziehen. Und für diese Men­schen mache ich mich stark. Des­wegen erzähle ich diese Geschichten.

Die schlimmste Erfah­rung beim Fuß­ball habe ich 1997 in Cottbus gemacht. Bei Han­nover spielte damals auch mein Freund Otto Addo. Wir wurden 90 Minuten ras­sis­tisch beschimpft, von der Tri­büne, aber auch auf dem Platz. Es flogen Bananen. Die wollten Otto und mich fer­tig­ma­chen. Später wurde ich oft gefragt, warum ich in sol­chen Situa­tion den Platz nicht ver­lasse. So wie es zum Bei­spiel Kevin-Prince Boateng getan hat, als er ras­sis­tisch ange­feindet wurde. Ich kann ihn ver­stehen, aber jeder muss das für sich selbst ent­scheiden. 2006 in Ros­tock, als es auch schlimm war, fragte mich mein Trainer sogar, ob er mich run­ter­nehmen solle. Ich lehnte ab, weil ich dachte, die Ras­sisten hätten dann erreicht, was sie wollten. Ich spielte also weiter, wir gewannen 9:1, und ich machte zwei Tore. Trotzdem war ich an jenem Tag sehr traurig und wütend, schließ­lich hatten wir noch wenige Wochen zuvor alle gemeinsam das Som­mer­mär­chen gefeiert. Eine WM, die, so sah es nach außen aus, alle Länder und Natio­na­li­täten ver­ei­nigte.

Ich habe mich damals gefragt, ob Deutsch­land wirk­lich das Land ist, das ich reprä­sen­tieren will. Aber ich habe auch gesehen, dass es viele Leute gibt, die es gut finden, dass ich Deut­scher bin und für die DFB-Elf spiele. Und dass diese Leute in der Mehr­heit sind.

Natür­lich betrübt es mich, dass wir 2020 immer noch über Ras­sismus spre­chen. Es ist auch hart, dass ein Spieler immer noch im Sta­dion ras­sis­tisch belei­digt wird, wie es Anfang des Jahres bei einem Spiel zwi­schen Münster und Würz­burg geschehen ist. Ande­rer­seits hat mich die Reak­tion der Zuschauer glück­lich gemacht. Die Preußen-Fans haben den Ras­sisten gemeinsam aus dem Sta­dion beför­dert und sich mit dem beschimpften Spieler Leroy Kwadwo soli­da­ri­siert. Sie sind auf­ge­standen gegen Ras­sismus. Sie haben den Mund auf­ge­macht. Das ist so wichtig.

CEBIO SOUKOU

Geboren und auf­ge­wachsen in Bochum. Wech­selte 2019 von Hansa Ros­tock zu Arminia Bie­le­feld und debü­tierte im selben Jahr für die Natio­nal­mann­schaft Benins.

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Ich habe Situa­tionen erlebt, die man als ras­sis­tisch inter­pre­tieren könnte. Vor einiger Zeit wollte ich zum Bei­spiel bei einem Juwe­lier einen Ver­lo­bungs­ring kaufen. Ich sagte dem Ver­käufer, der Preis sei egal, aber er zeigte mir Ringe für dreißig Euro. Ich sagte, nein, die gefallen mir nicht. Darauf sagte er, dass die anderen ver­mut­lich zu teuer seien. Ich sagte noch mal: Der Preis spielt keine Rolle.“ Er schien irri­tiert, und ich blickte zur Seite. Am Nach­bar­tresen wurde ein weißes Paar sehr viel freund­li­cher und kom­pe­tenter bedient. Dort spielte der Preis tat­säch­lich keine Rolle.

Ich habe mich danach gefragt, ob es an meiner Haut­farbe lag. Dachte der Mann, ein Schwarzer könnte sich teuren Schmuck nicht leisten? Oder aber hatte es doch eher mit meinem Outfit zu tun? Das weiße Paar war jeden­falls sehr seriös ange­zogen, ich trug eine Trai­nings­hose, Fuß­baller-Style eben.

