Dieser Text erschien in Heft #225. Erhält­lich bei uns im Shop. Hier ist er erst­mals in voller Länge online zu lesen.

Im Dezember 1990 schrieben Anthony Baffoe, Anthony Yeboah und Sou­ley­mane Sané einen offenen Brief, in dem sie um Soli­da­rität im Kampf gegen Ras­sismus baten. Der Titel lau­tete: Wir sind kein Frei­wild.“ Damals wurden schwarze Spieler in Sta­dien jede Woche ras­sis­tisch belei­digt, sie wurden mit Bananen beworfen und ihre Ball­be­rüh­rungen von Affen­rufen begleitet. Es hat sich seitdem einiges zum Guten ver­än­dert im deut­schen Fuß­ball, viele Kurven sind bun­tere Orte geworden. Trotzdem: Der Ras­sismus ist nicht ver­schwunden. Nicht aus den Sta­dien, nicht aus der Rea­lität der schwarzen Spieler. Dieses Jahr wurden Her­thas Jordan Tor­u­na­righa und der Würz­burger Leroy Kwadwo ras­sis­tisch belei­digt, und der ehe­ma­lige Schalke-Auf­sichtsrat Cle­mens Tön­nies fabu­lierte über die Afri­kaner“ und deren Paa­rungs­ver­halten. Dann starb George Floyd bei einer Poli­zei­kon­trolle. Wenn es etwas Gutes an seinem gewalt­samen Tod gegeben hat, ist es viel­leicht eine neue glo­bale Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Thema Ras­sismus. Denn Ras­sismus beginnt nicht erst am AfD-Wahl­stand oder mit Affen­rufen. Er beginnt viel früher.

CHRIS­TO­PHER AVEVOR

Geboren und auf­ge­wachsen in der Nähe von Kiel. Spielte als Profi u. a. für Han­nover und Düs­sel­dorf, ehe der 2016 zum FC St. Pauli wech­selte. Dort ist der Ver­tei­diger seit 2019 Kapitän. Enga­giert sich bei der inter­na­tio­nalen Initia­tive Show Racism the Red Card“.

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Wit­ters

Will Smith hat neu­lich gesagt, der Ras­sismus ist nicht schlimmer geworden, er werde nun ledig­lich gefilmt. Ich glaube, das beschreibt es gut. Denn Ras­sismus ist und war immer da. In ganz ver­schie­denen Formen. Und er wird ganz unter­schied­lich wahr­ge­nommen. Ich habe als Kind zum Bei­spiel Erfah­rungen gemacht, die ich damals nicht als ras­sis­tisch gewertet habe, aber im Rück­blick ras­sis­tisch nennen würde.

Ich erin­nere mich gut an meine theo­re­ti­sche Prü­fung für den Rol­ler­füh­rer­schein. Ich fiel dreimal durch, obwohl ich jedes Mal gelernt hatte und die Fragen beant­worten konnte. Beim ersten Mal dachte ich: Blöd, dann halt noch mal. Beim zweiten Mal wurde ich skep­tisch. Beim dritten Mal sagte mein Fahr­lehrer: Da kann was nicht stimmen.“ Er ließ sich meine Prü­fungs­bögen geben, und siehe da, eigent­lich hätte ich schon beim ersten Mal bestanden. Mein Fahr­lehrer erklärte mir damals, dass der Prüfer etwas gegen mich habe. Wegen meiner Haut­farbe, wegen meiner afri­ka­ni­schen Wur­zeln. Ich nahm das so hin, ver­standen habe ich es nicht. Warum wollte der Mann mir Schlechtes? Er kannte mich nicht, ich hatte ihm nichts getan. Ras­sisten, das hatte ich bis dahin gedacht, waren Typen, die Schwarze mit dem N‑Wort beschimpfen und mit ihren Base­ball­schlä­gern auf sie los­gingen.

Ich bin auf­ge­wachsen in einem kleinen Ort zwi­schen Eckern­förde und Kiel. Mein Vater stammt aus Ghana, meine Mutter ist gebür­tige Deut­sche. Ich hatte eine gute Kind­heit und Schul­zeit. Ich hatte jeden­falls wegen meiner Haut­farbe nie Angst, durch die Straßen zu gehen. Es gab keinen Grund dazu. Bis zu jenem Tag am Bahnhof.

Ich war damals 13 oder 14 Jahre alt, und meine Stief­schwester und ich wollten nach Kiel fahren. Als wir zum Bahnhof kamen, tau­melten drei Männer aus einer Kneipe und beschimpften mich ras­sis­tisch. In mir kam ein Gefühl hoch, das ich bis dahin nicht gekannt hatte: eine Mischung aus großer Trau­rig­keit und starker Wut. Ich rannte auf die Männer zu, ein Schul­junge gegen drei Erwach­sene, eine ver­rückte Idee. Zu meiner Über­ra­schung drehten die Männer um und rannten zu ihrem Auto. Sie öff­neten den Kof­fer­raum. Dann drehten sie sich wieder zu uns und kamen mit Base­ball­schlä­gern und Spring­mes­sern auf uns zu. Ich nahm meine Stief­schwester. Wir sind ein­fach nur gerannt.

