Filippo Inz­aghi, 34, parkt seinen weißen Gelän­de­wagen auf dem Kiesweg. Vor dem Haus steht der 35-jäh­rige Tor­wart Željko Kalac, in der Bar bestellt der 37-jäh­rige Cafu einen Espresso. Es ist Mon­tag­nach­mittag, die Sonne scheint über Mila­nello – dem Trai­nings­ge­lände des AC Mai­land nörd­lich der Stadt – und die Spieler bereiten sich für das Ach­tel­fi­nale der Cham­pions League gegen Arsenal vor, eine Mann­schaft, die von der eng­li­schen Presse »Wenger’s young guns« beti­telt wird.



Im Pres­se­raum eine Etage tiefer stellt sich Trainer Carlo Ance­lotti den Jour­na­listen: Wie kann Arsenal dem Druck auf San Siro stand­halten? Wie kann Milan mit Arse­nals Tempo mit­gehen? Das erste Spiel im Emi­rates Sta­dium endete 0:0. »Ein 0:0 ist ein spe­zi­elles Ergebnis vor einem sol­chen Spiel«, sagt Ance­lotti. »Wir müssen alles richtig machen, intel­li­gent spielen, Geduld haben und die Kon­trolle gewinnen.« Ein ita­lie­ni­scher Jour­na­list hebt die Hand und meint: »Mila­nello ist in Anleh­nung an den letzten Film der Coen-Brüder ›A Country For Old Men‹ genannt worden. Glauben Sie ernst­haft, im Mai nach Moskau zu fahren und sich den Fuß­ball-Oscar holen zu können?« Ance­lotti lacht: »In unserem Alter bezeichnet man sich nicht so gerne als alt, man bevor­zugt den Begriff Rou­ti­nier. Aber wir werden alles tun, um ins End­spiel zu kommen.«

Milans Trainer ver­lässt das Podium und geht die Treppe zum Café hinauf. Alles ist in Rot, Schwarz und Weiß gehalten, die Wände sind geschmückt mit Pokalen und Fotos mit Spie­lern in Sie­ger­posen. Ance­lotti setzt das Gespräch mit den Jour­na­listen in kleiner Runde fort. Nach und nach kommen die auf das Trai­ning war­tenden Spieler dazu. Ich stelle mich an die Espres­sobar und betrachte das aktu­elle Mann­schafts­bild. Zu sehen sind Mas­simo Ambro­sini, in seiner vier­zehnten Saison bei den Profis, der 36-jäh­rige Serginho, der 36-jäh­rige Favalli und Emerson, der erst 32 ist, aber schon aus­sieht wie min­des­tens 47. Wenn nicht der Trai­ner­stab in der mitt­leren Reihe weiße Shirts statt der rot­schwarz-gestreiften Tri­kots anhätte, wäre es schwer, inmitten all der Herren in ihren besten Jahren die Spieler von den Trai­nern zu unter­scheiden. In der linken oberen Ecke posiert Ibrahim Ba, 35. Vor drei Jahren saß er bei Dju­r­går­dens Stock­holm fast nur auf der Bank. Was zum Teufel hat der hier zu suchen?

Manchmal wurden Spieler geholt, weil man sie nicht als Gegner wollte

Silvio Ber­lus­coni hat den AC Mai­land im März 1986 gekauft. Damals hatte der Verein die Serie A seit 1979 nicht mehr gewonnen. Mit Ber­lus­coni begann eine neue Ära. Man umwarb ein­hei­mi­sche Stars wie Roberto Dona­doni und Daniele Mas­saro, und für die fol­gende Saison wurden die hol­län­di­schen Super­stars Marco van Basten und Ruud Gullit ein­ge­kauft. Der Erfolg stellte sich sofort ein. 1988 holte Milan den Scu­detto, im Jahr darauf gewann man die Cham­pions League. Doch damit gab sich der Klub nicht zufrieden, Geld spielte keine Rolle. Am lau­fenden Band wurden nam­hafte Spieler ver­pflichtet, meist, weil sie in der Mann­schaft gebraucht wurden. Manchmal, weil man sie nicht als Gegner haben wollte. Trainer Arrigo Sacchi war einer der Ersten, der seinen Kader rotieren ließ, damit das Team die ganze Saison über­stand. Ber­lus­coni wie­derum scheute sich nicht zu sagen, dass Fuß­ball für ihn ein Geschäft sei – der Verein, sein Medi­en­im­pe­rium und die poli­ti­sche Kar­riere, alles ging Hand in Hand. Linke begannen, den Rechts­po­pu­listen Ber­lus­coni und sein Milan zu hassen. Die Gegner hassten den fast unschlag­baren AC und seine rei­chen Eigen­tümer. Der Klub spal­tete die Leute: Es war eine fan­tas­ti­sche Fuß­ball­mann­schaft, aber es war auch ein zusam­men­ge­kaufter Haufen, bei dem Super­stars auf der Bank saßen, anstatt die Zuschauer auf den Rängen zu unter­halten. Kurzum, der AC Mai­land war der Beginn einer neuen Ära im Fuß­ball.