Ich möchte Ras­sismus nicht klein­reden. Ich weiß, dass wir auch in Deutsch­land ein Pro­blem damit haben. Aber ich emp­finde einige Momente, die andere als ras­sis­tisch ein­stufen, nicht als ras­sis­tisch. Oder anders: Auch weiße Freunde von mir kommen nicht immer in Dis­ko­theken rein. Weil sie die fal­sche Klei­dung tragen oder aus anderen faden­schei­nigen Gründen. Ich habe das Gefühl, dass es da draußen viele Men­schen gibt, die gerne ihre Macht­po­si­tion aus­nutzen. Tür­steher oder Poli­zisten. Und oft spielt Geld eine wich­tige Rolle. Ich komme erst in Clubs, seit ich vorher anrufen und mir einen Tisch reser­vieren kann.

Das fand ich brutal geil“

Ich kenne natür­lich die Frage nach der Her­kunft. Ist sie ras­sis­tisch? In einer Fuß­ball­mann­schaft stammt selten jemand aus der Stadt, in der man spielt. Also wirst du als Neuer ständig gefragt, wo du her­kommst. Es kommt doch immer drauf an, wie die Frage gestellt wird. Wenn ich merke, die Leute stehen mir positiv gegen­über und sind neu­gierig und inter­es­siert, dann ant­worte ich auch. Ich sage dann: Aus Bochum, mein Vater ist aus Benin, meine Mutter gebür­tige Deut­sche, schau mal, ich bin nicht ganz so dunkel.

Ich glaube, in den USA ist der Ras­sismus viel extremer. Der Tod von George Floyd hat mich scho­ckiert und sehr beschäf­tigt. Ich habe danach über ein State­ment nach­ge­dacht. Wenn ich im darauf fol­genden Spiel ein Tor geschossen hätte, hätte ich auf meine Haut unter dem Auge gezeigt. Aber ich habe kein Tor geschossen. Erst vier Spiele später, da war das irgendwie zu spät, glaubte ich.

Glück­lich gemacht hat mich die Reak­tion der Fans in Münster, nachdem Leroy Kwadwo ras­sis­tisch belei­digt wurde. Sie haben den Rufer in ihren eigenen Reihen aus­findig gemacht und hin­aus­ge­worfen. Am nächsten Spieltag gab es auch bei uns im Sta­dion die Durch­sage, dass Arminia keine Ras­sisten tole­riert. Und wenn sich doch jemand ras­sis­tisch äußert, bekommt er lebens­langes Sta­di­on­verbot. Danach hat das ganze Sta­dion applau­diert. Das fand ich brutal geil.

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OTTO ADDO

Geboren und auf­ge­wachsen in Ham­burg. Spielte in der Bun­des­liga u. a. für Han­nover 96 und Borussia Dort­mund. Für die Natio­nal­mann­schaft Ghanas bestritt er 15 Län­der­spiele. Arbeitet heute als Talente-Trainer beim BVB.

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Wit­ters

Noch heute kann ich mich an das Auto erin­nern: ein gelber VW-Käfer. Es war Mitte der Acht­ziger, ich war zehn oder elf Jahre alt und spielte beim Hum­mels­büt­teler SV, einem Klub im Ham­burger Norden. Meine Mutter war allein­er­zie­hend und arbei­tete viel, des­halb konnte sie mich nicht zum Trai­ning bringen. Also fuhr ich mit dem Rad. Und irgend­wann war da dieser gelbe Käfer, in dem ein paar Nazis saßen, die nichts Bes­seres zu tun hatten, als mich auf meinem Nach­hau­seweg vom Trai­ning mit Bier­fla­schen zu bewerfen. Manchmal stieg auch jemand aus, um im Voll­sprint hinter mir her­zu­jagen. Ich ver­suchte zu ent­kommen, indem ich Wege nahm, die man mit dem Auto nicht befahren konnte. Ich machte rie­sige Umwege, ver­steckte mich in Büschen. Auf keinen Fall durften sie her­aus­finden, wo ich wohnte. Manchmal war ich erst um 22 Uhr zu Hause, obwohl unser Trai­ning bereits seit 18.30 Uhr beendet war. Meiner Mutter erzählte ich, ich hätte noch mit Freunden geschnackt. Die Wahr­heit wollte ich nicht ver­raten, weil ich Angst hatte, sie würde mich dann nicht mehr zum Fuß­ball lassen. Das war meine größte Sorge. Die Angriffe und Jagd­szenen haben mich weniger belastet. Ich wollte nicht dar­über nach­denken, was mir da eigent­lich pas­sierte. Obwohl Freunde von mir auch im Kran­ken­haus lan­deten, nachdem sie ver­prü­gelt worden waren. Aber das war eben unser Alltag.

