Als Mabel Arnold die Torte mit den drei bren­nenden Kerzen über­reicht bekommt, wird minu­ten­lang gescherzt. Die habe ich selbst geba­cken“, ver­spricht West Hams dama­liger Trainer Slaven Bilić mit einem Augen­zwin­kern. Es ist Arnolds 101. Geburtstag, das gesamte Team von West Ham United steht zum Gra­tu­lieren in Reih und Glied an. Arnold bedankt sich brav bei jedem Ein­zelnen per Hän­de­druck, ist sichtbar gerührt und geistig voll da. Alles, was in diesem Moment pas­siert, zeigt West Ham als das, was Arnold immer als beson­ders emp­fand: Chelsea und Arsenal gehören zu den besser gestellten Teilen Lon­dons und ich mag solche Clubs, aber im Upton Park gibt es diesen Sinn für Gemein­schaft.“

Post von der Queen

Dieses Gefühl tritt vor allem am 10. Mai 2016 hervor. Es ist das letzte Heim­spiel der Ham­mers im Upton Park, bevor die Bagger zum Abriss anrollen werden. Nach dem 3:2‑Sieg gegen Man­chester United star­tete eine Ver­ab­schie­dung des alten Grounds, die erst nach Mit­ter­nacht enden soll. Minu­ten­lange Videos mit den größten Szenen von Spiel­er­le­genden wie Sir Trevor David Broo­king oder Billy Bonds, die danach im Schein­wer­fer­licht höchst­per­sön­lich aus ein­fah­renden Lon­doner Taxis aus­steigen. Inmitten der Zere­monie kün­digt der Mode­rator indes eine very spe­cial young lady“ an, die alles über Loya­lität weiß“. Mable Arnold steht – stil­echt im Jersey – von ihrem Dau­er­kar­ten­platz des East Stands auf und erntet über­schwäng­li­chen Bei­fall.

Nur wenige Wochen zuvor hatte sie einen fan­tas­ti­schen (100.) Geburtstag“ gefeiert, bei dem ein­fach alles passte: Einige meiner Familie flogen von Bel­fast her und kamen im glei­chen Moment bei mir an wie der Post­bote, der mir einen Brief der Queen brachte.“ Auch die zehn Jahre jün­gere Königin Eli­sa­beth II. ist Fan der Ham­mers. Sie hatte also sicher nach­voll­ziehen können, dass sich Arnold trotzdem lieber drei Punkte“ wünschte, als ein Tele­gramm der Queen“.

Abfuhr nach Pokal­sieg

Arnolds per­sön­liche Geschichte ist immer nah an die des Ver­eins geknüpft. Das liegt vor allem daran, dass ihr Ehe­mann Dick über zwanzig Jahre als Coach und Scout tätig war und die berühmten Trainer Ron Green­wood und John Lyall unter­stützte. Als Green­wood die Ham­mers 1964 vor 98.000 Zuschauern zum ersten FA-Cup-Titel in Wem­bley führt, gehört beim anschlie­ßenden Ban­kett auch das Ehe­paar Arnold zu den Fei­ernden. Plötz­lich triit West Hams Kapitän und Frau­en­schwarm Bobby Moore hervor und for­dert Mabel zum ersten Tanz des Abends auf. Mable aber winkt ab, zeigt statt­dessen auf ihren Ehe­mann und sagt: Nein, er kommt zuerst“. Nicht genug der Abfuhr unter all­ge­meiner Belus­ti­gung, fügt sie später hinzu: Unser Bobby konnte nicht gut tanzen – er hatte Fuß­baller-Füße.“

Schick­sals­schläge nach dem Krieg

Dass Eng­lands spä­terer Welt­meister-Kapitän das Ehe­paar Arnold nicht einmal für einen lockeren Tanz trennen konnte, erzählt auch etwas über die innige Bezie­hung der beiden. Mabel wird am 2. April 1916 im Lon­doner Osten als eines von zehn Kin­dern geboren. In Europa tobt der Erste Welt­krieg, ein paar Monate nach Mabels Geburt richtet der Bom­ben­an­griff eines deut­schen Zep­pe­lins im Osten der Haupt­stadt schlimme Schäden an. In den Jahren nach dem Krieg wird ihre Familie von Schick­sals­schlägen heim­ge­sucht. Als sie 14 Jahre alt ist, so erzählt sie 2016 der lokalen Presse, stirbt ihr Vater. Nur zwei Jahre später ver­liert sie auch ihre Mutter. Als Wai­sen­kind kommt Mabel bei Young Women’s Chris­tian Asso­cia­tion“ (Christ­li­cher Verein Junger Frauen) unter. In dieser Zeit lernt sie einen jungen Mann kennen, der sie prompt ins Sta­dion mit­nehmen möchte. Mabel hei­ratet mit 19 Jahren nicht bloß einen Mann, son­dern dessen Club gleich mit.

Dick stirbt 1981, von jetzt an besucht Mabel die Heim- und Aus­wärts­spiele mit ihrem Sohn Graham, eines von vier Kin­dern. Auch privat ergeben sich in den Acht­zi­gern neue Wege. In ihrem Hei­mat­be­zirk Bar­king and Dag­genham wird sie Stadt­rätin und Bür­ger­meis­terin. In fuß­bal­le­ri­scher Hin­sicht ist der Bezirk einer der berühm­testen. Bar­king and Dag­genham, das steht für Ikone Booby Moore, Welt­meister-Coach Alf Ramsey und Terry Ven­ables, für John Terry oder West Hams ehe­ma­ligen Kult­stürmer Bobby Zamora – und nun auch für Mabel Arnold.

Trauer und Aner­ken­nung

Die Dau­er­karte bei West Ham behielt sie trotz ihres fort­schrei­tenden Alters. Das letzte Spiel, an dem Mabel teil­nehmen konnte, war das Lon­doner Derby gegen Tot­tenham Hot­spur. Nach circa 2000 Heim­spielen ist Mable Arnolds nun fried­lich ein­ge­schlafen. Neben großer Trau­rig­keit macht sich unter den Fans noch grö­ßere Aner­ken­nung breit, der auch West Ham beim Heim­spiel gegen Fulham nach­kommen wird. Und ein Fan ist sich ganz sicher: Wäh­rend wir trauern, wird sie viel­leicht tanzen – mit ihren Ehe­mann Dick oder sogar mit Bobby Moore. Auf jeden Fall aber mit West Ham United.“