Das alles ist 20 Jahre her. Heute wirkt Milan nicht mehr ganz so frisch. In einem Liga­spiel gegen Siena hatte die Startelf neu­lich ein Durch­schnitts­alter von 33 Jahren. Trainer Ance­lotti und seine Assis­tenten Tas­sotti und Cos­ta­curta sind alle­samt ehe­ma­lige Milan-Spieler, und einer ihrer ehe­ma­ligen Kol­legen ist noch immer aktiv. Paolo Mal­dini absol­vierte 1985 sein Debüt in der ersten Mann­schaft und ist seitdem dem Verein treu geblieben. In einem Inter­view hat er erzählt, dass er mor­gens immer zuerst nach dem Wetter schaut. »Das ist das Wich­tigste für mich. Wenn es regnet, bekomme ich Glie­der­schmerzen«, gestand der bald 40-Jäh­rige ein. Als die Presse im ver­gan­genen Sommer über die neu­esten Trans­fers berich­tete, konnte man lesen, dass Juventus Vicenzo Iaquinta von Udi­nese umwarb. Inter holte sich Cris­tian Chivu von der Roma, die wie­derum Ludovic Giuly vom FC Bar­ce­lona ver­pflich­tete. Beim AC Mai­land standen am Ende zwei Namen auf dem Zettel: Kakás kleiner Bruder Digão. Und Ibrahim Ba.

Ich frage Alberto Costa, den Mai­land-Experten der Zei­tung »Cor­riere della Sera«, was eigent­lich mit dem Cham­pions-League-Sieger von 2007 los ist. Der Verein, der einst für Zukunfts­vi­sionen stand, scheint sich nun zumeist an der Ver­gan­gen­heit zu ori­en­tieren. Costa wun­dert das nicht: »Milan hat die gleiche Füh­rungs­riege wie vor 20 Jahren. Man sagt nicht umsonst ›Il Milan ai Mila­nisti‹ – Milan den Mai­län­dern. Es war Vize­prä­si­dent Adriano Gal­liani, der diesen Aus­druck geprägt hat.« Als der AC Mai­land im letzten Jahr im Cham­pions-League-Finale gegen Liver­pool in Athen antrat, erreichte Gal­liani unmit­telbar davor ein Brief, in dem stand: »Wer wie ich das Glück gehabt hat, in Milans Familie zu leben, ver­gisst dies nicht und hört nie auf, sich als ein Teil davon zu fühlen. Des­halb will ich dich, den Prä­si­denten, Carlo und alle Jungs wissen lassen, dass ich bei euch bin in Athen.« Der Brief, der auf der Home­page des Ver­eins ver­öf­fent­licht wurde, war unter­schrieben mit »Euer lieber Freund Manuel Rui Costa«. Er ist nicht der Ein­zige, der öffent­lich seine Liebe zum Klub bekundet. Als Kaká seinen Ver­trag bis 2013 ver­län­gerte, sprach er davon, sein »ganzes Leben lang Rossonero« sein zu wollen. Und als Carlo Ance­lotti einen Kon­trakt bis 2010 unter­schrieb, sagte er: »Ich bin immer mehr mit der Milan-Familie ver­wachsen. Zwi­schen uns exis­tiert eine Bin­dung, die weit über das Beruf­liche hin­aus­geht.« Vize­prä­si­dent Gal­liani, eine der Schlüs­sel­fi­guren des ita­lie­ni­schen Mani­pu­la­ti­ons­skan­dals von 2006, assis­tierte: »Wir haben unseren ersten Ver­trag mit Carlo 1987 unter­zeichnet. Nun sind 20 Jahre ver­gangen, und er ist ein fester Bestand­teil der Mai­länder Familie geworden. Mit diesem Ver­trag nähern wir uns der Sil­ber­hoch­zeit.«