Ras­sismus war für mich als Kind all­ge­gen­wärtig. Meine Schwester und ich waren die ein­zigen Dun­kel­häu­tigen auf unserer Schule. Da musste ich mich erst mal behaupten, da gab es anfangs die eine oder andere Schlä­gerei, wenn jemand mich oder meine Schwester belei­digte: Das N‑Wort fiel oft, andere sagten: Ihr stinkt!“ Die Kinder waren damals anders erzogen.

Beim Fuß­ball wurde es nicht besser. Mit 16 Jahren wech­selte ich zum Ham­burger SV. Auf dem Rückweg vom Trai­ning musste ich häufig an der U‑Bahn-Hal­te­stelle Garstedt vorbei. Das war damals ein beliebter Treff­punkt für Skin­heads. Oft war ich mit einem per­si­schen Freund unter­wegs, der wie ich in Pop­pen­büttel wohnte. Und immer mussten wir an diesem Mob vorbei. Wenn wir wussten, die Bahn kommt um 58, sprin­teten wir um 57 los, um keine Sekunde länger als nötig im Bahnhof zu ver­bringen. Wenn wir Pech hatten, ver­folgten sie uns den­noch. Es gab aller­dings einen sehr netten Schaffner, der direkt hinter uns die Türen schloss. Mein Kumpel und ich hielten dann von innen die Tür zu. Das ging aber nur, wenn es nicht zu viele waren. An Tagen, an denen sich dort zwanzig oder dreißig Nazis ver­sam­melten, gingen wir gleich eine ganze Bahn­sta­tion zu Fuß. Auch wenn das eine Stunde länger dau­erte. Es gab zwar einige Eltern, die ihre Jungs mit dem Auto abholten und sogar in unsere Rich­tung fuhren. Aber wir fragten nicht, ob sie uns mit­nehmen könnten, weil wir das Gefühl hatten, das wären unnö­tige Umstände für sie. Sie waren berufs­tätig und gestresst. Außerdem hatten wir ja selbst nichts anzu­bieten.

Als weiße Familie wäre uns das so nie pas­siert“

Auch im Sta­dion habe ich Ras­sismus erlebt. Den­noch blieb ich immer ruhig. Ich hatte mein Ziel vor Augen, wollte unbe­dingt Profi werden und wusste: Wenn ich auf solche Dinge reagiere, würde mich der Trainer nicht spielen lassen. Wer Profi werden wollte, musste seine Emo­tionen im Griff haben. Das hatten nicht alle. Einmal hatte ein Mit­spieler von mir in der Regio­nal­liga die Nase voll. Nachdem er durch­ge­hend mit Affen­lauten belei­digt worden war, nahm er sich den Ball und schoss ihn in Rich­tung der Zuschauer. Er hatte aller­dings bereits Gelb gesehen und flog dann mit Gelb-Rot vom Platz. Unser Trainer hatte zwar ein gewisses Ver­ständnis für die Aktion, machte aber auch deut­lich, dass er sich gewünscht hätte, mein Mit­spieler wäre ruhiger geblieben. Profi geworden ist er übri­gens nicht.