Als Schwarzer ist man immer ver­dächtig“

Wir ver­steckten uns in der Stadt und schli­chen erst wieder zum Bahnhof, als der Zug ein­fuhr. Blitz­schnell sprangen wir in den Waggon und schauten aus dem Fenster. Die drei Männer waren immer noch da, sie fuhren in ihrem Wagen um den Bahnhof. Sie hatten sich sogar Ver­stär­kung geholt. Sie waren auf der Suche nach uns. Ich weiß nicht, warum das so ist, aber das Auto hat sich in meine Erin­ne­rung gebrannt: ein Audi A4 in einem sehr häss­li­chen Blau. Was stimmte nicht bei diesen Typen?

Ich habe mich mit der Zeit an vieles gewöhnt und mir auch ein kleines Fell zuge­legt. Solange mich nie­mand direkt belei­digt, mache ich mir keinen Kopf um Gesten oder Blicke, die son­derbar wirken. Die viel­leicht von anderen Schwarzen, die in ihrem Leben mehr Ras­sismus als ich erlebt haben, als ras­sis­tisch gesehen würden. Vieles ist ja auch Inter­pre­ta­tion mei­ner­seits. Aber es gibt ganz klas­si­sche Situa­tionen, die immer wieder kommen und bei denen es nichts zu inter­pre­tieren gibt. Die zum Alltag gehören. Vor allem: Poli­zei­kon­trollen. In einem schi­cken Auto hat man als Schwarzer, salopp gesagt, die Arsch­karte gezogen. Ich habe es erlebt, dass Poli­zisten Action­film-artige Wen­de­ma­növer machen, wenn sie mich am Steuer sehen. Als Schwarzer ist man immer ver­dächtig.

Das musste ich auch erleben, als ich voriges Jahr mit ein paar Kum­pels von einem Kon­zert kam. Ein paar Freunde mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund waren dabei, vier Schwarze, aber auch weiße Deut­sche. Es war ein tolles Kon­zert, die Stim­mung war aus­ge­lassen. Bis zwei Poli­zisten uns anhielten und meinen besten Freund aus der Gruppe zogen. Angeb­lich, so sagten die Beamten, passe die Beschrei­bung eines Han­dy­diebs auf ihn. Sie nahmen Per­so­na­lien auf und unter­suchten meinen Freund. Natür­lich fanden sie keine Die­bes­ware, denn er war ja nicht der Gesuchte. Es war reine Willkür und Schi­kane, und wir haben ordent­lich Theater gemacht. Irgend­wann sagte der eine Poli­zist: Du kannst froh sein, dass wir deinen Freund hier nicht direkt über­wäl­tigt haben.“ Was für eine Aus­sage, dachte ich. Und dann sagte ich: Wir sind hier immer noch in Deutsch­land!“

STRELY MAMBA

Geboren und auf­ge­wachsen im baden-würt­tem­ber­gi­schen Kuchen, Land­kreis Göp­pingen. Ist einer der besten fünf Stürmer in der Ver­eins­ge­schichte von Energie Cottbus. Seit 2019 spielt er für den SC Pader­born und schoss in der abge­lau­fenen Saison sechs Tore, zwei davon beim 3:3 gegen den BVB.

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China Hopson

Meine Eltern sind aus dem Kongo nach Deutsch­land geflohen und haben hier, in Kuchen in Baden-Würt­tem­berg, Asyl bean­tragt. Bis ich sieben Jahre alt war, lebten wir gemeinsam mit meiner Schwester in einer Con­tainer-Unter­kunft. Wir hatten zwei kleine Räume für uns vier, ein Schlaf­zimmer und ein Wohn­zimmer. Küche, Toi­lette und Bade­zimmer haben wir uns mit anderen Men­schen geteilt. Ich per­sön­lich habe meine Kind­heit trotzdem als sehr schön in Erin­ne­rung, ich kannte es ja nicht anders. Des­wegen war ich immer mit dem zufrieden, was wir hatten. Auch wenn es nicht viel war – bezie­hungs­weise eigent­lich fast gar nichts. Meine Eltern hatten zum Bei­spiel nicht das Geld, um mir einen Fuß­ball zu kaufen. Aber eines Tages war im Nah­kauf ein Bas­ket­ball im Son­der­an­gebot – da haben sie dann zuge­schlagen. Von da an habe ich halt mit einem Bas­ket­ball gekickt.