Familie. Dieses Wort kommt, sobald ein Mila­nista den Mund auf­macht. Und Fami­li­en­mit­glieder ent­täuscht man nicht. Alberto Costa glaubt, dass viele Außen­ste­hende das Fest­halten an Ance­lotti nicht ver­standen hätten, als Milan das Cham­pions-League-Finale 2005 nach einer 3:0‑Führung gegen Liver­pool noch verlor. »Ich bezweifle, dass irgendein anderer Verein so gehan­delt hätte«, sagt Costa und weist darauf hin, dass es hier eher die Regel denn die Aus­nahme sei, dass ver­diente Spieler nach der Kar­riere eine neue Auf­gabe im Verein über­nehmen. »Ber­lus­coni und Gal­liani meinen, dass diese Per­so­nal­po­litik erfolg­reich ist, weil sie dazu bei­trägt, das Gemein­schafts­ge­fühl der Spieler zu stärken. Sie können sich als Haupt­figur in einem Aben­teuer fühlen, einem Pro­jekt, einer Idee.« Ich frage, welche Rolle jemand wie Digão dabei spielt. Kakás kleiner Bruder hat nur ein Pflicht­spiel in der ersten Mann­schaft absol­viert, im Pokal kurz vor Weih­nachten gegen Catania. Ihm unter­liefen zwei Fehler, die zu den beiden Gegen­toren bei der 1:2‑Niederlage führten. Costa hat das Spiel gesehen: »Digão ist wirk­lich kein toller Abwehr­spieler, den­noch wird er wie ein großer Star bezahlt. Um Kakás Gehalt aus­zu­rechnen, müsste man eigent­lich hin­zu­nehmen, was der AC Mai­land jeden Monat an seinen Bruder bezahlt.«

Auf dem Trai­nings­ge­lände in Mila­nello ver­sam­meln sich die Spieler im Mit­tel­kreis. Am Haupt­ge­bäude hinter mir hängt ein rie­siges Foto der Mann­schaft, die im letzten Jahr die Cham­pions League gewann. Der Text »Al set­timo ciello« – im siebten Himmel – signa­li­siert, dass es der siebte Tri­umph beim bedeu­tendsten Ver­eins­wett­be­werb der Welt war. Ibrahim Ba joggt Seite an Seite mit Daniele Bonera über das Spiel­feld. Costa sagt: »Wenn die Geschichte mit Digão merk­würdig ist, ist die mit Ba noch viel merk­wür­diger. Offi­ziell ist er ein Teil des Teams, prak­tisch ist er es nicht. Ance­lotti hat ihn noch nie spielen lassen, nicht einmal in den unwich­tigsten Par­tien.« Als Ibrahim Ba im letzten Sommer wieder zum AC Mai­land stieß, gab es unter dem Pseud­onym »dejan69« einen Ein­trag auf der Web­site goal​.com: »Das hier ist absurd und es bringt mich zum Lachen, aber ich mag ›Ibou‹. Ich werde nie ver­gessen, wie er auf der Bank fei­erte, als wir den Scu­detto mit Zac­che­roni gewannen. Ein wirk­li­cher Rossonero.« Das Pseud­noym »Filippo« ant­wor­tete: »Was ist mit See­dorfs Koch pas­siert?« Er bekam keine Ant­wort.

Ein Expe­ri­ment, um zu sehen, was ein Mensch schaffen kann

Der Mann, den er meinte, war Harvey Esajas, geboren 1974 in Ams­terdam, ein guter Freund von Cla­rence See­dorf und einer der­je­nigen, die in den letzten Jahren für Stirn­run­zeln bei den Milan-Fans gesorgt haben. Harvey und See­dorf lernten sich bereits in ihrer Jugend im Nach­wuchs­team von Ajax kennen. Beide hatten Eltern, die aus Surinam kamen. Harvey, der »der neue Rij­kaard« genannt wurde, war der Bes­sere der beiden und ging schon als
18-Jäh­riger fort, als ihm Ajax nicht sofort eine Chance in der ersten Mann­schaft gab. Er wech­selte zu Feye­noord. Dort geriet er in eine Schlä­gerei wäh­rend eines Test­spiels, die als »Hel­derse-Skandal« in die nie­der­län­di­sche Fuß­ball­his­torie ein­ge­gangen ist, zog weiter nach Gro­ningen und dann zu ein paar klei­neren hol­län­di­schen Klubs. Als See­dorf, der inzwi­schen nach Madrid gegangen war, ihm einen Platz in der Reserve von Real ver­schaffte, zögerte Harvey nicht. Das war 1999. Real hatte gerade die Cham­pions League gewonnen und Harvey gelang es nicht, sich gegen die harte Kon­kur­renz durch­zu­setzen. Statt­dessen machte er sich selb­ständig, zuerst mit einem Nacht­club, der »Metro­polis« hieß, dann mit einem Anti­qua­riat. Er nahm auch einen Job beim Zirkus an, wo er Zelte abbaute und in der Bar arbei­tete. Harvey rauchte zwei Schach­teln Ziga­retten am Tag und genoss das Leben. Als der Zirkus dicht­machte, wurde er Tou­ris­ten­führer in Madrid.

