Neu­lich ist Sven Mis­lintat von seiner Frau darauf hin­ge­wiesen worden, dass der Keller drin­gend mal auf­ge­räumt werden müsste. Mis­lintat stammt aus Kamen, dort hat er ein Haus und dort leben auch seine Frau und Kinder. Er selber pen­delt zwi­schen der Stadt am Auto­bahn­kreuz, inter­na­tio­nalen Fuß­ball­sta­dien und London. Seit 14 Monaten ist er Head of Recruit­ment beim FC Arsenal, und des­halb erstaunt es nicht, dass der Keller etwas kurz gekommen ist.

Als der 46-Jäh­rige im November 2017 von Borussia Dort­mund zum eng­li­schen Tra­di­ti­ons­klub nach London wech­selte, war das in meh­reren Hin­sichten eine Sen­sa­tion. Zum ersten Mal wurde für einen Scout bzw. einen Kader­planer eine Ablö­se­summe bezahlt, Borussia Dort­mund kas­sierte einen sie­ben­stel­ligen Betrag. Zudem signa­li­sierte Arsenal mit der Ver­pflich­tung von Mis­lintat den Willen zum Neu­an­fang, denn bis dahin waren Scou­ting und Trans­fers von Arséne Wenger geleitet worden.

Wechsel zum eigenen Vor­bild

Mis­lintat schwärmt noch heute von seiner Zusam­men­ar­beit mit Wenger, nicht zuletzt, weil er sich an ihm zu Beginn seiner Kar­riere ori­en­tiert hatte. Denn um die Jahr­tau­send­wende war Arsenal ein Klub, der nicht ein­fach teuer ein­kaufte, son­dern große Talente erkannte und sie dann zu Stars ver­edelte. Also genau das, was Mis­lintat zusammen mit Dort­munds Manager Michael Zorc später auch beim BVB gelang. Euro­pa­weit bekannt als Scout wurde Mis­lintat dadurch, dass er seine Bosse dazu über­re­dete, einen japa­ni­schen Zweit­li­ga­spieler zu ver­pflichten: Shinji Kagawa. Aber auch viele andere Ver­pflich­tungen, die er anstieß, waren sen­sa­tio­nelle Erfolge, vor allem Pierre-Eme­rick Aub­ameyang und Ous­mane Dem­bélé, der inner­halb eines Jahres mit fast 100 Mil­lionen Euro Gewinn zum FC Bar­ce­lona ver­kauft wurde.

Unge­wöhn­lich macht die Arbeit von Mis­lintat, dass er tra­di­tio­nelles Scou­ting und daten­ge­stützte Ana­lysen mit­ein­ander kom­bi­niert. Er hat dazu sogar ein eigenes Unter­nehmen mit­ge­gründet, Matchmetrics, das High-End-Daten­ana­lyse für Klubs anbietet. Bei der Ver­pflich­tung von Lucas Tor­reira – der kleine Mit­tel­feld­spieler aus Uru­guay wurde sofort ein Lieb­ling der Arsenal-Fans – spielten Daten eine wich­tige Rolle. Mis­lintat hatte nach einem Spieler mit einem ähn­li­chen Daten­profil wie der fran­zö­si­sche Welt­meister N’Golo Kanté gesucht und stieß dabei auf den Mann von Sam­pdoria Genua. Der 19-jäh­rige Mattéo Guen­dozi vom fran­zö­si­schen Zweit­li­gisten Lorient fiel ihm hin­gegen bei der Spiel­be­ob­ach­tung auf, auch der junge Fran­zose eta­blierte sich bei Arsenal sofort.

Neue Hack­ord­nung

Seine wei­teren Trans­fers im letzten Winter und ver­gan­genen Sommer gingen eben­falls auf, nicht zuletzt die Ver­pflich­tung von Aub­ameyang oder die von Bernd Leno, der Keeper Petr Cech im Tor ablöste. Aller­dings geriet Mis­lintat bald in eine kom­pli­zierte Situa­tion. Zunächst endete die Ära Wenger bei Arsenal, dann ver­ließ auch noch der Vor­stands­vor­sit­zende Ivan Gazidis den Klub, er über­nahm den AC Mai­land. Sein Job wurde auf zwei Posten ver­teilt. Fuß­ball­di­rektor wurde der Spa­nier Raul Sanl­lehi, die Geschäfts­seite über­nahm der Eng­länder Vinai Ven­ka­tesham. Sanl­lehi hatte vorher beim FC Bar­ce­lona gear­beitet und dort etwa den Transfer von Neymar nach Kata­lo­nien ein­ge­fä­delt.

Durch diese Umbe­set­zungen geriet die ursprüng­liche Pla­nung, Mis­lintat zum Tech­ni­schen Direktor zu machen, ins Wanken. Vor allem trafen mit Sanl­lehi und Mis­linat zwei unter­schied­liche Kul­turen auf­ein­ander: Der Spa­nier ist ein Mann der Berater und Netz­werke, der Deut­sche ist zwar eben­falls bes­tens ver­netzt, agiert aber immer von einem klar ana­ly­ti­schen Stand­punkt aus.

Kein Angebot der Bayern

Das, so scheint es, war zuletzt nicht mehr zusam­men­zu­bringen, wes­halb Mis­lintat und Arsenal absehbar getrennter Wege gehen werden. Für den Klub, der ihn ver­pflichtet hatte, um an seine Wur­zeln zu Beginn der gol­denen Wenger-Jahre zurück­zu­kehren, ist das kein gutes Zei­chen. Mis­lintat hin­gegen wird sich über seine Zukunft keine Sorgen machen müssen, auch wenn es für ihn kein Angebot des FC Bayern gibt, wie viele eng­li­sche Medien ges­tern gemeldet haben. Um eins wird er aber nicht mehr her­um­kommen: Er wird den Keller auf­räumen müssen.