Diese Zeiten sind zum Glück vorbei. Doch auch heute mache ich immer noch Erfah­rungen, die ich aus­schließ­lich mit meinen dun­kel­häu­tigen Freunden teile. Mit der Zeit ent­wi­ckelt man ein Gespür für gewisse Situa­tionen und weiß, bestimmte Blicke oder Gesten ein­zu­ordnen. Wenn ich in eine teu­rere Bou­tique gehe, merke ich, dass mich einige Mit­ar­beiter ganz beson­ders im Auge behalten, weil sie offenbar befürchten, ich könnte etwas klauen. Auch wenn ich etwas gekauft habe, ist es gut, wenn ich den Kas­senbon bei mir habe.

Erst vor einigen Wochen besuchten meine Familie und ich Freunde in Mön­chen­glad­bach. Auf der Rück­fahrt kam uns auf der Land­straße ein Poli­zei­auto ent­gegen und drehte dann sofort um. Wenn man solche Situa­tionen häu­figer erlebt hat, weiß man sofort, was kommt. Und so war es auch. Wir wurden ange­halten und anschlie­ßend über zehn Minuten dort fest­ge­halten – weil wir die Aus­weise unserer Kinder nicht dabei hatten. Wer nimmt die schon mit, wenn er mal Freunde besucht? Es war schon spät, unsere beiden Jungs mussten am nächsten Tag in die Schule. Als weiße Familie wäre uns das so nie pas­siert. Unser Alltag sieht anders aus. Auch heute noch.

LEROY KWADWO

Geboren in Herten und auf­ge­wachsen in Wat­ten­scheid. Sein Vater kam 1980 aus Ghana zum Stu­dieren nach Deutsch­land und spielte in der dritt­klas­sigen Ober­liga. Leroy Kwadwo spielte für die zweiten Mann­schaften von Düs­sel­dorf und Schalke und seit 2019 bei den Würz­burger Kickers. Anfang des Jahres wurde er bei einem Spiel in Münster ras­sis­tisch belei­digt.

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Es war in der 85. Minute. Ein Spieler wurde aus­ge­wech­selt, es gab eine kurze Spiel­un­ter­bre­chung. Ich stand an der Sei­ten­linie, als ich auf einmal Affen­laute hörte. Ich dachte, das kann doch nicht wahr sein. 2020 in einem deut­schen Fuß­ball­sta­dion. Ich ging zur Schieds­rich­terin und sagte ihr, dass ich ras­sis­tisch belei­digt werde. Dann sah ich auf der Tri­büne, wie die Zuschauer den Typen aus dem Sta­dion beför­derten. Danach riefen sie Nazis raus!“.

So einen direkten Ras­sismus hatte ich zuvor noch nie erlebt. Ich kannte das nur aus dem Fern­sehen oder alten Berichten aus den acht­ziger und neun­ziger Jahren. Mein Vater, der vor über dreißig Jahren aus Ghana nach Deutsch­land kam, hat mir mal von einem üblen Erlebnis erzählt. Er spielte für eine afri­ka­ni­sche Mann­schaft in Dort­mund. Bei einem Aus­wärts­spiel tauchten kurz nach dem Anpfiff aus dem Nichts zwanzig bis dreißig Neo­nazis auf und umzin­gelten das Team meines Vaters. Glück­li­cher­weise war ein Spieler Poli­zist, er ver­stän­digte blitz­schnell seine Kol­legen, die zur Hilfe kamen.

Heute würde ich sie zur Rede stellen“

Nach dem Vor­fall in Münster im Februar bekam ich viele auf­mun­ternde Nach­richten, trotzdem musste ich das Erlebnis ein paar Tage lang ver­ar­beiten. Ich habe auch über meine frü­heren Erfah­rungen mit Ras­sismus nach­ge­dacht. Ras­sismus fängt ja schon in der Erzie­hung an. Bei Kin­der­bü­chern, in denen nur weiße Men­schen zu sehen sind. Bei den stän­digen Fragen nach der Her­kunft, wenn deine Haut­farbe nicht weiß ist. Aller­dings gehörte das gar nicht so sehr zu meiner Lebens­rea­lität. Ich bin in einer mul­ti­kul­tu­rellen Ecke in Wat­ten­scheid auf­ge­wachsen. Mein Freun­des­kreis war total gemischt, auch Leroy Sané hing mit uns ab. Hier war es wichtig, ob du ein guter Typ bist oder wie gut du Fuß­ball spielen kannst. Nie­mand hat sich dafür inter­es­siert, woher deine Eltern kommen.