Im Januar 2004 rief See­dorf wieder an. Er hatte mitt­ler­weile beim AC Mai­land ange­heuert und schlug vor, Harvey solle vor­bei­kommen und sich das Derby gegen Inter ansehen. Als der pen­sio­nierte Zir­kus­ar­beiter auf dem Flug­hafen lan­dete, brach es aus See­dorf heraus: »Oh Gott, du bist ja fetter als je zuvor!« Harvey wog 120 Kilo und hatte seit drei Jahren nicht mehr Fuß­ball gespielt. Nach ein paar Tagen in Mila­nello sagte er: »Mann, Cla­rence, dass man als Fuß­baller so leben kann, hätte ich nie gedacht. Ihr unter­nehmt etwas mit­ein­ander, ihr trefft euch mit euren Kin­dern, ihr seid wie eine große Familie. Wenn ich so etwas erlebt hätte, hätte ich viel­leicht weiter Fuß­ball gespielt. Braucht ihr nicht noch jemanden in eurer Mann­schaft?« See­dorf nahm den Scherz ernst und fragte Ance­lotti, ob es einen Pro­vinz­klub gäbe, der sich eignen würde. Der Mai­länder Trainer ant­wor­tete, dass Harvey mit Milans Nach­wuchs­team trai­nieren könne, wenn er sich wirk­lich rein­hängen würde.

Am nächsten Morgen kamen Mit­ar­beiter des Milan Lab, des ver­eins­ei­genen medi­zi­ni­schen Zen­trums, und weckten ihn um halb sieben. Sie arbei­teten die Pläne für die nächsten Monate aus: früh raus jeden Morgen, Brei zum Früh­stück und gedüns­tetes Gemüse zum Abend­essen, fünf Stunden Trai­ning am Tag, kein Alkohol, keine Ziga­retten. Für das Milan Lab war es ein Expe­ri­ment, um zu sehen, was ein Mensch schaffen kann. Für Harvey war es eine Chance, sein Leben wieder in den Griff zu bekommen. Einige Nächte weinte er sich in den Schlaf, dann aber war er fest ent­schlossen, es Ance­lotti zu zeigen. Nach vier Monaten wog er 85 Kilo.

Ber­lus­conis Heli­ko­pter-Visiten in Mila­nello sind Legende

Als der Sommer kam, sagte Vize­prä­si­dent Gal­liani: »Wir wollen dir einen Ver­trag für die erste Mann­schaft geben.« Harvey ant­wor­tete: »Zum ersten Mal in meiner Kar­riere glaubt jemand an mich – und das ist aus­ge­rechnet der AC Mai­land. Wollt ihr mich auf den Arm nehmen?« Kurz darauf erzählte er Ance­lotti, dass er sein Ziel erreicht hätte: dass er sich nicht mehr für den Schlech­testen in der Mann­schaft hielt. Neu­gierig erkun­digte sich der Trainer, wer schlechter sei. »Ich denke, es sind sogar zwei: Kaladse und Serginho.« Ance­lotti lachte und sagte: »Okay, ich bin mir nicht sicher, ob ich der glei­chen Mei­nung bin. Aber wenn du es so siehst, kann es nur gut sein.« Der Hol­länder fragte, ob er in der Reserve spielen dürfe. Ance­lotti meinte, es wäre das erste Mal, dass ein Spieler der ersten Mann­schaft mit einem sol­chen Wunsch zu ihm käme, und wil­ligte ein. Nach einigen Par­tien, in denen Harvey gute Leis­tungen gezeigt hatte, gehörte er zum Kader der Ersten für das Pokal­spiel gegen Palermo. Als 80 Minuten gespielt waren, sagte Ance­lotti zu Harvey: »Mach dich warm, du kommst rein.« Harvey ant­wor­tete mit einem Lachen: »Sicher, Mister, sicher.« »Ich meine es ernst, du sollst als linker Außen­ver­tei­diger ran.« Ambro­sini joggte vom Feld, auf der Anzei­ge­tafel erschien ein Foto aus Har­veys dicker Zeit, und das Publikum in San Siro geriet in Ekstase. Harvey hatte sieben Ball­be­rüh­rungen und machte nicht einen Fehler. Einmal drib­belte er vier Gegner aus, kam bis zur Grund­linie und schlug eine Flanke, die Jon Dahl Tomasson an die Latte köpfte. Bei jeder Ball­be­rüh­rung jubelte das Publikum, später lief er minu­ten­lang Ehren­runden.