Ras­sis­ti­sche Erfah­rungen habe ich in dieser Zeit eigent­lich keine gemacht. Höchs­tens in der Form, dass alle immer dachten, ich würde beim Bas­ket­ball total abgehen. Da waren die Erwar­tungen stets: Ein dun­kel­häu­tiger Junge? Der muss doch Bas­ket­ball zocken können! Aber das war bei mir nicht der Fall. Dazu fehlte mir ein­fach die Kör­per­größe. Und: Mein Name wird bis heute falsch geschrieben. Eigent­lich heiße ich Strely“, aber da sich das y“ wie ein i“ spricht, wurde ich irgend­wann ein­fach immer Streli geschrieben. So haben es die Behörden in meinen ersten Aus­weis gedruckt, so steht es dem­entspre­chend auch in meinem Spie­ler­pass. Jetzt ist es wohl zu spät, daran noch zu rüt­teln. Obwohl mir die Schreib­weise meiner Eltern eigent­lich lieber ist.

Richtig umge­schaut habe ich mich zum ersten Mal, als ich von Sand­hausen II nach Cottbus gewech­selt und dort am Haupt­bahnhof aus­ge­stiegen bin. Ich dachte nur: Wo bin ich hier denn gelandet?“ Jede Stadt ver­sprüht ja eine Atmo­sphäre, und egal wo man hin­kommt, man ent­wi­ckelt immer recht schnell ein Gefühl für den Vibe einer Stadt. Und in Cottbus war dieser Vibe für mich zunächst nicht son­der­lich ein­la­dend: Die Leute guckten mich komisch an, es war grau, im Ver­gleich zum Süd­westen wirkte alles etwas ver­krampft. Aber ich dachte mir: Scheiß drauf.“ Und ich habe mit der Zeit auch dort tolle Men­schen ken­nen­ge­lernt, und die Stadt selber, mit dem his­to­ri­schen Markt­platz und der Alt­stadt, ist nicht nur grau, im Gegen­teil, es gibt tolle Ecken. Aber Fakt ist auch: Wenn die Leute mich als dun­kel­häu­tigen Men­schen in einem schi­cken Auto gesehen haben, haben sie komisch geguckt. Genauso, wenn ich mit etwas teu­reren Kla­motten durch die Stadt gelaufen bin. Es gab komi­sche Blicke – oder dumme Bemer­kungen.

Ist das sein Ernst? Sehe ich aus, als käme ich vom Mars?“

Ich wurde auch ras­sis­tisch belei­digt. Einmal war­tete ich am Bür­ger­steig auf einen Freund, der mich mit dem Auto abholen wollte. Dann kam gleich ein Typ an: Gehen Sie sofort von meinem Grund­stück!“ Ich meinte nur: Hä? Ich stehe doch auf dem Bür­ger­steig und warte nur kurz.“ Dann wurde es gleich ernst: Gehen Sie hier weg. Hauen Sie ab. Gehen Sie dahin, wo Sie her­kommen.“ Da meinte ich nur, dass ich aus Deutsch­land käme und wo ich seiner Mei­nung nach denn hin­gehen solle. Aber das war ein älterer Mann. Noch schlimmer emp­finde ich ras­sis­ti­sches Denken, wenn es von jungen Leuten kommt. Einmal war ich im Super­markt, hinter mir stand ein junger Kerl. Ich hatte meine Ein­käufe auf das Band gelegt, aber Kau­gummis ver­gessen, und musste des­halb noch mal kurz nach hinten in der Schlange, um welche zu holen. Ich ging also für einen Augen­blick weg, und sofort rutschte der Kerl vor mich. Also sagte ich: Ent­schul­di­gung, können Sie mich bitte vor­bei­lassen?“ Er reagierte nicht. Er dachte, die Stimme könne auf keinen Fall meine sein, weil es ja deut­sche Worte waren. Dann habe ich ihn ange­tippt. Er drehte sich um, guckte mich an und sagte: Du kannst ja deutsch …?“ Ich dachte nur: Ist das sein Ernst? Sehe ich aus, als käme ich vom Mars?

Einer­seits denke ich bei ras­sis­ti­schen Belei­di­gungen, wenn einer mich mit dem N‑Wort beschimpft: Das sind schwache Men­schen, die können sich nicht anders helfen und gehen des­wegen auf die Haut­farbe. Weil sie sich davon erhoffen, mich wirk­lich zu treffen. Ande­rer­seits denke ich: Das sind teil­weise die glei­chen Leute, die mir dann am Wochen­ende im Sta­dion zuju­beln. Und dann regt es mich natür­lich auf. Zur­zeit häufen sich die ras­sis­ti­schen Belei­di­gungen in Sta­dien ja auch wieder, in Ita­lien, in Eng­land. Und ich wäre der Erste, der vom Platz gehen würde, wenn so etwas bei einem Spiel von mir pas­sieren würde. Egal, wie es steht oder was das für Kon­se­quenzen hätte. Man darf Ras­sismus nicht tole­rieren. Ich bin fest davon über­zeugt: Alle Men­schen sind gleich. Wir atmen die gleiche Luft, egal ob schwarz, weiß, gelb oder rot. Ich bin nicht anders als Sie.

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