Später wurde ich aber sen­si­bler für das Thema. Ich fragte mich, warum mich Leute auf Eng­lisch anspre­chen – in der Ein­kaufs­straße einer deut­schen Stadt. Oder warum mich Per­sonen ver­ächt­lich mus­tern. So was pas­sierte mir oft mit einer Kas­sie­rerin in einem Super­markt. Durch ihre abwer­tenden Blicke gab sie mir zu ver­stehen, dass sie meine Haut­farbe nicht mag. Damals bin ich ein­fach nicht mehr in den Super­markt gegangen. Ich habe es geschluckt, hin­ge­nommen. Heute würde ich sie zur Rede stellen. Und ich würde hoffen, dass sich Mit­men­schen soli­da­risch zeigen und eben­falls den Mund auf­ma­chen. So wie in Münster. Denn das ist so wichtig.

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PABLO THIAM

Geboren in Conakry, Guinea. Kam 1979 als Fünf­jäh­riger nach Deutsch­land und spielte in der Bun­des­liga für Köln, Bayern, Stutt­gart und Wolfs­burg. Zwi­schen 1993 und 2001 machte er 18 Län­der­spiele für Guinea.

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Gerne spreche ich nicht über Ras­sismus. Es ist nicht ange­nehm für mich, und ver­mut­lich geht es anderen Men­schen mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund ähn­lich. Aber wir leben mitt­ler­weile in einer Zeit, in der es immer wich­tiger wird, ein Bewusst­sein dafür zu ent­wi­ckeln, dass Ras­sismus exis­tiert. Wir müssen eine ehr­liche Debatte über das Thema führen, ohne zu spalten.

Noch vor wenigen Jahren dachte ich, wir seien auf einem guten Weg. Nicht nur im Fuß­ball. Die Men­schen, so war mein Ein­druck, fanden die Idee einer bunten und offenen Gesell­schaft gut. Sie wollten reisen und inter­na­tional leben. Dann aber bekamen Rechts­po­pu­listen und Natio­na­listen großen Zulauf. Par­teien wie die AfD in Deutsch­land oder die PiS in Polen wurden popu­lärer, Männer wie Trump in den USA oder Orban in Ungarn ver­än­derten das Klima und das Voka­bular. Men­schen, die ohnehin anfällig waren für ras­sis­ti­sche Denk­muster, fühlten sich bestärkt. Was früher unsagbar war oder allen­falls am Stamm­tisch geäu­ßert wurde, ertönte plötz­lich aus der ver­meint­li­chen Mitte der Gesell­schaft. Es ist ein latenter Ras­sismus. Ein sub­tiler Ras­sismus. Ein unter­schwel­liger Ras­sismus.

Wir kamen in den Sieb­zi­gern aus Guinea nach Bonn. Mein Vater war Diplomat. Damals gab es weder in deut­schen Fuß­ball­sta­dien noch in deut­schen Ein­kaufs­pas­sagen son­der­lich viele Schwarze. Wir waren Exoten. Wir wurden ange­schaut und ange­fasst, und oft wurde ich gefragt: Wo kommst du her?“ Damals habe ich mir wenig dabei gedacht. Das Neue und das Andere, so schien es mir, war für die Men­schen eben ein biss­chen auf­re­gend.