Wenn ich jetzt über das Trai­nings­ge­lände in Mila­nello schaue, muss ich an Harvey denken. Nach Norden hat man einen Aus­blick auf die schnee­be­deckten Alpen, eine halbe Stunde in Rich­tung Süden liegt eine der schönsten Groß­städte Europas, und auf dem Spiel­feld laufen die Stars herum und machen das, was sie am liebsten tun. Es ist ein Jungs­traum, sich über­haupt nur in diesem Milieu zu bewegen. Wie es wäre, ein Teil dieser Gemein­schaft zu sein, kann ich mir noch nicht einmal vor­stellen.

Eine Familie, in der jeder weiß, wer der Patri­arch ist

Der Jour­na­list Luigi Bar­zani hat in den 60ern eine Kul­tur­studie über die Ita­liener ver­fasst. In seinem Buch »The Ita­lians« schrieb er: »Die erste Quelle der Macht ist die Familie. Die ita­lie­ni­sche Familie ist eine Fes­tung in einem feind­li­chen Land. Inner­halb ihrer Wände und bei ihren Mit­glie­dern findet das Indi­vi­duum Trost, Hilfe, Rat, Rüst­zeug, Dar­lehen, Waffen, Ver­bün­dete und andere Ver­bre­cher, die ihm in seinem Streben zur Seite stehen. Kein Ita­liener, der eine Familie hat, ist einsam.« Das liest sich wie ein Mani­fest des AC Mai­land. Nur so kann man auch begreifen, woher Silvio Ber­lus­conis Füh­rungs­stil kommt. Der Prä­si­dent ist bekannt dafür, seine Orga­ni­sa­tionen lieber mit »Fami­li­en­mit­glie­dern« als mit jungen Stre­bern auf­zu­bauen. Es gibt viele Geschichten, die um Ber­lus­conis Eigen­heiten kreisen. Beim EU-Gipfel 2001 in Göte­borg erhielten Mit­ar­beiter seines Stabes die Anwei­sung, zwei dicke Kissen auf seinem Stuhl zu plat­zieren, damit er nicht so klein aussah, er ist bekannt für rhe­to­ri­sche Ent­glei­sungen (»Ich bin der Jesus Christus der Politik« oder »Mus­so­lini war ein gut­her­ziger Dik­tator«), und seine Besuche mit dem Heli­ko­pter in Mila­nello sind Legende. Da konnte es schon mal pas­sieren, dass der Chef­trainer mitten in der Trai­nings­ein­heit vom Platz eilte, um Ber­lus­coni per­sön­lich zu begrüßen. In einer Familie, in der jeder jeden kennt, aber auch jeder weiß, wer der Patri­arch ist, sind solche Merk­wür­dig­keiten leichter zu akzep­tieren.

»Er hat viele alte Freunde in seinem Geschäfts­im­pe­rium. Adriano Gal­liani etwa hat in seinem Unter­nehmen ange­fangen«, sagt der Schwede Thomas Nordahl, der drei Jahre alt war, als sein Vater Gunnar 1949 als Spieler zum AC Mai­land kam. Als sie sieben Jahre später Mai­land wieder ver­ließen, hatte Thomas eine ita­lie­ni­sche Schule besucht, sich zum Mas­kott­chen der Mann­schaft ent­wi­ckelt und Paolo Mal­dinis Vater Cesare als Baby­sitter gehabt. Er darf also als echter Milan-Experte gelten. »Wenn man über Ber­lus­coni spricht, denken die meisten an den Poli­tiker. Aber man sollte nicht ver­gessen, dass er ein rich­tiger Mila­nista ist, der zur Zeit meines Vaters in der Jugend­mann­schaft des Ver­eins gespielt hat. Im Grunde genommen ist er ein Rie­senfan, und der AC Mai­land gründet auf Kame­rad­schaft. Man küm­mert sich um die Seinen. Wenn ich nach Mila­nello gekommen bin und mich dafür ent­schul­digt habe, dass ich störe, haben sie geant­wortet: ›Du störst nicht, dies ist dein Zuhause.‹«


Lest morgen den zweiten Teil unserer großen Milan-Story.