Heute aber macht es mich traurig, wenn meine Kinder diese Frage hören. Und wenn sie ant­worten, dass sie aus Berlin kommen, wollen die Men­schen wissen, wo sie wirk­lich her­kommen. Was sollen sie sagen? Sie waren noch nie in ihrem Leben in Afrika. Ich kenne auch Sätze wie Sie spre­chen aber gut Deutsch“. Ja, und warum nicht? Ich will, dass man meine Kinder oder auch mich als Mensch betrachtet und nicht als jemand, der irgendwo her­kommt. Ich bin Deut­scher. Ich bin hier auf­ge­wachsen, zur Schule gegangen, ich arbeite hier und zahle meine Steuern hier.

Als wir in eine Dis­ko­thek gingen, war­teten dort junge Typen mit Bom­ber­jacke und Glatze“

Im Fuß­ball erschien es in den neun­ziger Jahren uto­pisch, dass eine ganze Mann­schaft vom Feld ging, weil ein Mit­spieler mit Affen­lauten beschimpft wurde. Mir wurde erklärt: Mach ein gutes Spiel, steh drüber, das ärgert diese Schreier am meisten!“ Oder: Die kennen halt keine Schwarzen, das ist neu für sie.“ Man kon­fron­tierte die Ras­sisten nicht, man musste das Thema mit sich selbst aus­ma­chen.

Damals war der Ras­sismus noch viel deut­li­cher sichtbar. Und auch wenn ich vielen Leuten im Osten Unrecht tue: Gerade in der ehe­ma­ligen DDR war mir unwohl. Ich erin­nere mich an eine Reise mit dem 1. FC Köln durch Sachsen, wir sind über Dörfer und Klein­städte gefahren, wir waren sogar in Hoyers­werda. Sunday Oliseh und ich wurden bei Freund­schafts­spielen übel belei­digt, und als wir einmal in eine Dis­ko­thek gingen, war­teten dort junge Typen mit Bom­ber­jacke und Glatze. Ich habe mich umge­dreht und bin im Taxi zurück zum Hotel gefahren. Ich wollte der Kon­fron­ta­tion aus dem Weg gehen.

Diese Bilder hatten sich so ein­ge­brannt, dass ich später sogar mal ein Angebot von Hertha BSC abge­lehnt habe. Dieter Hoeneß warb um mich, aber Berlin war für mich Ost­deutsch­land, und das schien mir kein guter Ort für einen Schwarzen zu sein. Mitt­ler­weile mag ich die Stadt, ich lebe seit fast 18 Jahren hier. In einem Viertel, in dem es normal ist, Men­schen mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund zu sehen.

Ich ver­suche seit Jahren, einen rich­tigen Umgang mit dem Thema zu finden. Ganz ehr­lich: Es ist nicht ein­fach. Vor einigen Jahren etwa waren wir mit der U23 des VfL Wolfs­burg bei einem Spiel im Raum Olden­burg. Ein Zuschauer hat mich mit dem N‑Wort belei­digt und gesagt, ich solle dahin gehen, wo ich her­komme. Ich habe anders gehan­delt als in meiner aktiven Zeit, ich habe mich gewehrt und Anzeige erstattet, es gab auch Zeugen. Wochen ver­gingen, Monate, der Rechts­streit ver­la­gerte sich auf den pos­ta­li­schen Weg. Irgend­wann ließ ich die Sache im Sande ver­laufen. Viel­leicht weil es mir zu anstren­gend geworden war, viel­leicht weil mein Ärger ver­flogen war.

Wenn es eine gute Sache in den Tagen und Wochen nach George Floyd gab, dann die breite Dis­kus­sion über das Thema. Ich glaube zwar, dass wir leider auch in dreißig Jahren noch über Ras­sismus spre­chen werden, trotzdem stimmt mich die neue Genera­tion opti­mis­tisch. Die jungen Men­schen posi­tio­nieren sich mehr als früher. Sie fragen sich, ob Denk­mäler von Ras­sisten oder Kolo­ni­al­herren hero­isch in den Städten zu sehen sein müssen. Sie gehen auf Demos gegen Rechts. Sie erheben ihre Stimmen gegen die Ras­sisten. Ganz egal, ob sie selber eine Migra­ti­ons­ge­schichte haben oder auch nicht. Das macht mich froh.

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